Sandra Bullock Miss America wird erwachsen
Lustige Person wird Heiratsmaterial – mit solchen Rollen wurde Sandra Bullock zum Star. Jetzt startet ihr neuer Film "Blind Side", in dem sie anders sein darf – was ihr prompt den Oscar brachte
© Warner Bros. Ent.

Die Frau von nebenan: Sandra Bullock in ihrem neuen, oscarprämierten Film "Blind Side". Gleichzeitig gewann sie die Goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin - allerdings für die Komödie "About Steve"
Wie kann es sein, dass eine Darstellerin, die in zwanzig Jahren dreißig Filme gemacht hat, die zu den finanziell erfolgreichsten Hollywood-Schauspielerinnen gehört, mit keinem einzigen markanten Bild in Erinnerung ist? Sandra Bullock, deren Name auf einem Kinoplakat allein in den USA locker für eine Viertel Milliarde Dollar Einspielergebnisse sorgt und die, was die Gagen betrifft, alle Kolleginnen ihrer Generation abgehängt hat, verkörpert auf der Leinwand den global verständlichen Triumph der Durchschnittlichkeit. Julia Roberts mag ein großes Lächeln sein, Nicole Kidman eine unnahbare Statue – Sandra Bullock ist die nette Nachbarin, die man tausend Mal im Hausflur gegrüßt hat und im Supermarkt trotzdem übersieht.
Tatsächlich wurde Bullock im Laufe der Jahre zum Zugpferd einer Unterhaltungsindustrie, die nach einer freundlichen Frau ohne Eigenschaften verlangte. Seit sie 1993 in dem Actionfilm Speed in einen Linienbus stürmte, Kaugummi kauend, verspätet, genervt und leicht zerzaust, bestand der Mechanismus des Bullock-Films im Grunde darin, seiner Hauptfigur jegliche Eigenheiten auszutreiben. Im Genre-Fahrtwind von Speed wird das anfangs toughe L.A. girl zur passiven Weisungsempfängerin von Keanu Reeves. Spätere Filme betrieben dann schon brachialer und systematischer die Glättung zur Stromlinienförmigkeit, den Umbau der lustigen Person zum Heiratsmaterial. Oder auch: die Wandlung von der fahrigen, verschrobenen und eben auch mal zickigen Individualistin zum all-American girl.
Wahrscheinlich ist der in jeder Hinsicht beispielhafte Bullock-Film Miss Undercover. In dieser weltweit erfolgreichen Komödie spielte Bullock vor zehn Jahren eine FBI-Ermittlerin, die sich bei einer Misswahl widerwillig als Kandidatin tarnt. Am Anfang ist sie eine Kumpelfrau, die Fast Food liebt, Ketchup auf ihre Bluse spritzt, beim Lachen eine Art Schweinsgrunzen von sich gibt und daheim einen Boxsack malträtiert. Im Laufe des Films lernt Bullocks Figur, manierlich zu essen, auf Stöckelschuhen zu gehen, einen Minirock zu tragen und liebreizende Debilitäten von sich zu geben. Am Ende ist sie die Süße, die von ihrem Chef geheiratet wird.
Bullock spielte Fahnderinnen, Politaktivistinnen, Verlagschefinnen – aber letztlich ging es in allen Drehbüchern darum, die innere Cheerleaderin nach außen zu kehren. Das Sympathische daran ist die Uneitelkeit, mit der sich Bullock auf der Leinwand stotternd, wild gestikulierend und weibchenhaft zum Affen macht, sich auf dem Herrenklo mit Hugh Grant in einer scheinbaren Oh-là-là-Situation erwischen lässt (Ein Chef zum Verlieben) oder als überdrehte Kreuzworträtsel-Erfinderin einen kathartischen Sturz in einen Minenschacht erlebt (Verrückt nach Steve) und sich für den Schmarrn höchstpersönlich die Goldene Himbeere, die Auszeichnung für die schlechteste Hollywood-Schauspielerin des Jahres, abholte.
In Paul Haggis’ Episodenfilm L.A. Crash spielte Bullock dann plötzlich ein Gegenprogramm zum all-American girl: eine Frau, die an ihrem Leben und an Amerika leidet. In der Rolle der Politikergattin Jean Cabot, die nach einem Überfall in Angst und Paranoia stürzt, verströmt sie irritierende Aggressivität und Angespanntheit. Die luxuriöse Wohnung, in der Cabot wohnt, lässt sie nach dem Vorfall wie eine Festung verrammeln. Sie hasse ihre Haushälterin, ihren Gärtner, ihren Wäschetrockner, wird Cabot am Telefon zu einer Freundin sagen, aber letztlich weiß sie, dass sie sich selbst hasst. Diese kleine Rolle in L.A. Crash, diese Studie von Angst und Wut, war eine Art Betriebsunfall, war Bullocks Versuch eines Ausbruchs aus dem romantischen Komödienfach, war der Beweis, dass »der niedliche Bulldozer« (L.A. Times) durchaus eine beeindruckende Schauspielerin sein konnte. Aber danach kam Miss Undercover 2.
Und jetzt? Ein Oscar für Amerikas Darling . »Habe ich das verdient, oder habe ich euch nur mürbe gemacht?« – Bullocks selbstironischer Einstieg in ihre Oscar-Dankesrede war doppelbödiger, als es auf den ersten Blick scheint.
Wenn man so will, kann man ihre Rolle in Blind Side – Die zweite Chance als biografische Fortsetzung ihrer vorherigen Rollen sehen: Das all-American girl ist zur all-American woman geworden. In John Lee Hancocks Film spielt Sandra Bullock Leigh Anne Tuohy, eine reiche Familienmutter in den Südstaaten, die einen schwarzen Teenager aufnimmt. Diese Frau hat alles, worauf Bullocks vorherige Figuren zusteuerten: ein großes weißes Haus, einen netten Mann, hübsche Kinder, ein Leben zwischen Einkäufen, Football-Begeisterung und charity dinners. Als Leigh Anne eines Abends dem farbigen Teenager Michael Obdach gewährt, ist dies der Beginn einer amerikanischen Bilderbuchgeschichte: Die Tuohys werden den schüchternen Hünen adoptieren, im Schoße der familiären Geborgenheit entwickelt Michael seine Persönlichkeit und wird schließlich zum gefeierten Football-Star.
- Datum 25.03.2010 - 14:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.03.2010 Nr. 13
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Es wurde vergessen, zu erwähnen, dass 'Miss Undercover' nicht wirklich deshalb ein Erfolg war, weil der Film eine 'bescheuerte Komödie' wäre. In diesem selbstentworfenen Bravourstück zeigt Bullock, dass sie zu den ganz großen Komikern gehört - denen, die es fertig bringen, auf noch nicht da gewesene Art komisch zu sein und einen eigenen Stil zu entwickeln. Man kann ja durchaus auch einmal komisches Talent anerkennen. Immerhin sagt uns die Schauspielerzunft immer wieder, komisch sein sei schwieriger als Tragik. Dass das nicht honoriert wird, ist die Tragik des Komischen.
Sandra Bullock hat 2007 mit dem deutsch-türkischen Regisseur Mennan Yapo einen intelligenten, dramaturgisch raffinierten, richtig guten Film gedreht, der leider in der Versenkung verschwunden ist und auch in diesem Artikel aus mir unerfindlichen Gründen nicht erwähnt wird: "Premonition"
Hier fiel sie mir zum ersten mal als außerordentlich gute und ernsthafte Schauspielerin auf.
Wirklich schade, dass über "Miss Undercover" Zeilen drauf gehen, während Premonition nicht mal erwähnt wird.
sie ist eine unterdurchschnittliche darstellerin die in ebensolchen filmen gespielt hat. allein den frauentyp welchen sie immer darstellt. da läuft es einem kalt über den rücken.
und bitte, der oscar ist kein maßstab für qualität!
Ich finde man wird Frau Bullock und ihren Filmen nicht gerecht ,wenn man sie auf das Klischeehafte reduziert.
Es steckt dahinter eine europäische, intellektuelle Arroganz, die leider nicht wirklich verstanden hat, was Volk bzw. Publikum längst gespürt hat.
Bullocks Erfolg gründet sich darauf, das sie spielt, was wir sind. Nämlich meistens angepasster oder aus dem selben Grund weniger angepasster Durchschnitt, mit genau den verschrobenen Eigenheiten, die etwas überzeichnet ihren Charakteren zu eigen sind.
Der Trick und die Qualität der Filme basiert darauf zu vermitteln, das diese bestehende oder neu zu erwerbende "Normalität" oder Rolle durchaus positiv zu besetzen sind, wenn man sich nicht selbst aufgibt, wenn man nicht an Rollen sondern Werten festhält.
Weder reduziert Miss Undercover die Hauptdarstellerin zum "All american Girl", noch tut dies ihre Oscar Rolle, wo ebenfalls bewiesen wird, das die Klischees eben nicht bestimmen, wer wir sind, sondern der Umgang damit.
Damit wird aber auch der Habitus derer zum Klischee, die ihre gesellschaftliche Verantwortung vor sich her tragen, die sozial Engagiert sind, die sich jeder Problemlage öffnen, die ihre kritische Haltung wie einen Schild vor sich her tragen.
Und auch hier gilt, die Bewunderung gilt demjenigen, der nicht an der Rolle, dem Image klebt, sondern demjenigen, der im Bedarfsfall die Rolle über Bord schmeissen kann oder austauschen und sich dabei treu trotzdem bleibt.
H.
Ich möchte den vorangegangenen Kommentatoren dafür danken, dass sie das hierzulande Selbstverständliche, nämlich romantische Komödien zu bashen, durchbrochen haben. Es ist mir rätselhaft, warum deutsche Feuilletons so paranoid auf Gefühlskino reagieren. Es ist ein Kunststück, Romantik und Witz so zu inszenieren, dass Menschen dafür gerne ins Kino gehen. Der deutsche Film versagt in dieser Kompetenz, und so rettet man sich damit, dass man das Genre als unseriös defamiert.
Ich schaue gerne Generefilms, ich kenne die Favoriten der Feuilleton-Schreiberlinge, aber ich gehe eben auch in solche Filme, für die Frau Bullock berühmt wurde. Sie sind gut gemacht, bringen mich zum Lachen, berühren mich und ermahnen mich bisweilen zu mehr Menschlichkeit, kurzum, sie vermitteln feelgood! Die Geradlinigkeit ihrer Geschichten ist dabei keine Schwäche, sondern ihr Gütesiegel - denn die Abstürze, die Verzweifelung und das Scheitern bringen doch die Zuschauer mit. Das ist seit Jahrtausenden das Prinzip von gelungener Unterhaltung.
Die naive Hartnäckigkeit, mit der deutsche Filmkritiker immer wieder darauf hinweisen, dass Feelgood-Filmen mit Erfolgsgeschichten um vermeintlich moralisch eindimensionale Figuren dumm sind, beweist für mich nur, wie emotional arm dran wir hierzulande bisweilen sind. Und dass nur das Schwierige und Sperrige auch über Tiefgang verfügt, dass ist aus meiner Sicht das eigentliche Klischee.
Bullock war so etwas wie mein Idol in der Teenager-Zeit. Ich werde sie zwar immer mit goldig-romantischen Komödien wie "Während du schliefst" in Erinnerung bringen ("Miss Undercover" war mir dann doch schon deutlich zu klamaukig), bin aber für jeden Versuch ihrerseits dankbar, aus dem Fach auszubrechen und sich als ernst zu nehmende Schauspielerin zu beweisen.
L.A. Crash war ein großartiges Beispiel dafür, wenn auch ihre Figur dort nur eine kleine Nebenrolle ist. "Zauberhafte Schwestern" mit Nicole Kidman war an sich ein ziemlich schlechter Film, wurde aber durch das Talent von Bullock und Kidman noch ins Annehmbare gerettet.
Ob sie den Oscar verdient hat, kann ich nicht sagen, ohne den Film gesehen zu haben (was ich baldmöglichst tun werde), aber ich bin sehr gespannt auf den Film und an sich sehr glücklich, dass sie jetzt endlich auch mal einen Preis erhalten hat.
Zu "Premonition" (den ich mir gespannt angeschaut habe, da ich nicht nur Bullock sondern auch Zeit-Paradoxe sehr mag) kann ich allerdings nur sagen, schauder. Dieser Film baut seine Geschichte und Spannung sehr gut auf und lässt Bullock glänzen, nur um dann am Schluss alles so gründlich zu ruinieren, dass ich mir buchstäblich die Haare gerauft habe. Allein die letzten 20 Minuten oder so dieses Films machen ihn zu einem der grottenschlechtesten, den ich je gesehen habe.
Naja, und Miss Undercover 2 war wohl ein Fehlgriff wie Speed 2 (nach dem sie eigentlich gesagt hatte, "nie wieder Schrott!").
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