Vögel über dem brasilianischen Amazonas-Regenwald in der Nähe von Manaquiri, 120 Kilometer von Manaus, Brasilien und Hunderte Kilometer vom Jamari Forest entfernt © Antonio Scorza/AFP/Getty Images

Roberto Waack hat sich die Gummistiefel übergestülpt. »Wegen der Schlangen«, sagt er. Und schon stapft er in den Regenwald und präsentiert seine Produkt. Massaranduba zum Beispiel oder Angelim Vermelho – edles Gehölz für Möbel, Parkett oder Musikinstrumente. Sanft berührt Waack den Stamm einer Louro Gamela. Der gelernte Biologe kennt fast jeden einzelnen Baum in diesem Areal im Jamari Forest, am Südrand des Amazonas nicht weit von der bolivianischen Grenze. Jeden Baum mit einem Durchmesser von mindestens 25 Zentimetern hat er in seinem Computer nach Typ, Größe und Alter aufgelistet – für das Geschäft und für die Natur.

Ein Geschäft, an dem sich auch deutsche Anleger beteiligen können. Waack und seine Firma Amata wollen den Regenwald beschützen vor skrupellosen Holzfällern und illegaler Rodung. »Davon reden andere nur, betreiben aber Monokulturen, die mit Kahlschlag wieder geerntet werden«, sagt der Amata-CEO. Eine Million Hektar will der Brasilianer nachhaltig bewirtschaften, 150.000 hat er schon. Bis zu 130 Millionen Dollar braucht er noch, unglaubliche 315 Prozent Rendite in 14 Jahren verspricht er seinen Investoren. Eine supranationale Bank und eine Staatsbank seien auch interessiert, sagt er. Die Namen könne er noch nicht verraten, aber seine Geschäftspartner und er steckten schließlich selbst auch fünf Millionen in das Projekt, das sie als das »größte Naturwaldschutzprojekt« der Welt bewerben.

Es ist eines dieser Angebote, wie sie in den vergangenen Jahren den Markt überschwemmen. Weil Chinesen und Inder mit wachsendem Wohlstand auch mehr Holz nachfragen und wir Europäer uns CO₂-neutral für Pelletheizungen erwärmen, rechnet die Welternährungsorganisation FAO bis 2050 mit einem Verbrauchsanstieg von 50 Prozent. Und weil nach wie vor alle 311 Tage Waldfläche in der Größe von Deutschland verschwindet und, wenn wir so weiter machen, laut WWF bis 2030 mehr als die Hälfte des Regenwaldes zerstört sein wird, kreucht und fleucht es auf dem Markt für nachhaltige Waldinvestments, durchforsten immer mehr Finanzdienstleister die Wälder nach Rendite und verkaufen bewirtschaftete Waldparzellen, Baumsparpläne oder ganze Wälder – meist wie Amata über eine Beteiligung an einem geschlossenen Fonds.

Im Gegensatz zu Öl und Gas ist Holz ein klimaneutraler Brennstoff. Im Gegensatz zu Öl und Gas wachsen Bäume nach, wenn man sie lässt. Und im Gegensatz zu Gemüse kann man es sich leisten, sie nur dann zu ernten, wenn Holz teuer ist. Einen Preisverfall von acht Prozent gleicht das Wachstum von acht Prozent in nur einem Jahr wieder aus, der biologische Zins wächst mit jedem Altersring. Die perfekte nachhaltige Geldanlage also mit geringer Korrelation zu Aktien. Der NCREIF Timberland Property Index, mangels Börsenpreis so etwas wie der Dax für Holz, ist im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahren um 15 Prozent gestiegen. Aktien schaffen langfristig gerade mal acht Prozent.

Verlockend gerade in Krisenzeiten, doch sollten Anleger genau überlegen, ob sie ihr Geld 20 oder 30 Jahre lang in Projekte fern der Heimat stecken. Politische Risiken, illegaler Raubbau, Naturkatastrophen, Schädlingsbefall oder einfach nur ein schlampiges Forstmanagement können auch seriös kalkulierte Renditerechnungen durchkreuzen. »Das Problem bei geschlossenen Fonds ist, dass sie Geld einsammeln, um überhaupt erst mal einen Forstbetrieb aufzubauen, und dabei mit Zuwächsen rechnen, die meistens nicht haltbar sind«, sagt Michael Köhl, Leiter des Instituts für Weltforstwirtschaft.

30 Milliarden Dollar sind weltweit in Wald investiert

Vielleicht steckt auch deshalb weltweit rund tausend Mal so viel Geld in Dividendenpapieren als im Wald, nicht einmal 30 Milliarden Dollar sind im globalen Forst investiert. In Deutschland zum Beispiel ist es für Privatanleger kaum möglich, sich an Wald zu beteiligen. Zwar stehen hierzulande 34 Milliarden Bäume, Deutschland hat sogar die größten Holzvorräte Europas. Der Forst aber ist zwischen staatlichen, kommunalen und privaten Besitzern längst verteilt im Land. Und wenn mal ein Stück Wald zum Verkauf steht, verfügt die ortsansässige Gemeinde oder der Besitzer der Nachbarparzelle über ein Vorkaufsrecht, um eine weitere Zersplitterung zu vermeiden. Deshalb hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag sogar vermerkt, sogenannte Betriebsgemeinschaften fördern zu wollen. »Wald lässt sich nun mal erst ab einer Größe von 50 bis 150 Hektar wirtschaftlich betreiben«, sagt Köhl.

Und so fließt das Anlegergeld lieber nach Lateinamerika, angelockt von zweistelligen Jahresrenditen, von der Tatsache, dass Bäume dort drei bis vier Mal so schnell wachsen wie in Deutschland, und vom immergrünen Argument, dass Wald ja wohl nur nachhaltig bewirtschaftet werden könne, wenn er bedroht sei, und das ist er nun mal nicht in Deutschland, wo vor allem in den Privatwäldern mehr Holz nachwächst als gefällt wird. Nun hat zwar Brasiliens Umweltminister Carlos Minc letztes Jahr stolz verkündet, dass im Amazonas so wenig Bäume abgeholzt wurden wie seit 21 Jahren nicht mehr. Die 700.000 Hektar, die ausgerechnet das Nationale Institut für Weltraumforschung (INPE) ermittelt haben will, entsprechen aber immer noch fast achtmal der Fläche Berlins.