Burgunde Niemann hatte sich alles so schön vorgestellt. Das Buch zum hundertjährigen Jubiläum der Odenwaldschule sollte im April fertig sein, voll mit Erinnerungen ehemaliger Schüler. Zwei Jahre lang hat sie Beiträge gesammelt und Interviews geführt. Das Wort Missbrauch kam darin nicht vor, nur zwischen den Zeilen. Allenfalls Eingeweihte hätten die Andeutungen verstanden. Plötzlich aber wollen ehemalige Schüler ihre Artikel verändern, korrigieren, etwas hinzufügen. Der Beitrag der früheren Odenwaldschülerin Amelie Fried war schon gesetzt, da hat sie ihn neu geschrieben. Johannes von Dohnanyi konzentriert sich in seinem Text mit einem Mal ganz auf den Missbrauch. Viele bekannte Namen werden in dem Buch auftauchen. Das entlegene Internat war sehr geachtet in der deutschen Oberschicht, bei den Familien von Weizsäcker, Mann, Bosch, Jens, Unseld, Henkel, Porsche.

Gerade hat eine junge Frau der Lehrerin eine E-Mail geschickt, eine Ode an die Odenwaldschule. Damit sollte das Buch eigentlich enden. »Kann man das noch machen?«, fragt Niemann. Ihre Wahrheiten sind durcheinandergeraten, ihr ganzes Berufsleben erscheint in einem anderen Licht, irgendwie beschmutzt. Muss sie alles neu bewerten?

Seit 30 Jahren lehrt sie an der Schule Politik. Sie war da, als die Schüler von Lehrern missbraucht wurden. Der Vorwurf, den sie nun täglich hört, ist: »Ihr habt es doch gewusst! Wie kann es sein, dass ihr so lange geschwiegen habt?«

Draußen ist es schon dunkel. Burgunde Niemann sitzt in ihrem Haus im hessischen Heppenheim auf einem gelben Ohrensessel, ihren Oberkörper weit vorgelehnt. Sie steht auf, setzt sich wieder, ihre Hände fahren übers Gesicht. Niemann hat sich Stichpunkte für dieses Gespräch gemacht, damit sie nichts vergisst. Diesmal will sie alles richtig machen. Sie beginnt, über Gerold Becker zu sprechen, den ehemaligen Schulleiter und Hauptbeschuldigten im Skandal um sexuell missbrauchte Schüler. »Becker war ein Faszinosum«, sagt sie. Stets war er von Freunden und Bewunderern umgeben, wortgewandt war er, geistreich. Niemann erinnert sich an das 75. Schuljubiläum im Jahr 1985, kurz bevor Becker die Schule verließ. Richard von Weizsäcker feierte mit. Und natürlich Hartmut von Hentig , der bekannte Pädagoge, Beckers Lebensgefährte. Sie erzählt von einer Rede, die Becker auf einer Trauerfeier hielt. Ein Kollege fragte anschließend: Was muss ich machen, damit er auch bei meiner Beerdigung spricht? Nachdem Becker im Jahr 1985 die Schule verlassen hatte, stand am Laborgebäude: »Gero, du fehlst uns«. Noch heute verändert sich Niemanns Stimme, wenn sie über Becker redet. Sie wird dann weich und sanft. Burgunde Niemann ist 56 Jahre alt und wirkt in solchen Momenten wie ein Mädchen, das von ihrem Popidol schwärmt. Noch immer hat Becker die Macht über sie nicht verloren.

Gab es Gerüchte? Sie sagt, sie habe nie etwas gehört, nichts gemerkt. Das enge Zusammenleben von Schülern und Lehrern in den »Familien«, in Lern- und Wohngemeinschaften, hat sie nicht hinterfragt, obwohl sie selbst es dort nur ein Jahr ausgehalten hat. Oft klopften Schüler nachts um drei an ihre Tür und wollten über Liebeskummer reden. Sie bekam Schlafstörungen. Nach einem Jahr war sie so erschöpft, dass sie mit ihrem Mann aus dem Internat ins nahe Heppenheim umzog.

Niemann war auch 1998 an der Odenwaldschule, als zwei Schüler Becker zum ersten Mal sexuellen Missbrauch vorwarfen und ihre Geschichte einer Zeitung erzählten. Als sie daran erinnert wird, schweigt Niemann lange. Sie sagt: »Ich hatte damals keinen direkten Draht zu den Opfern, und der Zeitgeist war nicht missbrauchsentschlüsselnd.« Leise fügt sie hinzu: »Ich habe kein Wort geglaubt.«

Die Odenwaldschule ist ein Haus, das Lebenslügen Platz geboten hat

Die Vorstellung war ungeheuerlich, sie konnte nicht wahr sein, sie durfte es nicht. Es hätte alles infrage gestellt. Missbrauch an einem Internat der Reformpädagogik, das für die »Erziehung vom Kind aus« steht? Das erschien ihr unerträglich.

Das Schweigen in der Odenwaldschule hat lange angehalten, und es hat viele Formen angenommen. Es gibt das ängstliche Schweigen, das die Wahrheit aus Sorge um ihre Wucht verstecken will. Es gibt das verdruckste Schweigen, das die Unwahrheit nur mit Mühe unterdrücken kann. Und es gibt das taktische Schweigen, das die Unwahrheit verkleiden will als Wahrheit. Das ist dann schon ein großer Schritt hinein in die innere Logik eines Gebäudes, das Lebenslügen Schutz bieten soll. Die Odenwaldschule ist ein solches Gebäude, umstellt von Verdächtigungen, beschädigt vom Schweigen. Warum nur? Warum ermittelten Staatsanwälte so zaghaft, als sie Ende der neunziger Jahre erste Hinweise auf sexuellen Missbrauch hatten? Warum ließen öffentlich gewordene Berichte fast alle Journalisten kalt? Warum war den meisten Lehrern der Ruf ihrer Schule wichtiger als das Wohl ihrer Schüler? Warum blieb Gerold Becker, der ehemalige Schulleiter, der sich an Schutzbefohlenen verging, ein geachteter Veteran der Pädagogik? Warum wurde sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig, der sich beschönigend vor Becker stellte, so lange geschont? Warum blieb er der verehrte Übervater der Reformpädagogik? Weil Hentig geschützt wurde von mächtigen Intellektuellen, mächtigen Eltern, mächtigen Politikern, Publizisten und Wirtschaftsführern?

Die Geschichte der Odenwaldschule ist eine Geschichte der westdeutschen Eliten, eine durch und durch bundesrepublikanische Geschichte, eine Geschichte von der sanften Karriere, von einem deutschen Versprechen, vom untadeligen Leumund, von einem Hort der Unantastbaren, in dem dann die Schwächsten antastbar wurden.

Auf die Odenwaldschule ging Andreas von Weizsäcker, ein inzwischen verstorbener Sohn des früheren Bundespräsidenten. Auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit besuchte die Odenwaldschule, die sich immer gegen die Bezeichnung »Eliteschule« gewehrt hat, weil sie sich als eine besonders gut funktionierende Gesamtschule versteht, wollte die Kinder der Oberschicht und die Kinder der Unterschicht gleichermaßen willkommen heißen. Ihnen allen haben die Lehrer das Gefühl vermittelt, dass dort auch die letzten Schranken gefallen waren, die Schranken der sozialen Klassen, die Schranken der Lehrer-Schüler-Hierarchien, die Schranken der elterlichen Wärme und Kälte. Eine Wärme, die sich in der Abgeschiedenheit des Internats mühelos ersetzen ließ durch die täuschend echte Zuneigung des Lehrerkollektivs. So entstand eine Macht des sexuellen Zugriffs.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schildert dies auch am Beispiel des ehemaligen Schülers Andreas von Weizsäcker, der in die Schulfamilie von Becker zog, der sich »Gerold« nennen ließ und Schüler morgens mit einem Griff ins Gemächt weckte.

 Gemeinsames Duschen ist doch nicht schlimm

Andreas von Weizsäcker ist erst seit zwei Jahren tot. Seine Familie trauert nach wie vor. Und doch drängen sich Fragen auf: Wenn es stimmt, was über Andreas von Weizsäcker und seine Mitschüler berichtet wird, was wusste sein Vater? Sprach er nicht mit seinem Sohn? Und falls der Vater etwas wusste, warum folgte daraus nichts? Hatten die mächtigen Eltern gepeinigter Kinder keine Möglichkeit, die Missstände abzustellen? Keine Rechtsanwälte, keine Stimme? Worauf reduzierten sich die Familiengespräche dieser Oberschicht? Auf die Bitte der ZEIT um eine Stellungnahme hat Richard von Weizsäcker höflich, aber entschieden geantwortet, er äußere sich dazu nicht. Hartmut von Hentig, der auch von Weizsäcker zu seinen Freunden zählt, hatte der ZEIT bereits ein Interview zugesagt, dann aber lehnte er das Gespräch plötzlich ab. Am Dienstagmorgen schickte er schließlich eine persönliche Erklärung an die ZEIT . Den Vorwürfen weicht er aus, fühlt sich von einem »Tribunal der Medien« getrieben. Die »Hinwendung zum Einzelnen«, das Ideal der Odenwaldschule, lobt er auch jetzt noch, als wirkten diese Worte nicht längst zynisch. Lehrer sollten sich »als Helfer, Freunde, Vorbilder der Schüler verstehen, die ihre Sache mit Leidenschaft treiben«. Was ist das? Realitätsblindheit? Oder der Selbstbetrug eines Betrogenen?

Gemeinsames Duschen? »Nicht schlimm«, redeten sich alle ein

Die Vorsitzende des Trägervereins der Schule, Sabine Richter-Ellermann, die seit 1998 im Vorstand sitzt, erinnert sich an Diskussionen innerhalb ihres Gremiums. »Es war eine Frage des Vorstellungsvermögens, nicht der Loyalität zu Becker. Wir gingen leider davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelte. Von heute aus gesehen, haben wir nicht genügend zugehört, nicht genügend nachgefragt. Vielleicht auch aus einer unbewussten Angst heraus, dass da doch mehr sein könnte.«

Damals fehlten quälende Details. Burgunde Niemann und vielen anderen Mitarbeitern der Odenwaldschule prägte sich vor allem das »gemeinsame Duschen« ein. Nicht so schlimm, dachten sie. »1998 haben die älteren Kollegen eher die Institution als die Opfer geschützt«, sagt Niemann heute. Die Schule reagierte »intern«, sagt sie. »Intern« und »extern« sind die meistgebrauchten Worte in dieser Sache. Bis heute teilen Lehrer und Schüler die Welt in drinnen und draußen, als seien das zwei voneinander getrennte Bereiche der Moral.

Nach den Ereignissen Ende der neunziger Jahre richtete die Odenwaldschule einen Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch ein, von den Schülern wird er nur der »Sexausschuss« genannt. Der Direktor, der inzwischen im Amt war, versuchte, jeden weiteren Kontakt der Schule mit Gerold Becker zu vermeiden. Und die Opfer gerieten wieder in Vergessenheit. Burgunde Niemann ist Mitglied im Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch. Wenn man sie fragt, ob in den vergangenen zehn Jahren etwas passiert sei, ringt sie um jedes Wort: »Ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass jeder Fall so behandelt worden wäre, wie wenn auch Externe dabei gewesen wären.« Zwei Mädchen hatten sich ihr anvertraut, ein Lehrer stelle ihnen nach. Niemann sagt, sie habe eine Abmahnung gefordert, sich aber nicht durchsetzen können. Nichts geschah. Der Lehrer ist bis heute an der Schule. »Die beiden Mädchen sind mit dem Gefühl gegangen, dass ihnen nicht geholfen wurde.«

Im Ausschuss sitzen nur »Interne«. Kollegen sollen über Kollegen urteilen, mit denen sie seit Jahren bekannt oder befreundet sind. An der Odenwaldschule ist ein Klima wie in einem Terrarium entstanden – wohlig warm, aber wenn es zu heiß wird, kann niemand entkommen.

Im vergangenen Jahr hörte Niemann erstmals Einzelheiten. Ehemalige Schüler, Opfer, hatten einen Brief an die neue Schulleiterin Margarita Kaufmann geschrieben. Wie würde die Schule ihren hundertsten Geburtstag feiern? Die Schüler fürchteten eine Huldigung des alten Becker. Kaufmann hat dann mit ihnen gesprochen. In der Schule heißen diese Treffen harmlos »Frankfurter Runde«. Wie ein Gedankenaustausch unter Gebildeten.

Wieder bemühte sich die Schule, die Probleme intern zu lösen. Diesmal ließen sich die Opfer aber nicht zum Schweigen bringen, diesmal wurden sie Teil einer Missbrauchsdebatte. Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte ihre Geschichte. Daraufhin rief Burgunde Niemann einen ihrer ehemaligen Schüler an. Sie redeten zweieinhalb Stunden lang. Davon hat sich Burgunde Niemann bis jetzt nicht erholt. »Da habe ich das erste Mal verstanden, in was für eine unfassbare Einsamkeit ein Kind stürzt, wenn es zum Objekt der Liebe und Lust eines Erwachsenen wird.« Er erzählte darüber, wie schwierig es trotz der sexuellen Übergriffe für ihn war, sich von Becker zu lösen, weil er eine solch »faszinierende Persönlichkeit« gewesen sei. Erst da war sich Niemann sicher, dass alle Vorwürfe stimmten. Weil der Junge etwas aussprach, was sie selbst empfunden hatte – diese Bewunderung. »Ich habe den Mechanismus des Schweigens nicht verstanden«, sagt sie. »Ich dachte, wer reden wollte, hätte reden können. Plötzlich habe ich das ganze Bild gesehen. Das war fast nicht zu ertragen.« In diesem Bild sah sie sich als Teil des Schweigens, verstrickt in einem System aus Loyalität und Scham.

Wenig später erschien in der FAZ ein Artikel der Journalistin Amelie Fried, in dem diese Gerold Becker auffordert, sich zu entschuldigen. Da hielt es Burgunde Niemann nicht mehr aus. Sie rief Hartmut von Hentig in Berlin an. Der habe ihr von seiner Sorge erzählt, dies könne das Ende der Reformpädagogik sein. Alles andere wies er von sich. Erst als die Lehrerin den Namen eines Opfers nannte, glaubte sie Nachdenklichkeit in seiner Stimme zu hören. Ihr wurde klar, dass von ihm keine Erklärungen zu erwarten waren. Dabei waren es doch Becker und Hentig, sagt sie, »die immer zur Zivilcourage an besonderer Stelle aufgerufen haben«.

Auch an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden wurde vertuscht

Und plötzlich ist eine weitere Vorzeigeschule der Reformpädagogik wegen Kindesmissbrauchs in Verruf geraten – die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Sie ist das Werk der engagierten Enja Riegel, der Schulleiterin bis 2003. Die Lehranstalt ist heute Unesco-Projektschule und seit Kurzem auch Club-of-Rome-Schule. Die Schüler entstammen meist der oberen Mittelschicht. 

Riegel selbst hat den Missbrauch an ihrer Schule vor zwei Wochen öffentlich gemacht. In einem Interview mit der ZEIT (Nr. 11/10) erklärte sie, Ende der achtziger Jahre sei eine Schülerin der siebten Klasse zu ihr gekommen und habe gesagt, da geschähen »merkwürdige Dinge zwischen dem Lehrer B. und ein paar Jungs«. Der »Lehrer B.« hieß in Wahrheit Hajo Weber, war Kunsterzieher und ist mittlerweile tot. Vier Jungen im Alter von etwa 15 Jahren habe er bei Saunabesuchen und Ausflügen angefasst.

Sie habe die Kinder sofort zu sich gerufen, sagte Riegel im Interview, die hätten die Übergriffe bestätigt. Und der Lehrer habe damals alles zugegeben. Daraufhin habe sie ihn vom Schuldienst suspendiert. Auf eine Strafanzeige habe sie jedoch verzichtet, im Einvernehmen mit den Eltern, die nicht gewollt hätten, dass ihre Kinder als Zeugen vor Gericht aussagen. Weber sei auferlegt worden, eine Therapie zu machen, und er sei auf eine Stelle versetzt worden, »wo er nur mit Erwachsenen zu tun hatte«.

 Warum schlossen sich die Staatsanwälte dem Schweigen an?

Doch jetzt stellt sich heraus: Von einer Suspendierung – die allein das Schulamt hätte veranlassen können – findet sich in Webers Personalakte nichts. Das erklärt die Leiterin des Wiesbadener Schulamts, Ute Schmidt. Auf die Akte sei Verlass. Jede Personalakte habe eine durchlaufende Paginierung. Hätte jemand ein Blatt entfernt, könne man dies an der fehlenden Seitenzahl erkennen.

Und es gibt noch mehr Ungereimtheiten: Der Kunsterzieher Weber »wurde nie versetzt«, sagt Schmidt. Er sei formal an der Helene-Lange-Schule geblieben, aber jedes Jahr aufs Neue in die Lehrerfortbildung abgeordnet worden. Eine halbe Stelle habe er noch gehabt, gezahlt worden sei ihm weiter das volle Gehalt. Weber hatte den Kontakt zur Helene-Lange-Schule auch nie völlig abgebrochen, wie es vereinbart war. Stattdessen hat er noch an einem Buch über das reformpädagogische Projekt an der Schule mitgearbeitet.

Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler sagt, sie habe gegenüber der Reformpädagogin Riegel »noch einen erheblichen Erklärungsbedarf«. Das Ministerium prüft jetzt rechtliche Schritte gegen die ehemalige Schulleiterin.

Einer der missbrauchten Schüler wirft ihr in einem offenen Brief vor, sie habe ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt, um ihr Lebenswerk zu retten. Was Riegel im ZEIT- Interview gesagt habe, habe ihn »wütend« gemacht. »Wie können Sie behaupten, damals alles richtig gemacht zu haben?«, fragt er sie. »Haben Sie mit uns, mit den damals betroffenen Jungen, darüber gesprochen – jetzt, nachdem einige Zeit vergangen ist? Nein, haben Sie nicht.« Ein anderer Schüler, der angibt, im Alter von 13 Jahren missbraucht worden zu sein, sagt: Was der Kunsterzieher Weber gemacht habe, sei »kein harmloses Anstreicheln gewesen. Heute würde ich den Menschen dafür totschlagen.«

Enja Riegel äußert sich dazu nicht, weil ein Verfahren gegen sie eingeleitet wurde. Auch sie hat sich entschieden zu schweigen.

Aber warum schlossen sich auch die Staatsanwälte dem Schweigen an, obwohl die Ermittler schon vor zwölf Jahren von den Vorwürfen gegen den Leiter der Odenwaldschule erfuhren?

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt, sagt deren Sprecher, sei eine ordentliche Behörde. Sie hält sich auch an die Vorschriften zur Altaktenvernichtung. Deshalb sei die für die Odenwaldschule zuständige Ermittlungsbehörde gesetzlich »verpflichtet«, Akten nach zehn Jahren zu vernichten. Darum, berichtet Staatsanwalt Ger Neuber, hätten die Beamten den Schredder im Herbst 2009 auch gleich mit allen Vorgängen aus dem Jahr 1999 gefüttert.

Jetzt bemühen sich die Ermittler, die gewöhnlich andere anklagen, darum, nicht selbst ins Zwielicht zu geraten. Thorsten Kahl, ein Frankfurter Rechtsanwalt, der mehrere Missbrauchsopfer vertritt, spricht von »Strafvereitelung im Amt«. Die Vorwürfe seien bekannt gewesen, sexueller Missbrauch sei ein Offizialdelikt. »Der Staatsanwalt musste von Amts wegen ermitteln.« In internen Recherchen, im Gespräch mit ehemaligen Kollegen, versuchen die Staatsanwälte jetzt herauszufinden, warum vor gut zehn Jahren nicht gründlicher ermittelt wurde.

Bereits im Sommer 1998 hatten sich zwei Schüler in einem Brief an den damaligen Leiter der Odenwaldschule, Wolfgang Harder, gewandt. Sie schrieben, »Opfer sexueller Übergriffe seitens Gerold Beckers« geworden zu sein: »Und wir sind leider nicht die einzigen.« Harder reichte die Aussagen – mit anderthalb Jahren Verzögerung – ans Schulamt weiter. 1999 erstattete ein weiterer Schüler direkt bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen ähnlicher Vorwürfe.

Die Staatsanwaltschaft befasste sich damals nur mit der Anzeige, die direkt bei ihr gestellt worden war. Der zuständige Dezernent schaute sich den Anzeigentext an und stellte fest, dass es sich um verjährte Taten handele. Daraufhin, im September 1999, stellten die Ermittler das Verfahren ein. »Der Kollege ging von einem Einzelfall aus«, sagt Staatsanwalt Neuber. »Ich gebe zu: Heute sind wir bei diesem Thema sicherlich sensibilisierter als damals.«

Es ist schon später Abend im hessischen Ober-Hambach, in den Häusern auf dem Hügel brennt vereinzelt Licht. Gegenüber der Odenwaldschule wohnt Margarita Kaufmann. Sie öffnet die Tür, als die Politiklehrerin Burgunde Niemann bei ihr klingelt, und stellt eine Flasche Weißwein auf den Tisch. Kaufmann ist erst seit drei Jahren an der Schule, sie gilt als unbelastet. Vorher war sie Kulturbürgermeisterin in Friedrichshafen am Bodensee. Sie sagt, sie komme gerade von der Chorprobe, wegen des großen Schuljubiläums. Auch dieses Programm mussten sie ändern, sie werden nun keine heiteren Musical-Lieder singen, nur getragene Stücke. Der Sektempfang wurde auch gestrichen. Kaufmann erzählt von einem ehemaligen Schüler, der sie gerade angerufen habe, um ihr zu sagen, dass sein Lehrer und »Familienhaupt« ihn immer »angefasst habe«.

 Ein Schweigekartell, zu dem vielleicht auch Journalisten gehörten?

»Da hat eine ganze Lehrergeneration versagt«, bricht es aus Kaufmann heraus. Niemann sitzt daneben und meidet jeden Blickkontakt.

Kaufmann sagt, dass sich immer mehr Opfer melden. Es werden am Ende mehr als die 33 sein, die bis jetzt bekannt sind. »Und ich habe es lange nicht ernst genommen, es emotional gar nicht verstanden«, sagt Niemann in die Stille. »Echt?«, fragt Kaufmann und redet über einen früheren Lehrer, der einen zehn Jahre alten Schüler »wie eine Hexe« in seine Nähe gelockt habe. »Er hat den Bub jede Nacht zu sich geholt.« Später habe er in einer Wohnung in Heppenheim gelebt, wo Schüler auf Partys für Sexdienste eingeteilt worden seien. »Das waren richtige Vergewaltigungen. Analverkehr.« Das alles sei auch gefilmt worden. In Niemanns Blick liegt Entsetzen. Sie sagt nun nichts mehr, während Kaufmann immer lauter wird, aufgedreht vor Erschöpfung.

Sie hat an diesem Tag 17 Stunden lang gearbeitet, manchmal sitzt sie bis spät in die Nacht vor ihrem Computer und beantwortet Mails von ehemaligen Schülern. Sie bemüht sich um die Aufklärung einer Geschichte, die nicht die ihre ist. Atemlos entwirft sie die Idee eines ganzen Netzwerkes, das Gerold Becker gedeckt haben soll. Niemann unterbricht sie und erklärt, wie anziehend Becker auf viele gewirkt habe. Margarita Kaufmann ist ihm nie begegnet. Die beiden Frauen sind fast gleich alt, beide um die 50, aber es wirkt, als hätten sie die vergangenen Jahrzehnte auf verschiedenen Kontinenten verbracht. »Intern« stößt auf »extern«. Als Burgunde Niemann sich verabschiedet, sieht sie aus, als sei ihr schlecht. Ihre Kollegin hat gerade von einer »Bildungsmafia« gesprochen.

Kann das sein? Eine Mafia? Ein Schweigekartell? Zu dem vielleicht auch Journalisten gehörten?

Am 17. November 1999 hatte die Frankfurter Rundschau in einem großen Bericht über sexuelle Übergriffe auf Schüler der Odenwaldschule berichtet. Der Hauptbeschuldigte hieß schon damals Gerold Becker. Ausführlich schildert der Artikel, wie der damalige Schulleiter seine Zöglinge immer wieder »begrapscht« habe, ihnen »an den Genitalien herumfuhrwerkte«, dass Becker »ständig im Schülerbereich geduscht« habe und »Kinderpornohefte konsumierte«.

Die Zeitung stellte den Artikel mit der Überschrift Der Lack ist ab auf ihren prominentesten Platz, die Seite drei. Außerdem kündigte das Blatt seine Exklusivgeschichte auf der ersten Seite an und gab, wie es bei Zeitungen üblich ist, eine Meldung an die Presseagenturen: Systematischer Missbrauch an der berühmten Odenwaldschule. Bekannter Reformpädagoge der Hauptverdächtige .

»Wir dachten, wir hätten einen ganz dicken Stein ins Wasser geworfen«, erinnert sich Jörg Schindler, der Journalist, der den Artikel schrieb. Jetzt, glaubte er, müsse man nur noch auf die Welle warten. Aber die Welle blieb aus. Nur die Stuttgarter Zeitung und zwei Lokalblätter berichteten noch. Merkwürdigerweise griff kein einziges überregionales Medium das Thema auf. Weder die Bild- Zeitung noch die Süddeutsche Zeitung, weder die FAZ noch die Welt, weder der Spiegel noch die ZEIT. Nach einer Woche lag wieder Stille über dem Skandal.

Becker und Hentig hatten Freunde in den Redaktionen, auch bei der ZEIT

Haben die Medien genau wie die Schule versucht, die Missbrauchsfälle totzuschweigen? »Ich habe niemals geglaubt, dass es Zufall war, dass keine weiteren Artikel erschienen«, sagt ein ehemaliger Schüler, der behauptet, missbraucht worden zu sein. Auch unter Reformpädagogen wurde vermutet, dass weitere Enthüllungen auf »hoher journalistischer Ebene verhindert wurden«. Becker und vor allem Hentig hatten einflussreiche Bekannte in vielen Redaktionen, auch bei der ZEIT . Die langjährige Herausgeberin, die verstorbene Marion Gräfin Dönhoff, war mit Hentig befreundet. Sein Reformwerk, auch die Odenwaldschule, wurde in ZEIT- Artikeln wohlwollend besprochen. »Man darf seinen Lehrer auch einmal anfassen, ihn umarmen«, hieß es 1985 in der ZEIT, »es sind so Kleinigkeiten, an denen der Besucher das Klima einer Schule spürt.«

Für ein organisiertes Schweigen, gar eine Verschwörung der Medien gibt es aber keine Hinweise. Stattdessen lagen andere – auch wenig rühmliche – Gründe vor, das Thema Missbrauch nicht zu verfolgen: Fehleinschätzungen über die Dimension des Skandals, Desinteresses am Thema, die Unlust zu recherchieren – und gelegentlich das Bedürfnis, die Reformpädagogik gegen Angriffe zu schützen. Das berichten heute Journalisten, die damals für die Berichterstattung über Schulen verantwortlich waren.

»Es ist schon peinlich, dass wir damals nichts gemacht haben«, sagt etwa Christian Füller, Redakteur der taz . Einige seiner Kollegen, wie Joachim Mohr, der damals beim Spiegel für Bildungsthemen zuständig war, oder Jutta Pilgram von der Süddeutschen Zeitung, können sich an den Beitrag der Frankfurter Rundschau nicht einmal mehr erinnern – und fragen sich heute selbst, wie das möglich war.

Ehemalige Schüler nähern sich dem Internat mit »Gänsehaut«

Der einzige Journalist, der dem Fall Odenwaldschule nach bisherigen Kenntnissen nachging, war der damalige Spiegel- Korrespondent in Frankfurt am Main, Dietmar Pieper. Er besuchte auch Hartmut von Hentig in dessen Privatwohnung in Berlin. Heute sagt er: »Ich bekam nichts Verwertbares heraus, was nicht schon in der Frankfurter Rundschau stand.« Eine Woche später wurde die Spendenaffäre der CDU publik, und Pieper wandte sich von der Schule ab.

 Die Odenwaldschule als "Leuchtturm der Reformpädagogik"

Nicht nur der Frankfurter Rundschau, so hat es vor Kurzem einer der Betroffenen der ZEIT geschrieben, sondern auch der ZEIT sollen im Jahr 1999 über eine Mittelsfrau Informationen über Missbrauchsfälle angeboten worden sein. Angeblich wurde ihr von einem Mitarbeiter versichert, »man kümmere sich um die Sache«. Doch nichts geschah. Als der Bericht in der Frankfurter Rundschau erschienen war, überlegte man in der ZEIT , ob man die Vorkommnisse aufgreifen müsse. Die damals zuständigen Redakteure entschieden sich dagegen, heute erinnert sich die damalige Fachredakteurin Sabine Etzold so: Der Schaden an der Schule sei nicht wiedergutzumachen, juristisch sei die Sache verjährt, Becker entlassen. Und: Durch weitere Berichte werde man der Reformpädagogik schaden.

Auch die Frankfurter Rundschau, die das Thema entdeckt hatte, berichtete nicht weiter. »Journalisten sind Herdentiere«, sagt der Autor Schindler. »Und als die Leittiere nicht vorangingen, blieb auch die Herde stehen.«

Bei der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, der auch die Odenwaldschule angehört, glaubt man bis heute noch, damals angemessen auf die Missbrauchsfälle reagiert zu haben. Auf einer Tagung im Jahr 1999 sei man für ein »Klima der angstfreien Aufklärung« eingetreten, sagt Hartmut Ferenschild von der Internatsberatung der Vereinigung. Den Internaten wurden Supervisionen empfohlen, Schulpsychologen, Sorgentelefone. Ob die Schulen etwas davon umsetzten, blieb ihnen überlassen.

Ein Sorgentelefon, das tatsächlich existiert, ist das der Schulleiterin Margarita Kaufmann in Ober-Hambach. Ständig ruft jemand an und nennt dieses Wort: Missbrauch.

Von draußen dringt Baulärm. Das Schulgebäude wird gerade renoviert, alles sollte schön aussehen zur 100-Jahr-Feier. Kaufmanns Schreibtisch ist mit kleinen Zetteln bedeckt, lauter Telefonnummern.

Kaufmann sagt, sie habe es schwer gehabt in der Odenwaldschule. Vor zwei Jahren, bei einem Treffen ehemaliger Schüler, stellte sie ihr neues Schulkonzept vor, in einer Computerpräsentation, mit PowerPoint. Man kann sich vorstellen, wie das ankam in einem Internat, in dem Handys auf dem Gelände verboten sind. Kaufmann forderte die Öffnung der Schule nach außen, mehr internationalen Austausch. Aber sie spürte die Ablehnung. Ehemalige Schüler erzählten ihr von der Gänsehaut, die sie bekämen, sobald sie sich der Odenwaldschule näherten. Alle duzten sich, nur Margarita Kaufmann bestand weiterhin auf dem Sie. Damit war sie draußen, eine Externe. »Ich kam nicht rein. Es war wie in einer Sekte.«

Damals verteilte die Schulleiterin Karten, auf denen die Schüler notieren sollten, was die Odenwaldschule ausmache. Die Antworten reichten von »zweite Heimat« bis »grüne Hölle«. Der Schulleiterin fiel die extreme Bindung auf, die die Schüler zu ihrer Schule spürten. Und diese Einzigartigkeit, auf der sie bestanden. Diese Arroganz ärgerte sie. Es kann sein, dass Kaufmann ohne den Missbrauchsskandal nicht lange Schulleiterin geblieben wäre. Ihr fehlt die Bewunderung. Sie will Reformen, greift sogar die »Familienstruktur« an, eine Grundsäule der Schule. Sabine Richter-Ellermann, die Vorsitzende des Trägervereins, sagt: »Frau Kaufmann hat sich am Anfang schwergetan. Es ist nicht leicht, die Leitung der Odenwaldschule zu übernehmen, den Leuchtturm der Reformpädagogik.«

Im Vorstand soll es Überlegungen gegeben haben, Kaufmann loszuwerden. Nun wird der gesamte Vorstand zurücktreten. Diesen Machtkampf hat Kaufmann gewonnen. Aber es geht längst um mehr. Um das Überleben der Schule.

Gerold Becker hat einen Brief geschrieben, Margarita Kaufmann holt ihn aus der Post. Sie legt ihn auf den Tisch. Nur Beckers Name ist auf das Papier gedruckt, keine Adresse, keine Telefonnummer. Er schreibt: »Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der Odenwaldschule war (1969–1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedaure ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung.« Ein Eingeständnis. »Das ist alles«, sagt Kaufmann und zeigt den Brief einer Mitarbeiterin, die das Blatt einscannen soll. Die fragt: »Worunter hätten Sie das gern gespeichert?« – »Unter Missbrauch«, antwortet Kaufmann.