Martenstein Die Leerformel
Kaum geschehen Verbrechen, diesmal sexueller Missbrauch, wird eine "Kultur des Hinschauens" gefordert. Unser Kolumnist geht der Karriere der politischen Floskel nach
Seit Wochen lese ich in den Zeitungen nahezu täglich die Formulierung »Kultur des Hinschauens«, meist in Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch an Schulen. Das, was gegen sexuellen Missbrauch an Schulen hilft, ist angeblich eine Kultur des Hinschauens. Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, bin ich sofort dafür. Leider verzichten Personen, die diese Formulierung verwenden, meist darauf, zu erklären, was eine Kultur des Hinschauens eigentlich ist und wie man sich solch eine Kultur konkret vorzustellen hat. »Hinschauen« allein scheint ja keineswegs zu genügen. Es muss noch eine »Kultur« hinzukommen. Die einzige politische Forderung, die in Deutschland nach 1945 jemals ähnlich häufig zu hören war wie die nach einer Kultur des Hinschauens, ist nach meiner Erinnerung die Forderung nach der Wiedervereinigung gewesen.
Ich wollte herausfinden, wer die Formulierung »Kultur des Hinschauens« oder auch »Hinsehens« erfunden hat. Im März 2009, nach dem Amoklauf von Winnenden, forderte unter anderem der Bund Deutscher Kriminalbeamter eine derartige Kultur. Mit ihr würde so ein Verbrechen nicht wieder vorkommen. Dr. Hermann Kues, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, hat, ebenfalls 2009, die KdH zum geeigneten Mittel erklärt, um Gewalt gegen alte Menschen zu verhüten: »Wir wollen eine Kultur des Hinschauens etablieren.« Allerdings wurde bereits im September 2008, nach einer Gewalttat, in der Stadt Offenbach die »Kampagne für eine KdH« gegründet.
Dann dachte ich, dass, lange vor Offenbach, Angela Merkel diese Formulierung erfunden hat. In ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2007 sagte sie nämlich: »Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens, nicht des Wegschauens.« Tatsächlich hat aber ein paar Monate vorher, im Juni 2007, die Schweizer Nationalrätin Evi Allemann in einer Rede zur Jugendgewalt wörtlich den gleichen Satz gesagt! Angela Merkel ist quasi die Helene Hegemann der KdH, und Evi Allemann ist quasi der Blogger Airen.
Evi Allemann wiederum könnte sich beim Deutschen Lehrerverband bedient haben, der im November 2003 folgende Grundsatzerklärung abgab: »Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens.« Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat sogar schon 2001 in einem Interview zum Thema Jugendgewalt eine »Kultur des Hinsehens« gefordert. Und in Bielefeld gibt oder gab es in den öffentlichen Verkehrsmitteln offenbar sogar ein Logo, das die KdH bildlich zu beschreiben versucht, man muss sich die KdH demnach als einen Punkt vorstellen, der von einem Halbkreis umgeben ist, darunter steht der Satz: »Wir schauen hin.« Meinen ältesten Fund aber verdanke ich der Zeitschrift Kriminalistik die im Januar 1996 einen Aufsatz von Angela Behring, Alexandra Göschl und Sylvia Lustig veröffentlichte, Titel: Zur Praxis einer Kultur des Hinschauens. Motivationslagen und Handlungsformen von Angehörigen der bayerischen Sicherheitswacht.
Man kann also sagen, dass seit mindestens 15 Jahren bei jeder auffälligen Gewalttat, und zwar mit zunehmender Tendenz, die Kultur des Hinschauens gefordert wird. Sie will aber einfach nicht kommen, oder vielleicht ist sie sogar längst da, aber sie nützt nichts. Es ist leider auch ziemlich unklar, wie sie aussieht. Deshalb hier, zum ersten Mal, eine verbindliche Definition: »Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens« ist das, was man seit 1996 in Deutschland sagt, wenn man zu einem grauenvollen Verbrechen irgendetwas sagen möchte oder kraft Amtes muss, aber man weiß beim besten Willen nicht, was.
Schweigen ist ja unmöglich.
- Datum 25.03.2010 - 16:25 Uhr
- Quelle ZEITmagazin, 25.03.2010 Nr. 13
- Kommentare 16
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Natuerlich "muss noch eine »Kultur« hinzukommen". (auf welcher Seite war das Zitat bloss nur verflixt nochmal?)
Ich will nicht dozieren da es ja jeder weiss. Es gibt seit langem eine Unkultur des Hinschauens, die Rettungsaktionen behindert, die sich in Dramen ausschlachtenden Berichten ueber neue und noch neuere Faelle widerspiegelt, die nichts aendern fuer die Opfer und die zukuenftige Behandlung solcher Probleme. Jagt die Gaffer vom Ort des Geschehens. Danach - ... Der Ruf "Action" ist wohl auch fehl am Platze. KO
ompetente Leute wie Psychologen muessten sich gegebenenfalls auch an die schweigenden und labernden "Zuseher" wenden und Vorschlaege zur Aktivitaet unterbreiten. Es passiert jedem, dass man angesichts von Gewalt peinliche Bekenntnisse von sich gibt, ohne etwas zu tun. Da ist eine Barriere, die blockt, ob man schweigt oder sich wortreich aeussert. Diese Barriere muss man ueberwinden. (Zeigefinger down.)
Fein bemerkt. Allerdings & selbstverständlich hat Eckhard Henscheid die "Hinschaukultur" in seinem gebundenen Kompendium "Alle 756 Kulturen" bereits aufgenommen (121 Seiten, 2001, Zweitausendeins). Der Kulturenfinder hat dort nur zwei Beispiele aus dem Jahr 2000 angeführt, resp. aus Platzgründen anführen können; man bedenke, der "Kulturen" sind heute etliche in Deutschland, was sag ich... Unmengen! Falls E. H. weiter gesammelt hat, wird er sicherlich schon an die eintausend in seinem Zettelkasten haben.
...ist doch gut. Wenn alle überall hinschauen, haben Alle Alles gesehen. Das ist doch was. Vielleicht sieht man sich selbst beim hinschauen auch mal, und weiß dann wenigstens das man da wohl wo hingeschaut hat.
Außerdem "Kultur des Hinschauens" von 1996! Das sind wieviele Jahre nach dem Milliardengeschäft von Strauß mit der DDR ?
Nun gehen in Bayern die Uhren bekanntlich anders, aber so langsam bestimmt nicht. Das war ein Nachtrag zur Meinugsbildung. Was das mit Verbrechen zu tun hat, auch noch mit grauenvollen, ist da nicht so ganz auszumachen.
Da gab es vor einigen Jahren eine schlagzeilenträchtige Vergewaltigung an einer Münchner Schule, relativ nahe zum Stadtzentrum. Da waren dann auch ziemlich gleichlautende Forderungen zur Kameraüberwachung der Innenstadt zu lesen. Praktisch unisono wurde etwas zum "Hinschauen können" gefordert, daß es bereits seit 20 Jahren gab.
Nun kann ich mir zwar durchaus vorstellen das von "System
des Hinsehens" bis "Kultur des Hinschauens" durchaus mal ein Jahrzehnt ins Land gehen kann. Das ist immerhin eine gewaltige geistige Herausforderung, aber die Praxis ist da wesenetlich schneller. Traditionel ist das so, und ein Angebot braucht eine Nachfrage oder eine kulturelle Forderung. Ob vorauseilend oder nachträglich ist immer eine Frage von welcher Seite aus man die Uhr betrachtet. Wie beim Uhrzeigersinn.
Leitmotiv bei allem ist die Verknüpfung der Kultur der gepflegten moralischen Phrase mit ästhetisch überzeugender Betroffenheitsmimik.
Wenn eine geforderte "Kultur des Hinschauens" zur Floskel verkommt und dessen Bedeutung infolge inflationärer Verwendung ausgehölt wird, dann haben wir viel geredet und gesehen aber noch NICHTS unternommen. Die Sinne für das Leid anderer zu öffnen kann nur der erste Schritt sein, denn dieser ist recht wertlos wenn darauf kein Handeln folgt.
Das waren nun rund 4000 Buchstaben die langatmig geredet, aber nichts gesagt haben. Fakt ist: KdH ist nur eine Heuchelei.
Und der Artikel verallgemeinert falsch. KdH wird nicht bei "Kaum geschehen Verbrechen, diesmal sexueller Missbrauch" praktiziert, sondern dann, wenn der Mißbrauch bzw. das Verbrechen politisch verwertbar ist. Andere Verbrechen, insbesondere solche bei denen über alle Parteien hinweg ein Konsens besteht, werden auch weiterhin ignoriert.
Als Beispiel seien nur einmal die tätlichen Übergriffe in den ARGE/Jobcenter genannt. Haste mitgekriegt: letzte Woche eine Messerstecherei in Essen (http://www.derwesten.de/s...). Oder die Geiselnahme in Aachen vor zwei Jahren? Auch nicht... obwohl diese sogar einen Maulkorbprozess für Leute die Hingeschaut haben im Geleit hat? Oder zighundert weitere Vorfälle mit Fäusten, Messern, Keulen, Pistolen bundesweit in den letzten 5 Jahren? Nun, falls nicht, dann ist man wenigstens in erlauchter Gesellschaft. Alle Politiker quer durch alle Parteien, alle Staatsanwälte, alle Verfassungsrichter und jeder der für Recht und Ordnung steht macht hier eine Kultur des Wegschauens. Hier eine KdH zu heucheln wäre nicht opportun, hieße Folgen wie einen Verzicht auf den Hartzmurks zu riskieren. Nenene, dann würde man ja nicht mehr von Zeit-Kolumnisten mit vorgeblicher Kritik gelobt werden.
... ist natürlich eine Floskel. Nichtsdestotrotz würde ich sie nicht als komplett sinnlos betrachten. Sie stellt eine indirekte Ermutigung und auch Aufforderung an die Leute dar, die Augen offen zu halten, z.B. das ständige Heulen und Schreien der Nachbarskinder vielleicht doch mal beim Jugendamt zu melden. Die Floskel dient sozusagen der ständigen Versicherung eines innergesellschaftlichen Konsens.
Würde ein Politiker (oder aktuell etwa ein kath. Geistlicher) eine "Kultur des Schweigens" fordern, dann wäre das nicht weniger eine Floskel und trotzdem würde man die Person vermutlich massiv anfeinden.
Nichts nützt das offene Auge, wenn der Mund geschlossen ist! Nichts nützt der offene Mund, wenn die Hand in der Tasche verbleibt.
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