Gebete muss man haben und hören. Dankgebete, um all die Herrlichkeit aufzunehmen. Trauer-, Mitleidsgebete. Fürbitten, um das »Nie-wieder« und die Hoffnung auf eine helle Zukunft zu unterstützen. Denn wie anders soll man durch ein Land reisen, in dem die Erinnerung an einen Genozid allgegenwärtig ist? Wenn einen doch dieses Ruanda mit seinen grünen Hügeln und wolkenumschleierten Vulkanen verzaubert, man auf Tuchfühlung mit Gorillas geht und sich durch den letzten Bergregenwald der Erde kämpft? Wenn man eigentlich nur schwärmen möchte. Von diesem Licht, das über dem dampfenden Boden flimmert, und den satten, strahlenden Farben. Wenn aber andererseits dieses Land auf den Reisenden die Asche streut, aus der es einst stieg, und ihm seine Toten mit auf den Weg gibt?

Das erste Gebet. Es strömt durch die geöffneten Türen der katholischen Kirche St-Famille hinaus auf den Boulevard de L’Oua. Jesu Güte hat uns erlöst, schreit der Pastor, und die Gemeinde antwortet mit einem dröhnenden Halleluja. Auf den Kirchenstufen strecken Bettler ihre Hände aus, barfüßige Kinder drängen einem Telefonkarten auf. Im Sand picken ein paar magere Hühner nach Würmern. Vor sechzehn Jahren lagen auf dem Lehmboden von St-Famille 100 Leichen. Es waren Tutsi, die in der Kirche Zuflucht vor der mordenden Meute suchten. Und es waren Hutu, die machetenschwingend durch das Land zogen und selbst vor den Gotteshäusern nicht haltmachten, auch nicht vor St-Famille. Was im April 1994 geschah und einhundert Tage dauerte, eine Million Opfer forderte, ging als der letzte Genozid des ausgehenden Jahrhunderts in die Geschichte ein. Jetzt dringt Lobgesang aus der Kirche, und von Hutu, von Tutsi zu sprechen ist verboten. Stattdessen handelt die Predigt von Menschlichkeit und Versöhnung. Tausende von verurteilten Mördern sind aus den Gefängnissen entlassen, Tausende von Überlebenden müssen Tür an Tür mit ihnen wohnen. Ohne gelebte Vergebung wäre das ein unerträglicher Zustand.

Es ist Sonntagmorgen in Kigali, Ruandas Hauptstadt. Der Verkehr ist ruhiger als sonst, und auf dem neuen Wolkenkratzer, der mit chinesischem Geld gebaut wird, schweigen die Maschinen. Wer keinen Glauben, aber Geld hat, sitzt am Sonntagmorgen im Bourbon Coffeeshop im Union Trade Center von Kiyovu, nur einige Gehminuten von St-Famille entfernt. Das Union Trade Center sieht aus wie ein amerikanisches Einkaufszentrum und der Bourbon Coffeeshop wie ein US-Franchise-Unternehmen. Hier trifft sich bei Double Chocolate Macchiato zum Preis eines ruandischen Tagelohns, was halb ernst, halb ironisch als Kigalis Schickeria bezeichnet wird: Hilfsorganisationsmitarbeiter, aufstrebende ruandische Banker und westliche Investoren, die Ruanda auf ihrem Einkaufszettel stehen haben.

Arthur Karuletwa, Begründer des Coffeeshops, war der erste ruandische Unternehmer, der es mit einem ruandischen Produkt zu Geld brachte. Mit Kaffeebohnen, die selbst bei Starbucks in der Mühle landen. Seit mit dem Bourbons im Jahr 2002 die Zukunft nach Kigali kam, hat die damals noch ärmliche Stadt eine rapide Entwicklung genommen. Die an die Hügel gepressten Wellblechhüttenviertel sind plattgemacht worden, im Zentrum wachsen gläserne Bürotürme, neue Apartmentblöcke und Banken in die Höhe. Riesige Bauschilder identifizieren die Bauherren als chinesisch, libysch oder dubaiisch, und gleich neben dem Justizministerium errichtet der Münchner Architekt Roland Dieterle Kigalis prestigeträchtigstes Objekt: ein Kongresszentrum mit Hotel, Läden, Büros und einem Geschichtsmuseum. Kigali soll Ostafrikas Drehkreuz für Kongresse und Konferenzen, für Handel und Technologie werden. Die hochfliegenden Pläne sind Ausdruck eines neuen afrikanischen Selbstbewusstseins.

Die schönste Art, Kigali zu sehen, ist auf dem Beifahrersitz eines Mopedtaxis. Tausende, wahrscheinlich Zehntausende düsen durch die Stadt, und für ein paar Hundert ruandische Franc, meist nicht mehr als einen Euro, kann man von Hügel zu Hügel fahren, entweder durch stille Straßen mit lang gestreckten Hanggärten, in denen Bougainvilleen und Flammenbäume mit feuerroten Blüten wachsen. Oder mit Herzrasen durch den Feierabendverkehr, zwischen Autos und Lastwagen gequetscht, ein Flehen um heiles Ankommen auf den Lippen. Das ist das zweite Gebet.

Das dritte. Ein Segensgebet. Still vorgebracht an einem späten Nachmittag, zwei Stunden Autofahrt von Kigali entfernt. Hügelan und hügelab ist man gefahren, durch Bananenhaine, Papyrusfelder, an Reisterrassen entlang, die aussehen, als flössen sie dem Tal entgegen. Am Wegesrand Menschen, die Holz tragen und Bananenstauden auf krummen Rücken. Auf Fahrrädern werden Sitzbänke balanciert, Hühner sind kopfüber an die Lenkstange gebunden. Eine schier endlose Reihe aus Wanderern. Dann den letzten Hügel hinunter, hineinschweben in eine Matte aus Grün: Ruhengeri.