Ferdinand von Schirach"Mein Beruf war eine Art Rettung"

Ferdinand von Schirach über sein Gefühl, nicht dazuzugehören von 

ZEITmagazin: Herr von Schirach, als Strafverteidiger haben Sie Einblick in viele Lebensschicksale. Entdecken Sie in ihnen irgendeinen Sinn?

Ferdinand von Schirach: Einen Sinn des Lebens? Nein. Es soll in unserer Galaxie hundert Milliarden solcher Sonnensysteme wie unseres geben und wiederum hundert Milliarden solcher Galaxien. Und das soll nur zehn Prozent des Universums ausmachen, dazwischen ist es leer und kalt. Wenn Sie sich das nur zwei Sekunden lang vorstellen, ist alles, was wir tun, völlig unbedeutend. Und doch müssen wir mit dieser Kälte und Leere leben. Uns rettet die Kultur, sie trennt uns einzig vom Chaos.

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ZEITmagazin: Ein bisschen fröstelt es mich schon, wenn Sie so reden.

Ferdinand von Schirach

wurde 1964 in München geboren. Seit 1994 arbeitet er als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin. Er hat unter anderem das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski vertreten. 2009 erschien sein Buch »Verbrechen« im Piper Verlag, das in fiktionalisierter Form Fälle aus seiner Anwaltstätigkeit erzählt

von Schirach: Ach, kommen Sie: Es gibt diesen wunderbaren Satz von Aristoteles , dass am Beginn aller Wissenschaft immer das Erstaunen steht, dass die Dinge sind, wie sie sind. Und die Dinge sind wirklich, wie sie sind. Sie können nichts daran ändern. Die richtige Haltung scheint mir deshalb ein verhaltenes Mittun zu sein.

ZEITmagazin: Haben Sie ein pessimistisches Menschenbild?

von Schirach: Nein. Pessimistisch oder optimistisch – diese Begriffe würden ja voraussetzen, dass man etwas erwartet. Ich arbeite jetzt seit 16 Jahren in der Strafjustiz, ich habe genügend Tote gesehen – ich erwarte nichts mehr. Ich bin zufrieden, wenn es irgendwie weitergeht. Wir leben ja in einer großartigen Zeit. Es gibt keinen Krieg in Europa , und wir können bei einem netten Italiener zu Mittag essen. Das ist schon mehr, als die meisten Generationen vor uns hatten. Es ist sehr viel.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen  |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Ich weiß nicht, ob mir das nicht doch zu wenig an Sinnstiftung ist... 

von Schirach: Das Schöne ist – und vielleicht beruhigt Sie der Gedanke –, dass nichts verloren geht. Es spielt keine Rolle, wie sich die Atome zusammensetzen, aufs Ganze gesehen bleibt alles, wie es ist. Und es gibt noch einen anderen tröstlichen Gedanken: dass wir dazugehören. Wir gehören zur Gemeinschaft der Menschen.

ZEITmagazin: Was hat Sie an dem Beruf des Strafverteidigers gereizt: die Fülle der Geschichten?

von Schirach: Die Geschichten sind wunderbar, ja, sie sind ein guter Grund für diesen Beruf. Aber eigentlich ist das jetzt die Frage nach der Rettung.

Leserkommentare
    • hagego
    • 26. März 2010 10:22 Uhr

    Das Interview zwischen dem Strafverteidiger Ferdinand von Schirach und dem stellv. Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons, Ijoma Mangold, beschreibt m.E. ganz gut, den präzisen Blick von Schirachs auf seine Kindheit, Jugend und jetzige Tätigkeit als Anwalt. Ziemlich distanziert berichtet von Schirach über seine An- und Aussichten. Er relativiert stark und setzt das eigene Dasein nicht an die erste Stelle. Kein Zufall scheint mir sein Verweis auf den Maler Edward Hopper zu sein. Hopper entdeckte die Leere mitten im Trubel der Großstadt. Ferdinand von Schirach entdeckt immer wieder die Verzweiflung und Ohnmacht, wenn Mandanten sich mit ihm über Gedanken oder Taten unterhalten. Er lässt sich nicht täuschen von einer scheinbaren Glitzerwelt, wie sie z.B. James Rizzi immer wieder auf die Leinwand bringt. Ein Strafverteidiger sieht auch die dunklen Ecken unserer Gesellschaft - und dieser "visuelle Protokollführer" ist in der Tat der amerikanische Maler Edward Hopper (1882-1967).

    Ferdinand von Schirachs Buch "Verbrechen" liest sich, als sei es von "leichter Hand" geschrieben worden - als ein Stenogramm unserer Gesellschaft. Aber warum faszinieren mich dann diese kurzen Einblicke in ein völlig fremdes Leben? Weil der Autor m.E. sehr genau beschreibt, dass es in den Lebensläufen seiner Mandanten immer wieder Weggabelungen gab, deren Richtungen einerseits auf das bürgerliche Leben und andererseits auf das "Verbrechen" zeigten.

    Von Schirachs Frage: "Wohin führt uns unser Leben?"

    • BBH
    • 28. März 2010 20:00 Uhr

    Dieses Thema beschäftigt auch mich und berührt mein Leben.

    Beim Lesen dieses Artikels wanderten meine Gedanken zu dem kürzlich von mir gelesenen Buch "Und Nietzsche weinte" von Irvin D. Yalom und einem - wie ich fand - starken Satz, den ich dort fand. In diesem sagt der Arzt Breuer zu Nietzsche gegen Ende des Buches in etwa: "Paradox! Einsamkeit existiert nur in der Einsamkeit. Sobald sie geteilt wird, löst sie sich auf."

    Es ist möglich, Fremdsein und Einsamkeit zu durchbrechen. Der Anfang ist gemacht durch das Mit-teilen.

  1. Ich war ja ganz gespannt, ob der Reporter das Thema anschneidet.
    Die Spannung stieg immer mehr an, als von Schirach ausgiebig auf
    sein Fremdheitsgefühl einging. Dann die Frage:

    "Kann Ihr Fremdheitsgefühl auch etwas mit Ihrer Familiengeschichte zu tun haben?"

    Antwort:So ein Unsinn.

    Kurz und kanpp, fast schon beleidigend, ganz als ob man ein sehr unangenehmes Thema abblockt. Wenn er sich immer so verhalten hat,
    dann fremdelt er wahrlich.

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