Publikationen in der Wissenschaft Gegen den Strom
Ein Journal für wissenschaftliche Querdenker ist in Gefahr
© Jens Moennich/Getty Images

Einer gegen alle: Der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen musste lange kämpfen. Anfangs glaubte ihm niemand, dass Viren Krebs auslösen können. Heute wird gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft
Früher galten Magengeschwüre als Folgen von übermäßigem Stress. Dann behauptete der australische Arzt Barry Marshall Anfang der achtziger Jahre, das Magenleiden gehe auf eine bakterielle Infektion mit Helicobacter pylori zurück. Ein Spinner, hieß es. Doch er hatte recht, heute werden Magenschleimhautentzündungen mit Antibiotika behandelt, die Geschwüre sind verschwunden.
Der Fall Marshall zeigt, wie schwer es ist, sich als Forscher gegen eine vorherrschende Strömung durchzusetzen. Als Hüter der reinen Erkenntnis gebärden sich zum Beispiel viele Fachjournale. Sie öffnen sich nur für Autoren, die sich einem strengen Gremium von Gutachtern stellen, die bereits Teil des wissenschaftlichen Establishments sind. Dieses Peer Review genannte Verfahren garantiert die Einhaltung wissenschaftlicher Standards, hat aber den Nachteil, dass abseitige Ideen nur selten an die Fachöffentlichkeit durchdringen.
- Das Peer-Review-Verfahren
-
Peer Review bedeutet auf Deutsch die Begutachtung durch Gleichrangige. In der wissenschaftlichen Praxis heißt das, dass Arbeiten, die zur Veröffentlichungen in einem Fachmagazin eingereicht werden, zuvor von Experten auf dem enetsprechenden Gebiet begutachtet werden.
Dabei wird darauf geachtet, dass die Begutachtung einer Forschungsarbeit durch Wissenschaftler erfolgt, die unabhängig sind – also nicht mit der Arbeitsgruppe, um deren Paper es geht, in Beziehung stehen. Meist bleiben die Gutachter anonym.
Das Verfahren dient zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Fälschungen können dabei in aller Regel nicht aufgedeckt werden. (dal)
Bislang blieb Geschmähten noch ein Ausweg: Sie veröffentlichten in Medical Hypotheses, dem einzigen Fachjournal im Wissenschaftsverlag Elsevier ohne Peer Review. Nur der Chefredakteur entscheidet. Doch vor Kurzem hat der Verlag eingegriffen. Ein Skript wurde abgelehnt, weil es zu gefährlich erschien. Es stammte vom notorischen Aids-Leugner Peter Duesberg. Einmal mehr wollte er abstreiten, dass das Virus existiert. Diese hundertfach widerlegte Behauptung hat zum Beispiel in Südafrika dafür gesorgt, dass Politiker das Virus leugneten und der Bevölkerung Medikamente vorenthielten.
Jetzt soll der Chefredakteur des Journals vor die Wahl gestellt worden sein: Er solle Peer Review in sein Blatt einführen – oder abdanken. So schwer das Votum angesichts des Einzelfalls Duesberg fällt: Medical Hypotheses muss bleiben, wie es ist. Auch Peer-Review-Journale haben schon geirrt. Manch gute Ideen sind in Medical Hypotheses geboren worden. Und am wichtigsten: Es braucht dieses Refugium für Querdenker in der medizinischen Wissenschaft. Für Fehlschlüsse sind seine gebildeten Leser selbst verantwortlich. Harro Albrecht
- Datum 26.03.2010 - 12:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Ich verstehe nicht, wieso das im Text angegebene Beispiel über die Erkentnis, dass Helicobacter pylori Magenleiden auslösen kann ein Argument dafür sein soll, ein Peer-Review freies Magazin für Querdenker zu bewahren:
Die Diskussion zu Helicobacter pylori fand von Anfang an in Journalen mit Peer-Review statt (das erste was ich gefunden habe war 1984 in "Lancet" [http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6145023]). Kurz nach Veröffentlichung der Theorie wurde sie sogar im "New England Journal of Medicine" diskutiert, dem wahrscheinlich meist gelesenen medizinischen Journal überhaupt (http://www.ncbi.nlm.nih.g...).
Welchen Vorteil hätte in einem solchen Fall also ein Journal, bei dem man seine Ideen - wenn der Chefredakteur mitspielt - noch einmal ohne Qualitätskontrolle durch Peer-Review (und neben absurden AIDS Theorien) vorstellen kann?
"Sie öffnen sich nur für Autoren, die sich einem strengen Gremium von Gutachtern stellen, die bereits Teil des wissenschaftlichen Establishments sind. Dieses Peer Review genannte Verfahren garantiert die Einhaltung wissenschaftlicher Standards, hat aber den Nachteil, dass abseitige Ideen nur selten an die Fachöffentlichkeit durchdringen."
Dazu 2 Anmerkungen:
Obwohl es unzulässig ist, gibt das wissenschafliche Establishment (Professoren) die Arbeit der Begutachtung gern an Mitarbeiter wie zB Assistenten und Doktoranden ab, die man schwerlich als Teil des Establishments bezeichnen kann.
Durch die mittlerweile riesige Anzahl von Fachjounalen, ist es sehr unwahrscheinlich, daß eine belastbare Idee überall abgelehnt wird. So grosse Seilschaften kann keine Gesellschaft bilden.
Das ganze ist viel problematischer und komplizierter, als hier dargestellt. Tatsächlich ist der review-Prozess ja ohnehin schon zusammengebrochen.
Ich bin selbst Teil des "Establishments" und bin/war Area Editor für unterschiedliche Journals (u.a. Elsevier). Es ist unglaublich problematisch, kompetente Gutachter zu finden - kompetente Leute haben keine Zeit, Gutachten zu erstellen, da es dafür keine Meriten (in welcher Form auch immer) gibt. Es ist mühselig, und in der Regel auch nicht sehr spannend, da sehr viele Einreichungen (weit) von allen vernünftigen Qualitätsstandards entfernt sind. De facto wird wohl die überwiegende Mehrzahl der Gutachten von Mitarbeitern und Doktoranden geschrieben, was aber m.E. kein Problem ist, da die meist sehr viel enger mit einer konkreten Materie vertraut sind, als die Professorenschaft (nur das _Weitergeben_ ist unzulässig; ich frage als Editor aber oft gar keine Professoren an, da die eh ablehnen). Als Editor ist man letztlich auf Bettelei angewiesen.
Das ist bei Konferenzen und Workshops noch schlimmer.
Es wird sich aber daran auch nichts ändern, solange Fördergeldgeber - wie z.B. die DFG, das BMBF oder die EU - die Anzahl an Veröffentlichungen als Qualitätsmass ansehen (die DFG scheint das ja gerade eingesehen zu haben). Solange das so ist, wird das System Wissenschaft dem Äußeren Druck Geldgeber ausweichen und weit mehr Veröffentlichungen produzieren, als tatsächlich notwendig und sinnvoll.
Schönen gRuß, HK
Ein Skript wurde abgelehnt, weil es zu gefährlich erschien. Es stammte vom notorischen Aids-Leugner Peter Duesberg. Einmal mehr wollte er abstreiten, dass das Virus existiert. Diese hundertfach widerlegte Behauptung...
Das macht natürlich neugierig. Was sagt der Mann aus, wo ist die hundertfache wiederlegung?
Als erstes schaue ich bei Wikipedia:
Duesberg vertritt die Ansicht, dass Retroviren vom Typus HIV nicht die Immunschwächekrankheit AIDS verursachen.
Aha, das ist doch schon mal eine andere Aussage, als die ihm vom Artikel in den Mung gelegte.
Doch auch bei Wikipedia finde ich die Behauptung:
Seine Thesen wurden in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen widerlegt.
Allerdings ohne jede Referenz.
Nun kratze ich mich ein wenig am Kopf. Es ist eigentlich nicht die von Wikipedia gewohnte Qualität. Also schaue ich in die Diskussion, vielleicht finde ich dort ein paar genauere Angaben... und tatsächlich ist die Diskussion dort ziemlich kontrovers. Wenn nun so viele eindeutige Gegenbeweise zu seiner Annahme existieren... wieso bringt die keiner ein und es wird nur Referenzlos diskutiert?
Stattdessen finde ich einen Link zu einer Arte Dokumenbtation, die Aufzeigt, dass es sich bei der Kritik Duesbergs alles andere als um die Einzelmeinung eines Verschwörungstheopretikers handelt:
http://video.google.de/vi... die grossen zweifel&hl=de
... "Einer gegen alle: Der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen musste lange kämpfen. Anfangs glaubte ihm niemand, dass Viren Krebs auslösen können. Heute wird gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft."
Auch heute ist noch nicht bewiesen, dass die HPViren Krebs auslösen. Es gibt, wie so oft, eine Korrelation im Auftreten, jedoch keine nachgewiesene Kausalität. Dass nun in (das Gesundheitssystem belastenden) Großaktionen dagegen geimpft wird, ist ebenso wenig ein Beweis.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren