Der türkische Premier Tayyip Erdogan © BEHROUZ MEHRI/AFP/Getty Images

Die ZEIT: Herr Ministerpräsident, in Deutschland leben heute etwa drei Millionen Menschen türkischer Abstammung. Sind das in Ihren Augen Deutsche oder Türken?

Tayyip Erdoğan: Natürlich sind diejenigen mit türkischer Staatsangehörigkeit Türken. Auch wenn jemand seine Staatsbürgerschaft ablegt, kann er seine ethnische Herkunft nicht ändern. Zurzeit wird ja viel über doppelte Staatsangehörigkeiten gesprochen. In manchen Ländern gibt es sogar die Möglichkeit, drei Staatsangehörigkeiten zu haben. Es gibt Menschen, die mit zwei, manchmal drei Pässen durchs Leben gehen! Ich finde es sehr bedauerlich, dass Deutschland zu den Ländern in der Europäischen Union gehört, die das nicht zulassen. In Frankreich beispielsweise gibt es die doppelte Staatsangehörigkeit. Ich hoffe, dass Deutschland das auch eines Tages erlauben wird.

ZEIT: Wie finden Sie es, wenn sich türkischstämmige Fußballspieler entscheiden, in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen?

Erdoğan: Das muss jeder für sich persönlich entscheiden. Wir sind stolz auf die, die für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Aber wir wären auch stolz, wenn sie für das türkische Nationalteam spielen würden. Wir müssen die persönliche Entscheidung respektieren.

ZEIT: Ist es möglich, gleichzeitig ein echter Türke und ein echter Deutscher zu sein?

Erdoğan: Alles ist möglich, das hängt von jedem Einzelnen ab. Ich glaube aber, dass man trotzdem für eines von beiden Ländern mehr Loyalität verspürt. Aber dann hat keiner, auch wir nicht, das Recht zu fragen, warum die Loyalität für das andere Land vielleicht größer ist. Besonders Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit haben zwei Varianten von Loyalität: Hier ist das Land, in dem ihre Wurzeln sind, in dem sie geboren wurden – dort ist das Land, wo sie aufgewachsen sind, ihr Leben bestreiten und ihr Geld verdienen.

ZEIT: Sehen Sie sich auch als Ministerpräsident der Türken, die in Deutschland leben?

Erdoğan: Wie könnte ich auf diese Frage mit Nein antworten? Diese Menschen sind ja türkische Staatsangehörige. Sie haben jetzt das Wahlrecht in der Türkei. Zum ersten Mal werden bei den Wahlen im kommenden Jahr auch Türken, die im Ausland leben, in der Türkei wählen dürfen. Das hat vor uns keine Regierung geschafft.

ZEIT: Aber so integrieren sich diese Menschen vielleicht weniger gut. Was behindert die Eingliederung der Türken in Deutschland?

Erdoğan: Die erste Generation der Gastarbeiter kam vorwiegend aus Dörfern, deren Bewohner kaum die Schule besucht hatten und ausschließlich mit der Kraft ihrer Hände arbeiten konnten. Sie hatten keine Bildung und dementsprechend große Probleme, die deutsche Sprache zu lernen. Die zweite Generation hat auch große Bildungsprobleme, ist aber schon weiter als die Eltern. Ich denke, dass von der dritten Generation an diese Probleme überwunden sein werden. Immer wieder sage ich den Türken in Deutschland, wie wichtig es ist, dass sie die deutsche Sprache beherrschen, um voranzukommen. 

ZEIT: Nicht alle hören hin. Auch die dritte Generation hat große Sprachprobleme. Warum?

Erdoğan: Hier hat Deutschland noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt. Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch – und das ist leider selten der Fall. In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien – warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben? Dabei gab es, als die deutschen Lycées in Istanbul gegründet wurden, gerade mal eine Handvoll Deutsche in der Türkei. Diese Schulen waren damals schon Ausdruck dafür, dass unser Gesicht immer nach Westen gerichtet war.