AuftragskunstDie Freiheit trägt Schnäuzer

Gerhard Richter malt Kölns früheren Oberbürgermeister Fritz Schramma. Warum nur? von Stefan Koldehoff

Als die Glamour-Fotografin Annie Leibovitz vor zweieinhalb Jahren die britische Queen fotografierte, wurde das Ergebnis mit großer Selbstverständlichkeit aufgenommen. Als dagegen in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Gerhard Richter den schnauzbärtigen Kölner Ex-Oberbürgermeister Fritz Schramma abgebildet hatte, war das Ergebnis großes Staunen: Ausgerechnet dem gescheiterten Lokalpolitiker sollte es gelungen sein, den bedeutendsten deutschen Maler zu einer Auftragsarbeit überredet zu haben?

Dabei ist es mehr als nur ein fotografisches Porträt, das Gerhard Richter im Foyer des Kölner Rathauses der Öffentlichkeit vorstellte. Seine Schramma-Darstellung ist vor allem eine Einladung zum Diskurs darüber, ob Auftragsarbeiten in der Kunst noch zeitgemäß sein können. Er habe sich, als die Anfrage kam, an die Anfänge der Malerei erinnert, sagt Richter. Die ersten Tafelbilder seien Aufträge von Kirchen, Fürsten, Mäzenen gewesen: »Davon hat sich die Malerei inzwischen weit wegkatapultiert. Ein Bild besteht heute nur noch aus Freiheit.« Gerade deshalb habe es ihn aber gereizt, einen Auftrag anzunehmen: »Das ist das Gegenteil von freiem, autonomem Künstlertum.«

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Tatsächlich ist das gemalte Porträt die klassische Bildgattung, die sich nach dem Krieg am schlechtesten von ihrem Missbrauch erholt hat. Während sie anderswo das Wesen des Dargestellten wiedergeben durfte, beschränkte sich das Porträt deutscher Politiker und Prominenter im Wesentlichen auf das Ziel physiognomische Ähnlichkeit. Nur wenige widersetzen sich dem – und stießen auf Widerstand. Als sich etwa Willy Brandt für die Porträtgalerie im Kanzleramt 1977 von Georg Meistermann abstrakt malen ließ, tauschte Helmut Kohl das Bild sechs Jahre später gegen eine langweiligere gegenständlichere Fassung von Oswald Petersen aus. An seine selbstverständliche Tradition hat das Auftragsporträt in Deutschland nicht wieder anknüpfen können.

Ironie lautete seitdem oft die Antwort ernst zu nehmender Gegenwartskünstler auf Porträtaufträge. Jörg Immendorff entzog sich der Aufgabe eines Schröder-Bildnisses fürs Kanzleramt durch Flucht ins Pathos. C.O. Paeffgen gab schon 1983 den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau nur noch als Umrisszeichnung wieder. Als Gerhard Richter 1970 dessen Amtsvorgänger Heinz Kühn in einem Birkengarten porträtierte, malte er ihn noch in Öl, stellte durch Verwischung aber klar, dass es sich nur um ein Bild handelt und nicht um die Wirklichkeit. 2004 fand das auf eine Million Dollar geschätzte Diptychon bei einer Auktion keinen Käufer.

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Leserkommentare
  1. Gerhard Richter ist ein freier Mann, ein freier Maler.

    Das sollte genügen

  2. Ich finde es gut, dass Richter porträtiert; in Museen sprechen mich gerade Portraits immer wieder an, als Ausdruck ihrer Zeit als auch der abgebildeten Person, in deren Gesichtszügen, Haltung und Kleidung zu lesen ist, wer es gewesen ist - die Porträtmalerei ist ein wichtiges Genre und Richter hat recht, sich diesem zu widmen; höchstens die Person des Abgebildeten wäre zu diskutieren, aber das ist nur bedingt Sache Richters. Was nun Herrn Schramma - einen in jeder Hinsicht mittelmässigen Politiker, welcher von seinem Bürgermeisterposten geradezu verjagt wurde und unter dessen Aegide, wie jener seiner Vorgänger, Korruption und Misswirtschaft gedieh, ansonsten ist da nur Feigheit und Opportunismus - dazu veranlasst haben könnte, sich porträtieren zu lassen, bleibt wohl sein Geheimnis; an seiner Stelle hätte ich keinen Spiegel im Haus, geschweigedenn ein Oelgemälde. Ob es Richter nun gelungen ist, diese Mensch gewordene Mittelmässigkeit in Oel zu bannen?

    • hagego
    • 26. März 2010 13:30 Uhr

    Gerhard Richter hat den Ex-Oberbürgermeister Fritz Schramma m.W. eben nicht gemalt, sondern fotografiert!

    Das ist ein Unterschied, zumal man ja weiss, dass Gerhard Richter auch exakt so malen kann, als wäre eben ein vermeintliches Ölgemälde in Wirklichkeit eine Fotografie.

    Mit der widersprochenen Erwartungshaltung - ein Riesenfoto statt eines Gemäldes - versetzt Richter den Ex-Oberbürgermeister Kölns zumindest in Erstaunen. Vielleicht verletzt er ihn auch durch diese Art der visuellen Umsetzung. Gerhard Richter widersetzt sich aber so gekonnt der Forderung nach dem bloßen Erfüllen des Wunsches eines eitlen Menschen.

    Schramma in Öl - mit Einstecktuch, gefärbten und geföhnten Haaren: Das wäre ein Tafelbild längst vergangener Jahre gewesen!

  3. Muss denn der Künstler den Auftrag annehmen ? Besteht
    denn ein Zwang ? Was wäre denn wenn ? Wenn der Künstler
    das Ansinnen ablehnen würde ? Konnten das die Lager- künstler ?

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