Grauzonen hat man ab und an lässig übersehen
Hentigs Memoiren, übervoll mit unzähligen Namen, schildern äußerst plastisch ein Netzwerk von bildungsbürgerlichen und adligen Familien, das über Generationen hinweg trägt, hinein in die demokratische Bundesrepublik und dort in einflussreiche Positionen. »Protestantische Mafia« hat Ralf Dahrendorf einst dieses Netzwerk ironisch genannt, zu dem die Weizsäckers, die Hentigs, die Beckers und Gräfin Dönhoff gehören; im Unterschied zur kleinbürgerlich-katholischen Adenauer-Welt. Altes Selbstbewusstsein herrscht bei ihnen, die keine Nazis gewesen waren. Doch für Hentig ist seine Sexualität eine Gefahr. Seine Neigung zu Männern ist bis 1969 noch mit Strafe bedroht.
Der Sohn der befreundeten Professorenfamilie Hermann Heimpels wird von Hentig Mitte der fünfziger Jahre aufs Abitur vorbereitet, bis dessen Eltern ihm den allzu engen Umgang verbieten. Hentig berichtet vom Schmerz und gegenseitigem musikalischen Trost – dem Umgang mit der Familie tut das ansonsten keinen Abbruch. Wie tief die emotionalen Verwicklungen reichen können, offenbart seine intime Schilderung einer gemeinsamen Griechenlandreise 1968 mit seinem Gefährten Gerold Becker und dem schwer erziehbaren zehnjährigen Vetter Nikolaus; eine pädagogische Mission, die scheitert und während der Hentig sich Eifersuchtsgefühle eingesteht. 1982 wird Nikolaus Selbstmord begehen, nachdem es für alle so schien, als hätte er seine schwierige Kindheit hinter sich gelassen.
Seelennöte, Konflikte und Katastrophen werden von Hentig vielfach beschrieben, jedoch ahnt man meistens, dass die psychischen Verwicklungen weitaus tiefer reichen – Schattenseiten eines äußerlich erfolgreichen Lebens. Zu einer Liebeserklärung gerät Hentig die Schilderung seines Abschieds vom im Krankenhausbett sterbenden Greis Carl Friedrich von Weizsäcker 2007; dieser war ihm fünfzig Jahre zuvor ein Mentor gewesen.
Eros jedoch durfte, nein sollte in der Erziehung sein: Das erklärte der Verleger Ernst Klett dem erstaunten Hentig in den fünfziger Jahren. Ein liberales und zugleich selbstbewusst-elitäres Milieu wollte nie in den Geruch der Homophobie geraten. Dass es nach 1945 ohnehin eine einflussreiche traditionelle Mischung von Eros, Geist, Pädagogik und männerbündischer Elitenrekrutierung in der Bundesrepublik gab, hat zuletzt Ulrich Raulff in seiner brillanten Studie Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben beschrieben. Für sein Buch, das die Inspiration mehrerer Generationen durch den Dichter Stefan George nachzeichnet, erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. Zu dieser Männerelite gehörte neben dem Bildungsreformer Picht auch der schillernd-verführerische Hellmut Becker, der 1937 in die NSDAP eingetreten war (worüber er später kaum mehr sprach) und beim Carl-Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber Assistent war. Nach dem Krieg mutierte er zum »Bildungs-Becker«, dem liberalen Bildungsreformer, von 1963 bis 1981 war er Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.
So erfolgreich und positiv die »protestantische Mafia« die Bundesrepublik geprägt hat, so sehr mag ein elitäres Grundgefühl dabei geholfen haben, Grauzonen ab und an lässig zu übersehen: Man gehörte schließlich zur Familie. Die lange schlimm verfolgte Homosexualität oder erotisch grundierte pädagogische Beziehungen gehörten ohnehin zur Tradition, ob verdrängt, sublimiert oder offen. Wie sehr unsere Auffassung von Sexualität auch dem historischen Wandel und dem Zeitgeist unterliegt: Im Falle Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist es ein klarer Fall von Elitenversagen, wenn ein Pädagoge und sein befreundetes Umfeld Missbrauch, wie verbrämt auch immer er daherkommen mag, systematisch nicht als solchen wahrnimmt – und sei es aus Liebe. Wer liebt, schaut hin und nicht weg: Wer, wenn nicht ein Pädagoge sollte das wissen?
- Datum 31.03.2010 - 08:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
- Kommentare 77
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Wohl nicht.
Sind Odenwaldschulen wie kath. Internate über die ganze Republik verstreut? Ist die Odenwaldschule in ev. Trägerschaft?
Gottseidank nicht.
Ist ein Lehrer, der eine 14jährige Schülerin belästigt, ein 'gewöhnlicher Heterosexueller'?
Wohl nicht.
Also: Was soll das?
Die Presse sucht ein neues Thema. Und wer keins hat, der macht sich eins!
Beispiel: Ein atheistischer ZEIT-Redakteur gibt eine falsche Spesenabrechnung ab. Daraus resultieren in allen Online-Ausgaben der deutschen Presse Artikel über die Atheistenmafia!
Die Presse sucht ein neues Thema. Und wer keins hat, der macht sich eins!
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Protestantische Mafia »» kleinbürgerlich-katholische Welt ..
.. so oder so faellt es jedem 'Klub' schwer, sich selbstkritisch den Tatsachen zu stellen, und Fehler einzugestehen, statt die Reihen zu schliessen und eine nicht-sehen-sprechen-hoeren Verteidigung aufzubauen!
Öhm ja, was die EKD mit der Odenwaldschule zu schaffen?
Ach so, gar nichts.
Du wolltest nur mal Äpfel mit Birnen vergleichen, na dann.
Hat ja auch geklappt.
Kannst dich ja als Schreiberling bei der ZEIT bewerben, viel mehr musst du da scheinbar nicht können.
Öhm ja, was die EKD mit der Odenwaldschule zu schaffen?
Ach so, gar nichts.
Du wolltest nur mal Äpfel mit Birnen vergleichen, na dann.
Hat ja auch geklappt.
Kannst dich ja als Schreiberling bei der ZEIT bewerben, viel mehr musst du da scheinbar nicht können.
Die Presse sucht ein neues Thema. Und wer keins hat, der macht sich eins!
Beispiel: Ein atheistischer ZEIT-Redakteur gibt eine falsche Spesenabrechnung ab. Daraus resultieren in allen Online-Ausgaben der deutschen Presse Artikel über die Atheistenmafia!
... solls mir recht sein.
Da der rohrstockschwingende Schulmeister längst ausgestorben ist, brauchts auch keine Reformpädagogik mehr...
Zumindest nicht in entlegenen Ordensburgen...
... solls mir recht sein.
Da der rohrstockschwingende Schulmeister längst ausgestorben ist, brauchts auch keine Reformpädagogik mehr...
Zumindest nicht in entlegenen Ordensburgen...
... solls mir recht sein.
Da der rohrstockschwingende Schulmeister längst ausgestorben ist, brauchts auch keine Reformpädagogik mehr...
Zumindest nicht in entlegenen Ordensburgen...
Was bin ich froh nicht zur Elite zu gehören.
Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl und geben Sie Ihren Kommentaren eine sinnvolle Überschrift. Die Redaktion/sh
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Der Titel "Prostestantische Mafia" führt in die Irre,
weil man in D. mit Protestantismus primär das Luthertum assoziiert.
Zu seiner "Erleuchtung" in den USA:
Bei Hentig führte also eher der US -Calvinismus, das etwas ganz anderes als das Lutherische ist, zu diesem Hang zur humanistischen Esoterik.
Und das ist wohl typisch für einige deutsche nazi- angeknapperte Elite- Familien nach 1945, die sich mal schnell ein neue Grundlage besorgen wollten - und sich so den Amerikanern als den neuen Möchtegern - Weltherrschern andienen.
Also wie heißt er denn nun: Alexander Camman oder Alexander Cammann? Wie der Autor schreibt: Hier kann nur Aufklärung helfen.
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