Moskauer Ausstellung "Verbotene Kunst" Vorwurf: Gotteslästerung

In Russland verfolgen orthodoxe Christen unbequeme Künstler und Kuratoren

Gespanntes Verhältnis zur Kunst. Manche fundamentalistischen russischen Orthodoxen protestieren nicht nur gegen Werke der darstellenden Kunst, sondern auch gegen Hollywood-Blockbuster wie hier im Mai 2006 in Moskau gegen den "DaVinci Code"

Gespanntes Verhältnis zur Kunst. Manche fundamentalistischen russischen Orthodoxen protestieren nicht nur gegen Werke der darstellenden Kunst, sondern auch gegen Hollywood-Blockbuster wie hier im Mai 2006 in Moskau gegen den "DaVinci Code"

Wenn der Gerichtstag zu lange dauert, kramen die älteren Frauen auf der Zuschauerbank raschelnd in ihren geblümten Einkaufstaschen. Es wird Zeit für einen Imbiss: Johannisbeeren im Sommer, Kekse im Winter. Auch an geistig orthodoxer Stärkung fehlt es den Frauen im Kopftuch, die kaum einen der 17 Verhandlungstage versäumt haben, nie. Sie murmeln Psalme, bis der Gerichtsdiener »Leiser beten!« gebietet, pressen die Bibel vors Herz oder rufen den Angeklagten ein kehliges »Schande!« zu. Für die religiöse Gesamtleitung der Gläubigenriege im Prozess um die Ausstellung Verbotene Kunst sorgen langbärtige Priester. Sie preisen die Todesstrafe, die im Zarenreich auf das Malen von Ikonen ohne kirchliche Erlaubnis bestanden habe, und raten allen, noch eifriger für die Verurteilung der Angeklagten zu beten. Auch wenn es im Höchstfall nur eine mehrjährige Haftstrafe geben kann.

So skurril das Verfahren vor dem Gericht des Moskauer Taganskij-Bezirks manchmal wirkt – es geht um Bedeutsames: um künstlerische Freiheit und Selbstzensur, moralische Meinungsführerschaft und eine tolerante Gesellschaft. Zur Verhandlung steht eine Kunstausstellung, die im März 2007 im Moskauer Sacharow-Zentrum stattfand. Unter dem Titel Verbotene Kunst trug der damalige Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie, Andrej Jerofejew, 24 Werke zusammen, die ihm der Direktor der Galerie zuvor ohne Begründung von seinen Ausstellungslisten gestrichen hatte. Im Sacharow-Zentrum, in das sich außer Menschenrechtlern und dissidentisch veranlagten Freidenkern nur wenige verirren, wollte er eine Diskussion über die zensierten Kunstwerke anstoßen. Ein Zettel an der Eingangstür warnte Minderjährige und psychisch Labile vor dem Anblick der Werke, die nur durch ein Guckloch in der Wand zu sehen waren.

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Die Kunstpeepshow zeigte eine Blondine, die mit Öl duscht (Titel: Ruhm Russland!), eine mit Kaviar gefüllte Ikone, Lenin am Kreuz und eine Selbstmordattentäterin, deren schwarzer Rock à la Marilyn Monroe hochflattert. Sicherlich wäre diese Ausstellung trotz der Werke namhafter Künstler wie Ilja Kabakow oder Alexander Kossolapow unbedeutend geblieben, wenn nicht 130 gläubige Orthodoxe und Nationalisten eine Klage gegen Jerofejew und den Museumsdirektor Jurij Samodurow angezettelt hätten. »Anstachelung zum nationalen und interreligiösen Zwist« lautet die Anschuldigung. Jerofejew und Samodurow verloren später ihre Arbeit. »Kehrt die Zensur zurück?«, fragten sich russische Künstler.

Zwar gibt es keine Zensurbehörde mehr wie zu Sowjetzeiten. Aber vor allem während der zweiten Amtsperiode von Präsident Wladimir Putin stieß die künstlerische Freiheit wieder an engere Grenzen. Mal sortierten Beamte des Kulturministeriums 85 Werke aus einer Soz-Art-Ausstellung aus, die nach Paris reisen sollte. Mal stoppte der russische Zoll Kunstwerke, darunter eine Fotocollage von Putin, Puschkin und Christus. Die Zensoren handeln dabei oft ohne Direktive von oben. »Seit 2006 haben sich mittlere Beamte und manche Museumsdirektoren in Ausstellungen eingemischt«, erzählt der Angeklagte Jerofejew. Der Selbstzensur fällt die Darstellung von nackten Körpern oder gar Sex, von religiösen Symbolen und Staatspersonen wie Putin zum Opfer. Die heutige Direktorin der Tretjakow-Galerie, erzählt Jerofejew, habe das Bild einer halb nackten Frau mit den Worten entfernt: »Ein russisches Mädchen steht nicht in einer solchen Pose.«

Die Direktorenposten der Staatsmuseen werden häufig wie zu sowjetischen Zeiten mit Beamten besetzt, die zwar von Kunst wenig verstehen, aber Behördenhierarchie und Gehorsam verinnerlicht haben. Ihr Hauptantrieb ist die Angst vor einem Skandal, vor der offenen Debatte und der eigenen Inkompetenz. Aber im Gegensatz zum sowjetischen System fehlen meist die Anweisungen von oben. Umso mehr meiden sie jedes Risiko wie entblößte Brüste und nicht kanonisierte Ikonen.

Denn zu den Hauptgegnern der modernen Kunst zählt eine lockere Allianz aus fundamentalistischen Orthodoxen und Nationalisten. Sie zerstören Kunstwerke oder koordinieren Massenklagen. Ihre Anhänger fühlen sich von der freien, widersprüchlichen Gesellschaft bedroht wie manche der Aufseherinnen der Tretjakow-Galerie, die Installationen aus Jerofejews Sammlung beschädigten, statt sie zu bewachen. Aber auch unter hohen Staatsfunktionären genießen die selbst ernannten Saubermänner Russlands durchaus Sympathie. »Solche gotteslästerlichen Ausstellungen destabilisieren die Gesellschaft und schüren Feindschaft«, argumentiert einer der Kläger, Oleg Kassin, der früher in der fremdenfeindlichen Partei Russische Nationale Einheit das Vaterland zu retten suchte. »Wie hätte denn die internationale Öffentlichkeit reagiert, wenn Provokateure eine Ausstellung zur Schweinezucht neben der Klagemauer in Jerusalem oder ein Bierfestival in Mekka organisiert hätten?«, fragt er rhetorisch. Hinter der Ausstellung Verbotene Kunst stünden amerikanische Gelder, beteuert Kassin und pflegt damit die Verschwörungstheorie von fremden Kräften, die Russland zerschlagen wollen.

Leser-Kommentare
    • Tojoe
    • 07.04.2010 um 9:30 Uhr

    nicht selbst sagen, wenn ihm was stinkt?

    Wird, auch zu anderen Fragen, mal Zeit, dass der sich meldet, so er denn existiert!
    Oder hat er einen von ihm authorisierten Pressesprecher?

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    ich glaub der typ heißt pabst oder so

    ich glaub der typ heißt pabst oder so

  1. ... nein, kann er nicht, da es ihn nicht gibt und so die vermeintlichen "vertreter" auf dem planeten sagen, wie der glaube und die religion auszusehen hat.

    es ist wieder mal der beste beweis dafür, dass religion sich in dinge einmischt, die sie nichts angeht und so nur streit bedeutet. es geht nicht um nächstenliebe, etc. sondern um ausgrenzung (alles anderen, andersartigen, andersgläubigen, andersdenkenden, etc.).

  2. Korrekt hätte die Überschrift des Artikels lauten müssen: "In Deutschland verfolgen Christen unbequeme Künstler und Satirkiker" und dazu dann ein Beitrag über die Reaktionen der Christen auf das titanic-Cover.

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    Haben Sie die Infos darüber etwas konkreter? Link?

    Haben Sie die Infos darüber etwas konkreter? Link?

  3. 1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
    2 Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.
    3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.
    4 Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.
    5 Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.
    6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.
    7 Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.
    8 Die Liebe hört niemals auf. / Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht.

    Der erste Brief an die Korinther, Kapitel 13
    Die höheren Gnadengaben - das Hohelied der Liebe

  4. ich glaub der typ heißt pabst oder so

    Antwort auf "Kann Gott denn...."
    • joG
    • 09.04.2010 um 11:43 Uhr

    ....unter der Rubrik Juden, RKK Misshandlungen von Kindern und Türkische Schulen eine Debatte. Denn was anderes ist die Ausstellung von entarteter Kunst als der Ausdruck einer Meinung. Die hier geäußerten Meinungen waren weithin sehr restriktiv und es wurde gefragt, ob man eine Meinung sollte aussprechen dürfen, die andere verletzt oder gegen die "gute Sitte" verstößt. Sie wurde emphatisch verneint. Mehrfach. Auch hier zulande werden Meinungen unterdrückt von staatlicher Seite. Mein Kampf ist kaum zu erhalten; nur als Beispiel. Viele hier meinen, die Unterdrückung der Meinungen einer Minderheit sei ordentlich. Die Frage ist, ob sie das auch fänden, wenn dann ihre eigene Meinung sittenwidrig ist.

  5. Nicht nur die heute weiter denn je verbreite Mode der Kopie der Kopie höhlt die Ausdruckskraft von Kunst stetig mehr und mehr aus ... auch religiöse Gruppen spucken immer wieder gern in die Suppen der Kreativ-Küchen und Labors.
    War es neulich der Skandal um den Zion-Leuchter auf einer Uzzi während des ARCO in Madrid, kann es heute oder morgen überall zuschlagen und jeden treffen.
    Nur als geballte Massen-Kunst kann eine Arbeit ausreichend Gewicht erlangen, um unverletzlich zu werden und sogar grössere Skandale zu überleben. Die kreative Vernetzung im Internet ist hier von grosser Bedeutung. Eine einfache Form des "Copyright" - mit einer simplen online-Anmeldung, besonders für Werk-Komplexe, ist hierbei anzustreben, wobei jedes angemeldete Werk das Zertikat "Freier Ausdruck" erhalten sollte.

  6. Haben Sie die Infos darüber etwas konkreter? Link?

    Antwort auf "Russland ist nah"

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