Der sechzigste Geburtstag war eines der schönsten Feste seines Lebens. Die engsten Freunde waren im September 1985 gekommen: die Weizsäcker-Brüder Richard und Carl Friedrich, Marion Gräfin Dönhoff ebenso wie der Jurist und Bildungspolitiker Hellmut Becker, der Verleger Ernst Klett, der amerikanische Diplomat George Kennan mit seiner Frau und viele andere. Sein Lebensgefährte Gerold Becker überreichte dem Jubilar Hartmut von Hentig eine Festschrift mit dem Titel Ordnung und Unordnung.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist die einstige Ordnung dieses Freundeskreises dahin. Es herrscht heillose Unordnung. Im Spiegel geriet die Lage zum Symbol: Die Weizsäckers titelte jüngst das Magazin anlässlich des bevorstehenden 90. Geburtstags Richard von Weizsäckers. In der gleichen Ausgabe stieß man unter der Überschrift Planet des Schreckens auf Weizsäckers engen Freund Hartmut von Hentig. Noch nimmt der bedeutende Pädagoge seinen Lebensgefährten Gerold Becker, Direktor der Odenwaldschule von 1971 bis 1985, gegen die Missbrauchsvorwürfe in Schutz. Freitag vergangener Woche dann jedoch das Geständnis: Gerold Becker räumt »Annäherungen und Handlungen« ein, mit denen er Schüler damals »sexuell bedrängt« habe.

Es fällt derzeit schwer, den Überblick zu bewahren. Denn der Fall Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist anders gelagert als die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche: Hier schauen das aufgeklärte, liberale Deutschland und seine Elite in den Abgrund. Richard von Weizsäcker war einst Elternbeiratsvorsitzender an der Odenwaldschule. Sein vor zwei Jahren verstorbener Sohn Andreas war dort Schüler in der »Familie« Gerold Beckers.

Gegen die Herrschaft von Verdacht und Vorverurteilung hilft nur die Aufklärung, im Wissen um tausend Ambivalenzen und verschwommene Erinnerungen – auch wenn die Grauzonen undurchdringlich erscheinen, auch wenn die Verdienste beispielsweise Hentigs um eine befreiend neue Pädagogik in Deutschland unbezweifelbar sind. 1991 hat Hentig in der ZEIT einen »sokratischen Eid« für Pädagogen vorgeschlagen; sie sollten sich unter anderem gegenüber dem Kind verpflichten, »für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen«. Es bleibt die Frage an ihn und sein liberales Milieu, wie Gerold Beckers Übergriffe in Hentigs Nähe übersehen werden konnten.

Aufklärung über sich leistete Hentig – auf 1000 Seiten in seinen zweibändigen Memoiren, die 2007 unter dem bezeichnend selbstbewussten Titel Mein Leben – bedacht und bejaht erschienen. Vielleicht sind es die offenherzigsten Memoiren, die seine die Bundesrepublik so maßgeblich prägende Generation vorgelegt hat. Der so diskrete Richard von Weizsäcker bewunderte seinen alten Freund aus Göttinger Studententagen für diese Offenheit, als er dessen Memoiren in Berlin vorstellte. Hentig, geboren 1925, schildert die Traumata seiner Kindheit, ohne den typisch Hentigschen Tonfall friedliebender Fröhlichkeit je zu verlieren: ein jahrelanger Kampf seiner geschiedenen Eltern um die Kinder; ein Vater, der den Dreijährigen Hartmut zu dessen seelischer Kräftigung vom Dreimeterbrett wirft; das furchtbare Erlebnis, als Kind mitansehen zu müssen, wie sein Vater von Gangstern fast totgeprügelt wird.

Hartmut von Hentig ist hineingeboren in die adelige Elite. Die Hentigs verbringen die Sommermonate oft bei den Dönhoffs auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen, Hartmut wird für die ältere Marion Gräfin Dönhoff zum Lebensfreund. 1944 reitet er für sie ihr Lieblingspferd Alarich nach Quittainen, von wo aus sie die Flucht nach Westen antritt. In den Memoiren schildert er präzise seine Zeit als Unteroffizier im Jahr 1944, im Kampf gegen die Russen: »Ich schieße, und sie fallen. Ich habe Menschen getötet – dieses eine Mal in meinem Leben bewusst und ohne Skrupel.«

Nach dem Krieg beginnt der nicht sonderlich Begabte ein Studium in Göttingen, scheitert damit fast – ein Stipendium in Amerika rettet ihn. Es wird für ihn ein Befreiungserlebnis. Nach fünf Jahren kehrt er zurück, als Lehrer zunächst auf dem Birklehof-Internat des Bildungsreformers Georg Picht, bis er 1963 unhabilitiert Professor für Pädagogik in Göttingen wird. Bald ist er einer der wortmächtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik, eine linksliberale Integrationsfigur, nicht zuletzt deshalb, weil er den alten vordemokratischen Eliten entstammt.

 Grauzonen hat man ab und an lässig übersehen

Hentigs Memoiren, übervoll mit unzähligen Namen, schildern äußerst plastisch ein Netzwerk von bildungsbürgerlichen und adligen Familien, das über Generationen hinweg trägt, hinein in die demokratische Bundesrepublik und dort in einflussreiche Positionen. »Protestantische Mafia« hat Ralf Dahrendorf einst dieses Netzwerk ironisch genannt, zu dem die Weizsäckers, die Hentigs, die Beckers und Gräfin Dönhoff gehören; im Unterschied zur kleinbürgerlich-katholischen Adenauer-Welt. Altes Selbstbewusstsein herrscht bei ihnen, die keine Nazis gewesen waren. Doch für Hentig ist seine Sexualität eine Gefahr. Seine Neigung zu Männern ist bis 1969 noch mit Strafe bedroht.

Der Sohn der befreundeten Professorenfamilie Hermann Heimpels wird von Hentig Mitte der fünfziger Jahre aufs Abitur vorbereitet, bis dessen Eltern ihm den allzu engen Umgang verbieten. Hentig berichtet vom Schmerz und gegenseitigem musikalischen Trost – dem Umgang mit der Familie tut das ansonsten keinen Abbruch. Wie tief die emotionalen Verwicklungen reichen können, offenbart seine intime Schilderung einer gemeinsamen Griechenlandreise 1968 mit seinem Gefährten Gerold Becker und dem schwer erziehbaren zehnjährigen Vetter Nikolaus; eine pädagogische Mission, die scheitert und während der Hentig sich Eifersuchtsgefühle eingesteht. 1982 wird Nikolaus Selbstmord begehen, nachdem es für alle so schien, als hätte er seine schwierige Kindheit hinter sich gelassen.

Seelennöte, Konflikte und Katastrophen werden von Hentig vielfach beschrieben, jedoch ahnt man meistens, dass die psychischen Verwicklungen weitaus tiefer reichen – Schattenseiten eines äußerlich erfolgreichen Lebens. Zu einer Liebeserklärung gerät Hentig die Schilderung seines Abschieds vom im Krankenhausbett sterbenden Greis Carl Friedrich von Weizsäcker 2007; dieser war ihm fünfzig Jahre zuvor ein Mentor gewesen.

Eros jedoch durfte, nein sollte in der Erziehung sein: Das erklärte der Verleger Ernst Klett dem erstaunten Hentig in den fünfziger Jahren. Ein liberales und zugleich selbstbewusst-elitäres Milieu wollte nie in den Geruch der Homophobie geraten. Dass es nach 1945 ohnehin eine einflussreiche traditionelle Mischung von Eros, Geist, Pädagogik und männerbündischer Elitenrekrutierung in der Bundesrepublik gab, hat zuletzt Ulrich Raulff in seiner brillanten Studie Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben beschrieben. Für sein Buch, das die Inspiration mehrerer Generationen durch den Dichter Stefan George nachzeichnet, erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. Zu dieser Männerelite gehörte neben dem Bildungsreformer Picht auch der schillernd-verführerische Hellmut Becker, der 1937 in die NSDAP eingetreten war (worüber er später kaum mehr sprach) und beim Carl-Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber Assistent war. Nach dem Krieg mutierte er zum »Bildungs-Becker«, dem liberalen Bildungsreformer, von 1963 bis 1981 war er Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

So erfolgreich und positiv die »protestantische Mafia« die Bundesrepublik geprägt hat, so sehr mag ein elitäres Grundgefühl dabei geholfen haben, Grauzonen ab und an lässig zu übersehen: Man gehörte schließlich zur Familie. Die lange schlimm verfolgte Homosexualität oder erotisch grundierte pädagogische Beziehungen gehörten ohnehin zur Tradition, ob verdrängt, sublimiert oder offen. Wie sehr unsere Auffassung von Sexualität auch dem historischen Wandel und dem Zeitgeist unterliegt: Im Falle Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist es ein klarer Fall von Elitenversagen, wenn ein Pädagoge und sein befreundetes Umfeld Missbrauch, wie verbrämt auch immer er daherkommen mag, systematisch nicht als solchen wahrnimmt – und sei es aus Liebe. Wer liebt, schaut hin und nicht weg: Wer, wenn nicht ein Pädagoge sollte das wissen?