Jon Flemming Olsen Eine Wurst vereint

Der Schauspieler Jon Flemming Olsen hat in 16 deutschen Imbissen gejobbt. Ein Gespräch über Schnutenwischer und Theken-Philosophie.

Der Schauspieler und Musiker Jon Flemming Olsen

Der Schauspieler und Musiker Jon Flemming Olsen

DIE ZEIT: Herr Olsen, Sie spielen den Imbisswirt Ingo in der Fernsehserie Dittsche . Nun haben Sie die Rolle im echten Leben ausprobiert: Für Ihr Buch Der Fritten-Humboldt haben Sie sich in 16 Buden hinter die Theke gestellt. Warum haben Sie sich die Mühe gemacht?

Jon Flemming Olsen: Es war einfach an der Zeit, mich einmal in die Wirklichkeit der Imbisswelt zu begeben. Der Arbeit, den Gästen und vor allem den Wirten zu begegnen fand ich hoch spannend.

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ZEIT: Sie haben in jedem Bundesland in einem Imbiss gearbeitet. Gibt es regionale Unterschiede?

Olsen: Oh ja! Nahe der dänischen Grenze habe ich einen »Schnutenwischer« kennengelernt, einen dreifachen Weinbrand, der in einem Schnapsglas serviert wird. In Rheinland-Pfalz musste ich »Aufgemotzten« zubereiten: Dabei wird eine bereits gebratene Frikadelle nochmals tiefdunkelbraun nachfrittiert und mit gefühlten 200 Milliliter Ketchup und Mayonnaise in ein Milchbrötchen gestopft. Mehr Kalorien kann man wohl nicht zwischen zwei Brötchenhälften unterbringen.

ZEIT: Haben Sie das Essen auch selber probiert?

Olsen: Ja, und einiges war richtig gut. Die darmlose Currywurst etwa, eine Berliner Spezialität. Die verbindet sich besser mit der Soße. In Jena gab es sehr gute belgische Pommes. Die sind breiter geschnitten, nehmen nicht so viel Fett auf; sie schmecken noch mehr nach Kartoffel. Aber es ging mir bei meiner Tour gar nicht so sehr ums Essen. Vor allem wollte ich mit Menschen ins Gespräch kommen. Deshalb habe ich mir auch Läden ausgesucht, die alteingesessen sind und Stammkunden haben.

ZEIT: Um diese Klientel geht es ja auch bei Dittsche – Olli Dittrich spielt einen Stammgast, der im Imbiss über das Leben sinniert. Haben Sie auf Ihrer Reise Dittsches getroffen?

Olsen: Ich traf viele Menschen mit einem ähnlich großen Bedürfnis, ihrem Gegenüber die Welt oder die Politik zu erklären. In Aventoft in Schleswig-Holstein ging es einmal, kurz vor der Bundespräsidentenwahl, um die Kandidatur des Schauspielers Peter Sodann. »Bundespräsident sein – das kann doch jeder«, behauptete ein Gast. Der Wirt protestierte: Das sei aber weit mehr als Däumchendrehen und Schnapstrinken. Nach kurzem Streit kamen sie zu dem Schluss: Als Gespann, der Wirt und sein Gast, könnten sie Deutschland perfekt repräsentieren.

ZEIT: Was macht die Atmosphäre in einer Imbissbude so besonders?

Olsen: Der gelegentliche Heißhunger auf eine schnelle Wurst eint fast alle Schichten. Das ist dieses archaische Moment: Eine ganze Nachbarschaft versammelt sich ums Feuer, auf dem große Mengen Fleisch braten. Buden heißen oft wie ihre Besitzer, das hat etwas sehr Persönliches: »Heiko’s Grillimbiss«, »Pohly’s Snack-Eck« – der falsche Apostroph ist offenbar gesetzlich vorgeschrieben. Die Menschen sind ehrlicher als anderswo. Dort, wo Fettgeruch und Bierdunst durch den Raum wabern, muss man sich nicht verstellen. Deshalb haben mich auch diese Gourmetbuden nicht interessiert, wo das Bio-Wildschwein über dem Grill brutzelt. Sicher eine feine Sache, aber für mich ohne jeden Erlebniswert.

ZEIT: Wen haben Sie denn in einem Imbiss getroffen, den Sie sonst nicht kennengelernt hätten?

Olsen: Etwa einen stark beleibten Ballonfahrer, der an Höhenangst litt. Oder die US-Soldaten der Kaserne in Heidelberg, die zum Spareribs-Essen in den Imbiss von Hakim kamen – einem Afghanen, der aus seiner Heimat geflohen ist. Während haufenweise Männer in Tarnanzügen vor dem Tresen warteten, wurde mir ein bisschen mulmig. Vor über acht Jahren sind Soldaten dieser Armee in sein Land einmarschiert. Ich dachte, hoffentlich fangen die, bevor die Rippchen fertig sind, nicht noch woanders einen Krieg an.

ZEIT: Ist ein Imbisswirt ein Vertrauter, dem man auch mal sein Herz ausschüttet?

OLSEN: Ja. Besonders berührt hat mich die Geschichte von Hannes, einem Stammgast in Lude’s Imbiss in Aventoft. Ein alter Mann, der als Jugendlicher KZ und Typhus überlebt hat und dann Jahrzehnte mit Knochenarbeit auf dem Feld verbrachte. Trotz alledem strahlt er Frieden aus. Am Abend packte Hannes die Mundharmonika aus und spielte Lilly Marleen. Jeder der anwesenden Stammgäste hatte Tränen in den Augen. Ich auch.

Das Interview führte Anne Lemhöfer

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn **Köche noch nicht einmal die Nomenklatur ihres Berufsstandes beherrschen,brauchen wir uns nicht über die Namensgebung einer Würstchenbude zu wundern.Die großen Player machen doch diesen Quatsch vor und kleinere Gewerbe machen es einfach nach.Der Betreiber einer Imbissbude könnte bei folgenden Firmen einkaufen:
    Müller's Heidefrühstück
    Koch's Meerrettich als Geschmacksverstärker
    Meister Blumberg's Würstchen
    Händelmaier's Senf dazu
    Theo's Backstube ist für die Brötchen zuständig
    Müller's Mühle liefert den Reis
    Wichmann's Enten für den Grill
    Tillman's aus Weißenfels ist der Schnitzellieferant
    (Sächsischer Genitiv,da aus Sachsen-Anhalt)
    Beck'Bier und Maisel's Diätbier löschen den Durst
    Super Dickmann's ,Werther's Original und Dittmeyer's Valensina ist das Angebot für die Kleinen.Alles super!
    Schwachsinn.Wahnsinn.
    So geht die McDonaldisierung unserer Sprache weiter.

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