Jon Flemming Olsen Eine Wurst vereintSeite 2/2

ZEIT: Was macht die Atmosphäre in einer Imbissbude so besonders?

Olsen: Der gelegentliche Heißhunger auf eine schnelle Wurst eint fast alle Schichten. Das ist dieses archaische Moment: Eine ganze Nachbarschaft versammelt sich ums Feuer, auf dem große Mengen Fleisch braten. Buden heißen oft wie ihre Besitzer, das hat etwas sehr Persönliches: »Heiko’s Grillimbiss«, »Pohly’s Snack-Eck« – der falsche Apostroph ist offenbar gesetzlich vorgeschrieben. Die Menschen sind ehrlicher als anderswo. Dort, wo Fettgeruch und Bierdunst durch den Raum wabern, muss man sich nicht verstellen. Deshalb haben mich auch diese Gourmetbuden nicht interessiert, wo das Bio-Wildschwein über dem Grill brutzelt. Sicher eine feine Sache, aber für mich ohne jeden Erlebniswert.

ZEIT: Wen haben Sie denn in einem Imbiss getroffen, den Sie sonst nicht kennengelernt hätten?

Olsen: Etwa einen stark beleibten Ballonfahrer, der an Höhenangst litt. Oder die US-Soldaten der Kaserne in Heidelberg, die zum Spareribs-Essen in den Imbiss von Hakim kamen – einem Afghanen, der aus seiner Heimat geflohen ist. Während haufenweise Männer in Tarnanzügen vor dem Tresen warteten, wurde mir ein bisschen mulmig. Vor über acht Jahren sind Soldaten dieser Armee in sein Land einmarschiert. Ich dachte, hoffentlich fangen die, bevor die Rippchen fertig sind, nicht noch woanders einen Krieg an.

ZEIT: Ist ein Imbisswirt ein Vertrauter, dem man auch mal sein Herz ausschüttet?

OLSEN: Ja. Besonders berührt hat mich die Geschichte von Hannes, einem Stammgast in Lude’s Imbiss in Aventoft. Ein alter Mann, der als Jugendlicher KZ und Typhus überlebt hat und dann Jahrzehnte mit Knochenarbeit auf dem Feld verbrachte. Trotz alledem strahlt er Frieden aus. Am Abend packte Hannes die Mundharmonika aus und spielte Lilly Marleen. Jeder der anwesenden Stammgäste hatte Tränen in den Augen. Ich auch.

Das Interview führte Anne Lemhöfer

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn **Köche noch nicht einmal die Nomenklatur ihres Berufsstandes beherrschen,brauchen wir uns nicht über die Namensgebung einer Würstchenbude zu wundern.Die großen Player machen doch diesen Quatsch vor und kleinere Gewerbe machen es einfach nach.Der Betreiber einer Imbissbude könnte bei folgenden Firmen einkaufen:
    Müller's Heidefrühstück
    Koch's Meerrettich als Geschmacksverstärker
    Meister Blumberg's Würstchen
    Händelmaier's Senf dazu
    Theo's Backstube ist für die Brötchen zuständig
    Müller's Mühle liefert den Reis
    Wichmann's Enten für den Grill
    Tillman's aus Weißenfels ist der Schnitzellieferant
    (Sächsischer Genitiv,da aus Sachsen-Anhalt)
    Beck'Bier und Maisel's Diätbier löschen den Durst
    Super Dickmann's ,Werther's Original und Dittmeyer's Valensina ist das Angebot für die Kleinen.Alles super!
    Schwachsinn.Wahnsinn.
    So geht die McDonaldisierung unserer Sprache weiter.

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