ErdbebenMauern aus Luft

Selbst Zelte fehlen, von Häusern ganz zu schweigen: Zehn Wochen nach dem Erdbeben hat der Wiederaufbau in Haiti noch gar nicht begonnen von 

Das Sterben ist vorbei. Aber der Abschied von den Toten von Haiti hat noch nicht begonnen. Am ehemaligen Justizministerium im Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince gräbt sich ein Bagger tief in die aufgetürmten Schuttmengen ein. Immer wieder setzt das riesige gelbe Fahrzeug vor und zurück, der schwarze Hinterreifen rollt an den staubigen Farbfotos vorbei, die verstreut herumliegen. Lachende Kinder sind darauf zu sehen, beim Ballett oder bei einer Schulaufführung oder eng an die Geschwister gedrückt für ein klassisches Familienfoto, vergnügt und elegant, damit das Bild im Büro aufgestellt werden kann, auf dem Schreibtisch des stolzen Vaters, den es nicht mehr gibt, im prächtigen Justizministerium, das nicht mehr steht. Der Bulldozer setzt wieder zurück, der Fahrer zirkelt vorsichtig herum, nicht wegen der Fotos, sondern wegen der Leichensäcke, die direkt daneben liegen, in der prallen, tropischen Sonne, schwarze Plastikfolien, unter denen es gärt, Zentimeter nur fährt der Bagger vorbei an den Resten von drei Menschen. Pietätvollen Abstand zum Tod kann sich niemand leisten auf Haiti.

Der Augenblick der Katastrophe und die Zeit der unmittelbaren Nothilfe sind zwar vorbei. Aber eine wirkliche "Zeit danach", eine Zeit des Wiederaufbaus, hat, so schwer vorstellbar das ist, noch überhaupt nicht begonnen. Mit dem Einsetzen der Regenzeit drohen den Überlebenden neue Gefahren. Und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hat sich schon abgewandt. Von 396 internationalen Hilfsorganisationen, die in Haiti medizinische Versorgung leisten, haben sich laut einer Umfrage nur elf verpflichtet, länger als sechs Monate zu bleiben – fünf davon sind allein die verschiedenen nationalen Sektionen von Ärzte ohne Grenzen. Das ist die Lage, in der am kommenden Mittwoch in New York eine Geberkonferenz der Vereinten Nationen für Haiti eröffnet wird.

Anzeige

Es gibt keine Konventionen und keine Rituale für den rechten Umgang mit dem zahllosen Tod. Da gibt es die Toten, die zu Tausenden in Massengräbern verscharrt wurden, in schlecht abgedeckten Gruben auf dem Zentralfriedhof von Port-au-Prince, wo Kinderrippen noch in die Luft ragen, oder an der Küste, nördlich von der Hauptstadt, in der hügeligen Landschaft von Sources Puantes, wo die weißen, namenlosen Kreuze nur vorgaukeln, sie stünden für einen individuellen Leichnam. Aber es gibt auch die anderen, die nicht begraben, sondern nur verschüttet sind. Diese Toten sind noch gegenwärtig, überall sind sie präsent, unter den Trümmern, unter den Lebenden, die sie nicht bergen und nicht betrauern können.

Yvonne Gelné sitzt ordentlich auf einem schmalen, eisernen Stuhl in ihrem Wohnzimmer in Fort National, der Armensiedlung auf dem Hügel von Port-au-Prince, und hält die Hände gefaltet in ihrem Schoß. Die Knie zusammen, die Füße eng beisammengestellt, sitzt sie aufrecht und hält den Kopf mit ihrem feinen, schwarzen Hut sehr gerade. Jeden Tag kommt sie hierher, in ihr Wohnzimmer, setzt sich auf den Stuhl und verharrt dort Stunden. Stumm schaut sie dann vor sich hin, von ihrem Wohnzimmer direkt auf die Straße, wo ihre Nachbarn vorbeilaufen. Wände gibt es nicht mehr. Es gibt eigentlich auch kein Wohnzimmer mehr, weil es auch kein Schlafzimmer mehr gibt, keine Küche, kein Bad. Yvonne Gelné sitzt auf dem Boden ihres Hauses, das auseinandergefallen ist wie die Schalen einer Frucht; die Wände haben einen leeren Kern freigegeben, in dem sitzt Yvonne in einem leuchtend blauen Pullover. "Wie soll ich trauern", sagt sie und streicht ihren glatten Rock noch ein wenig glatter, "wenn meine Schwägerin noch unter den Trümmern liegt." Sie zeigt auf die eingestürzten Mauern hinter ihr. In einem merkwürdig verschobenen Haus mit einem klaffenden Loch darin liegen die Leichen ihrer Schwägerin und ihrer Nichte. Sie mag hier nicht mehr wohnen können, aber sie kann sie auch nicht allein lassen.

Deswegen kommt sie hierher, jeden Tag wie all die Nachbarn, die aus Fort National geflohen sind und die es doch in den offiziellen Lagern nicht aushalten, weil es dort kein Wasser und keine Kanalisation gibt oder weil es für sie gar keinen Platz in einem Lager gab, keine Unterkunft, keine Hilfe. Über 1,3 Millionen Haitianer sind seit dem Erdbeben am 12. Januar ohne Haus, rund 600.000 leben noch immer auf der Straße, trotz all der Spendengelder, trotz all der internationalen Helfer, ein großer Teil davon, wie Yvonne, hat noch nicht einmal ein Zelt. Die, die es nicht in die offiziellen Lager neben dem Präsidentenpalast oder am Flughafen von Port-au-Prince geschafft haben, leben in "improvisierten Zelten" – in Klumpen aus modrigen Holzplanken und rostigem Wellblech, unter Plastikplanen oder unter freiem Himmel. "Mein Zuhause ist dies", sagt Yvonne und zeigt auf Räume, die nur in der Fantasie zu sehen sind. Natürlich weiß sie, ebenso wie all die anderen hier in Fort National, dass es ein Erdbeben gab, dass ihre Häuser zerstört sind, dass die Leichen ihrer Kinder unter den Deckenträgern der Schule noch dahinrotten, dass sie in einem alten Auto auf einem Garagenabstellplatz lebt. Aber sie begreift trotzdem nicht, dass die Wirklichkeit, wie sie sie kannte, nicht mehr existiert.

"Viv Jesus 4ever" steht an der eingesunkenen Wand des Hauses nebenan, das ist die einzige Konstante in dieser Zeit, der Glaube an eine andere Welt, eine, die unzerstörbar ist – vielleicht halten sie deswegen so daran fest in einer Gegend, die dauernd erschüttert wird, vielleicht ist deswegen die metaphysische Gewissheit vom Beben unberührt geblieben. Kein Zorn, nicht einmal ein Zagen ist zu hören gegen einen Gott, der eine solche Katastrophe zulassen konnte, "Gott tut, was er tun muss", sagt Yvonne, als wäre es nicht wichtig, ob sie das, was er tun muss, auch ertragen kann. Einen politischen Adressaten für Bedürfnisse und Bitten gibt es für sie erst recht nicht, die Regierung war vor dem Erdbeben irrelevant, und sie ist es nach dem Erdbeben auch. Klaglose Geduld ist eine Form des Selbstschutzes in einem Land, in dem jede Hoffnung auf Veränderung immer wieder enttäuscht wird. "Obama, we want change" steht an einer Häuserwand neben einer Zeichnung von bittenden Händen, unweit der Avenue Pourplat in Port-au-Prince. Die Straße ist von amerikanischen Militärfahrzeugen abgeriegelt, zwei Soldaten stehen davor, mit schwarzen Sonnenbrillen (obwohl die Sonne gar nicht scheint), und halten die wartenden Haitianer zurück (obwohl die sich gar nicht vordrängeln). Staff Sergeant Hollobaugh dirigiert seine Truppen an die Zufahrtswege zur Kreuzung, an der zwei Lastwagen des Catholic Relief Service parken.

Bald zehn Wochen ist das Erdbeben her, Tausende von amerikanischen Soldaten und internationalen NGOs sind auf Haiti, und wer verstehen möchte, wie hilflos diese Hilfe mitunter aussieht, muss sich nur den Einsatz an diesem Morgen anschauen. "Dies ist anders als Irak oder Afghanistan, hier sind alle betroffen", sagt Hollobaugh und ordnet an, dass alle Haitianer, die am Vortag eine Lizenz zum Abholen von Hilfsgütern erhalten haben, einzeln zu den Lkw vortreten sollen. Es bildet sich langsam eine Schlange, stumm, ängstlich rücken die Menschen vor. Hollobaugh sieht zu, wie Sandra Lorose ihren Teil bekommt, einen riesigen Eimer und eine bunte Plastiktasche. Er sieht, wie sie mit den allzu schweren Gütern jongliert; allein der Eimer verlangt eigentlich zwei Träger; sie hievt den Eimer auf den Kopf und schleift das Paket mühsam über den Boden, Meter um Meter, bis hinter die Absperrungen, wo ihre Schwester steht. Der Staff Sergeant schaut zu, ändert aber nichts an seiner Anweisung: Immer nur einzeln vortreten. Der nächste Glückliche tritt vor den Lkw und gerät auch ins Wanken unter der Last. "Immerhin", erklärt Hollobaugh, "hier wird nicht zurückgeschossen wie in Afghanistan."

Leserkommentare
    • euman
    • 01. April 2010 0:23 Uhr
    1. hümmm

    na brauchen wir nicht zu viel phantasie wo die spende gelder landen....wegen dem wirtschaftskriese sowieso....zu viele helfer org....zu wenig spenden...

  1. Die Zeit der pressewirksamen Hilfe ist vorbei. Haiti ist kaum mehr eine Meldung auf der letzten Seite wert. Dennoch - die Not hört nicht auf, und genauso wenig die Arbeit der vielen Haitianer, die trotz Ihrer Verluste, trotz ihrer zerstörten Häuser jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen, um z.B. im Krankenhaus von Cite Soleil Tag für Tag zusammen mit internationalen Kollegen medizinische Hilfe zu leisten. Auf diesem Weg möchte ich meine Hochachtung für Leute wie Dr. Regis, Billy, den Krankenwagenfahrer oder Infirmiere Lisbeth publik machen.
    Danke auch allen, die medecins sans frontieres unterstützen
    ein "Ex-Choscal"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Erdbeben | Justizministerium | Haiti | Arzt | LKW | Prothese
Service