Nachhaltigkeit Entwertung
Erst wenn wir uns einschränken, kann nachhaltiges Wirtschaften funktionieren
© Farooq Naeem/AFP/Getty Images

Wasser ist knapp - um so wichtiger wäre, es nachhaltig zu nutzen, also so, dass es als Ressource möglichst erhalten bleibt. Hier füllen Frauen in Islamabad, Pakistan, Behälter mit Trinkwasser
2,75 Millionen Treffer bei Google für »Nachhaltigkeit«, das englische sustainability schafft sogar fast 30 Millionen. »Angela Merkel« muss sich mit knapp sechs Millionen Treffern bescheiden. Der Begriff hat Karriere gemacht. Vermutlich eine nachhaltigere als Anglizismen wie »am Ende des Tages« oder Fußballsprech à la »Leistung abrufen«. Aber wie so oft: Der Erfolg ist ihm nicht bekommen. »Nachhaltig«, inflationär verwendet, meint dann nichts weiter als langfristig, irgendwie zukunftsorientiert, vielleicht auch noch ressourcenschonend – gut halt im weitesten Sinne.
Die Idee stammt aus der Forstwirtschaft und ist ziemlich simpel: Man sollte der Natur nicht mehr abringen, als sie nachliefern kann. Den passenden Namen dachte sich der sächsische Berghauptmann Carl von Carlowitz aus, in seinem Buch Sylvicultura oeconomica schrieb er: »…dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentbehrlich Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleibe mag«. Carlowitz’ Auffassung des Begriffs entsprach übrigens eher der heutigen, er dachte keineswegs in Generationen, befürchtete vielmehr, dass ihm das Brennholz für seine Eisenhütte ausgehe.
Richtig Karriere machte die »Nachhaltigkeit« im folgenden Jahrhundert, aber auch da ausschließlich im Wald: Heinrich Cotta, einer der Begründer der Forstwissenschaft, machte das Prinzip unter Forstwirten auf der ganzen Welt bekannt. Bis es sich aber aus dem deutschen Tann befreite, sollten mehr als zwei Jahrhunderte ins Land ziehen.
1983 riefen die Vereinten Nationen die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung ins Leben, die veröffentlichte vier Jahre später den unter dem Namen ihrer Leiterin Gro Harlem Brundtland berühmt gewordenen Abschlussbericht »Unsere gemeinsame Zukunft«. Das Papier ebnete der ersten Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 den Weg, die Idee, heute darüber nachzudenken, welche Bedürfnisse die Generationen von morgen haben, und ihnen genug dafür übrig zu lassen, war plötzlich auf der weltweiten Agenda.
Doch hat sich die »Nachhaltigkeit« ihre Ecken und Kanten seither abschleifen lassen. Für viele scheint sie heute ein Mechanismus zu sein, bei dem alle gewinnen, keiner verliert. Moralisch und ethisch richtiges Verhalten wird auch noch belohnt, es scheint kaum Einschränkungen, geschweige denn Opfer zu verlangen. Als Anreiz zum Umdenken mag das funktionieren, als »nachhaltige« Motivation muss es scheitern.
- Datum 24.03.2010 - 16:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
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