Wenn der Gerichtstag zu lange dauert, kramen die älteren Frauen auf der Zuschauerbank raschelnd in ihren geblümten Einkaufstaschen. Es wird Zeit für einen Imbiss: Johannisbeeren im Sommer, Kekse im Winter. Auch an geistig orthodoxer Stärkung fehlt es den Frauen im Kopftuch, die kaum einen der 17 Verhandlungstage versäumt haben, nie. Sie murmeln Psalme, bis der Gerichtsdiener »Leiser beten!« gebietet, pressen die Bibel vors Herz oder rufen den Angeklagten ein kehliges »Schande!« zu. Für die religiöse Gesamtleitung der Gläubigenriege im Prozess um die Ausstellung Verbotene Kunst sorgen langbärtige Priester. Sie preisen die Todesstrafe, die im Zarenreich auf das Malen von Ikonen ohne kirchliche Erlaubnis bestanden habe, und raten allen, noch eifriger für die Verurteilung der Angeklagten zu beten. Auch wenn es im Höchstfall nur eine mehrjährige Haftstrafe geben kann.

So skurril das Verfahren vor dem Gericht des Moskauer Taganskij-Bezirks manchmal wirkt – es geht um Bedeutsames: um künstlerische Freiheit und Selbstzensur, moralische Meinungsführerschaft und eine tolerante Gesellschaft. Zur Verhandlung steht eine Kunstausstellung, die im März 2007 im Moskauer Sacharow-Zentrum stattfand. Unter dem Titel Verbotene Kunst trug der damalige Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie, Andrej Jerofejew, 24 Werke zusammen, die ihm der Direktor der Galerie zuvor ohne Begründung von seinen Ausstellungslisten gestrichen hatte. Im Sacharow-Zentrum, in das sich außer Menschenrechtlern und dissidentisch veranlagten Freidenkern nur wenige verirren, wollte er eine Diskussion über die zensierten Kunstwerke anstoßen. Ein Zettel an der Eingangstür warnte Minderjährige und psychisch Labile vor dem Anblick der Werke, die nur durch ein Guckloch in der Wand zu sehen waren.

Die Kunstpeepshow zeigte eine Blondine, die mit Öl duscht (Titel: Ruhm Russland!), eine mit Kaviar gefüllte Ikone, Lenin am Kreuz und eine Selbstmordattentäterin, deren schwarzer Rock à la Marilyn Monroe hochflattert. Sicherlich wäre diese Ausstellung trotz der Werke namhafter Künstler wie Ilja Kabakow oder Alexander Kossolapow unbedeutend geblieben, wenn nicht 130 gläubige Orthodoxe und Nationalisten eine Klage gegen Jerofejew und den Museumsdirektor Jurij Samodurow angezettelt hätten. »Anstachelung zum nationalen und interreligiösen Zwist« lautet die Anschuldigung. Jerofejew und Samodurow verloren später ihre Arbeit. »Kehrt die Zensur zurück?«, fragten sich russische Künstler.

Zwar gibt es keine Zensurbehörde mehr wie zu Sowjetzeiten. Aber vor allem während der zweiten Amtsperiode von Präsident Wladimir Putin stieß die künstlerische Freiheit wieder an engere Grenzen. Mal sortierten Beamte des Kulturministeriums 85 Werke aus einer Soz-Art-Ausstellung aus, die nach Paris reisen sollte. Mal stoppte der russische Zoll Kunstwerke, darunter eine Fotocollage von Putin, Puschkin und Christus. Die Zensoren handeln dabei oft ohne Direktive von oben. »Seit 2006 haben sich mittlere Beamte und manche Museumsdirektoren in Ausstellungen eingemischt«, erzählt der Angeklagte Jerofejew. Der Selbstzensur fällt die Darstellung von nackten Körpern oder gar Sex, von religiösen Symbolen und Staatspersonen wie Putin zum Opfer. Die heutige Direktorin der Tretjakow-Galerie, erzählt Jerofejew, habe das Bild einer halb nackten Frau mit den Worten entfernt: »Ein russisches Mädchen steht nicht in einer solchen Pose.«

Die Direktorenposten der Staatsmuseen werden häufig wie zu sowjetischen Zeiten mit Beamten besetzt, die zwar von Kunst wenig verstehen, aber Behördenhierarchie und Gehorsam verinnerlicht haben. Ihr Hauptantrieb ist die Angst vor einem Skandal, vor der offenen Debatte und der eigenen Inkompetenz. Aber im Gegensatz zum sowjetischen System fehlen meist die Anweisungen von oben. Umso mehr meiden sie jedes Risiko wie entblößte Brüste und nicht kanonisierte Ikonen.

Denn zu den Hauptgegnern der modernen Kunst zählt eine lockere Allianz aus fundamentalistischen Orthodoxen und Nationalisten. Sie zerstören Kunstwerke oder koordinieren Massenklagen. Ihre Anhänger fühlen sich von der freien, widersprüchlichen Gesellschaft bedroht wie manche der Aufseherinnen der Tretjakow-Galerie, die Installationen aus Jerofejews Sammlung beschädigten, statt sie zu bewachen. Aber auch unter hohen Staatsfunktionären genießen die selbst ernannten Saubermänner Russlands durchaus Sympathie. »Solche gotteslästerlichen Ausstellungen destabilisieren die Gesellschaft und schüren Feindschaft«, argumentiert einer der Kläger, Oleg Kassin, der früher in der fremdenfeindlichen Partei Russische Nationale Einheit das Vaterland zu retten suchte. »Wie hätte denn die internationale Öffentlichkeit reagiert, wenn Provokateure eine Ausstellung zur Schweinezucht neben der Klagemauer in Jerusalem oder ein Bierfestival in Mekka organisiert hätten?«, fragt er rhetorisch. Hinter der Ausstellung Verbotene Kunst stünden amerikanische Gelder, beteuert Kassin und pflegt damit die Verschwörungstheorie von fremden Kräften, die Russland zerschlagen wollen.

 

Viele der Kläger haben die Ausstellung, gegen die sie vor Gericht zogen, nie besucht. Die Bilder sahen sie zum ersten Mal in der Beweismappe des Staatsanwalts. Ihr Ziel ist es, das Sacharow-Zentrum zu schließen und ihre Moralvorstellungen der Gesellschaft vorzuschreiben. Störende Künstler sollten sich, wenn es nach ihnen geht, wie einst unter Breschnew höchstens in der eigenen Wohnung ausleben dürfen.

Der Kreuzzug gegen die moderne Kunst hat manche Galeristen eingeschüchtert. »Sie fürchten die Prozesshansel und Organisationen der Orthodoxen Kirche und meiden provokante Ausstellungen«, sagt Igor Markin, der in Moskau das Art4.ru, ein privates Museum moderner Kunst, gegründet hat. Vor vier Jahren wurde einer der mutigsten Moskauer Galeristen, Marat Gelman, zusammengeschlagen. Auch manche Künstler neigen zur Selbstzensur, oder sie arbeiten gleich im Ausland. »Als Kurator junger Künstler musste ich feststellen«, erzählt Jerofejew, »dass die besten bereits in Paris, Dublin oder Berlin leben.«

Jerofejew kann dem Prozess sogar Positives abgewinnen. Eine frühere Ausstellung im Sacharow-Zentrum, Vorsicht, Religion!, war im Januar 2003 von orthodoxen Bilderstürmern zertrümmert worden. »Mit diesem Prozess sind wir auf dem Weg zu zivilisierteren Streitmethoden«, sagt Jerofejew. Da die Politik in Russland mittlerweile eine größere Liberalität vorgibt, ist zwar mit einem Schuldspruch zu rechnen, doch wird die Strafe wohl eher mild ausfallen. »Im Putinschen Regime herrschte eine Atmosphäre der Angst«, sagt Markin. »Aber die Situation hat sich mit dem Amtsantritt von Präsident Dmitrij Medwedjew verändert.«