Im Sommer 2008 erwürgte Brian Thomas seine friedlich neben ihm schlafende Frau, kurz vor ihrem 40. Hochzeitstag. Vor Gericht gab er die Tat zu. Klarer Fall, so schien es: entweder verrückt oder ein Verbrecher. Doch der Staatsanwalt ließ die Anklage gegen den pensionierten walisischen Stahlarbeiter fallen, der Richter pries ihn als "anständigen Mann und hingebungsvollen Ehegatten". Am 20. November 2009 verließ er den Swansea Crown Court als freier Mann, eingerahmt von seinen beiden Töchtern.

Wenn einer, der seine Gattin getötet hat, einfach so gehen darf, muss er eine gute Entschuldigung haben. In Thomas’ Fall lautete sie: Schlafwandel. Der Stahlarbeiter war mitten in der Nacht über seine Frau hergefallen – geistig abwesend, wie er beteuerte. Seit seiner Kindheit war er Schlafwandler gewesen. Mehrere Psychiater hatten ihn begutachtet und befunden, er sei zur Zeit der Tat nicht Herr über seine Handlungen gewesen: "nicht-geistesgestörter Automatismus", lautete der Befund. Richter und Anwälte folgerten, zur Tatzeit habe Thomas keine Mens rea gehabt, Juristenlatein für einen schuldfähigen Geist.

Geständig, geistig gesund, aber unschuldig. Ganz geheuer ist das nicht. Kann ein Täter darauf plädieren, nicht er, sondern sein Unbewusstes habe eine Tat begangen? Der Fall Thomas wirft eine grundsätzliche Frage neu auf: Was eigentlich geschieht mit uns, wenn wir schlafen? Seit Langem grübeln Psychologen, Philosophen und Hirnforscher über diese Frage. In den vergangenen Jahren haben bildgebende Verfahren den Blick ins schlafende Gehirn ermöglicht und gezeigt, dass es anders als im Wachzustand funktioniert. Ganz anders, denn jenseits des Wachzustands vollzieht sich ein radikaler Bewusstseinswandel. Nicht nur bei Schlafwandlern.

Lange galt Schlaf schlicht als eine Art Wartemodus des Gehirns, in dem das Bewusstsein vorübergehend abgeschaltet wird. Bis zum Jahr 1951. Damals verkabelte Eugene Aserinsky, Bummelstudent der Medizin, in einem Kellerlabor in Chicago den Kopf seines achtjährigen Sohnes und zeichnete nächtelang dessen Gehirnströme auf. Was Aserinsky sah, warf die Lehrmeinung um: Mehrmals pro Nacht begannen die Zeiger wild auszuschlagen. Es herrschte alles andere als Sendepause im Hirn. Er beobachtete auch, dass die Augen des Kindes in diesen Phasen munter zuckten. Dieses rapid eye movement gab den Phasen wiederkehrenden Neuronenfeuerwerks ihren Namen, REM. Und Versuchspersonen, die aus dem REM-Schlaf geweckt wurden, fühlten sich fast immer aus Träumen gerissen. REM-Schlaf gleich Traumschlaf, folgerten viele Schlafforscher daraus.

Dennoch blieb das Dogma, dass Schlaf eine Form von Bewusstlosigkeit ist. "Wenn jemand irgendeinen Zustand von Bewusstsein hat, dann folgt logischerweise, dass er nicht fest schläft", erklärte 1956 der amerikanische Philosoph Norman Malcolm. Träume galten den Forschern als Selbsttäuschung des Gehirns beim Aufwachen: entstanden aus dem Restgeflimmer neuronaler Aufräumarbeiten, aus dem sich das anspringende Bewusstsein schnell eine Geschichte zusammenreimt. Wenige Forscher glaubten daran, dass wir unsere Träume tatsächlich im Kopf durchleben.

An einem Freitag, dem 13. aber unternahm Stephen LaBerge, Doktorand der Psychophysiologie, einen Selbstversuch, nach dem die Schlafforscher die Träume nicht mehr wegreden konnten. Das war im Januar 1978. Zehn Jahre zuvor hatte LaBerge, damals Hippie und Physikstudent an der Stanford University , ein fremdartiges Erlebnis gehabt. Er wähnte sich beim Bergsteigen im Himalaya . Um ihn herum nahm er dichtes Schneetreiben wahr, aber er fror nicht. Erst als er an sich herunterblickte und seine kurzen Ärmel sah, wurde ihm klar, dass diese Situation nicht real sein konnte – dass er gerade träumte.

Berichte über solche "Klarträume", in denen der Träumer sich seines Zustands bewusst ist, waren schon seit Jahrzehnten durch die Literatur gegeistert. Das Establishment der Schlafforscher hatte sie als Absurdität oder Okkultismus abgetan. Aber LaBerge war entschlossen, Klarträume experimentell dingfest zu machen. An jenem Freitag, dem 13. gelang es ihm: Mit vorher eingeübten Augenbewegungen gab er einem Kollegen, der im Labor über seinen Schlaf wachte, ein Signal aus einem Klartraum heraus. Links, rechts, links, rechts – die erste Verbindung zwischen Traumwelt und Wirklichkeit.

LaBerge hatte damit zwei Dinge auf einen Streich gezeigt: Träume passieren tatsächlich im Kopf, und wir können sie bewusst erleben. Die beiden führenden Wissenschaftsmagazine Nature und Science lehnten LaBerges ersten Aufsatz zur Veröffentlichung ab. Zwei kleinere Journale zur Schlaf- und Wahrnehmungsforschung griffen zu. Seither hat sich die Fachdiskussion komplett gewendet: Der Zusammenhang von Schlaf, Traum und Bewusstsein ist kein Tabu mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. "Träume sind bewusst, weil sie das Erscheinen einer Welt erzeugen", sagt Thomas Metzinger, Bewusstseinsphilosoph an der Universität Mainz . Dass der Schein der Traumwelt trügt, zählt dabei nicht: "Auch wenn alle Inhalte Halluzinationen sind", sagt Metzinger, "Bewusstheit kann man sich nicht einbilden."

 

Auch für Hirnforscher schließen sich Schlaf und Bewusstsein nicht mehr aus. "Träumen ist offenbar eine sehr hoch entwickelte Funktion des Gehirns", sagt Christof Koch, Neurowissenschaftler am Caltech in Los Angeles , "eine besonders lebendige Form von Bewusstsein." Genau genommen zeigt es sich gleich in mehreren Formen. Die Funktionen des Gehirns spielen dabei in unterschiedlichen Kombinationen zusammen – ein wunderbares Experimentierfeld für Forscher und Philosophen, die nach den Minimalbedingungen für Bewusstsein suchen.

In REM-Phasen ist das Gehirn zwar von Außenreizen abgekoppelt, es ist aber sogar aktiver als im Wachen. Der finnische Philosoph und Neurowissenschaftler Antti Revonsuo hält REM-Träume daher für "Bewusstsein in Reinform". Das Gehirn nutze die Nacht, um ungestört von Sinnesreizen für den Tag zu trainieren – ein Schattenboxen der Neuronen.

Im REM-Schlaf unterscheiden sich Hirnchemie und neuronale Aktivität dabei messbar vom Wachzustand. In Hirnscans erkennt man, dass es bei Träumen in einigen emotionalen Zentren besonders lebhaft zugeht. Dagegen ruht der präfrontale Cortex, ein Areal der Großhirnrinde hinter der Stirn, in dem, so vermuten Hirnforscher, Gefühle und Erinnerungen zusammenlaufen und aus ihnen eine schlüssige Handlungsabsicht entsteht.

Dieser messbare Unterschied lässt sich auch spüren. Fehlt die Kontrollinstanz, übernehmen Emotionen wie Angst, Aggression und sexuelle Erregung das Kommando. Aus braven Menschen können im Traum Schläger und Lüstlinge werden. Entscheidend für Bewusstseinsforscher wie Metzinger ist, dass sich das "Traumselbst" anders wahrnimmt als das "Wachselbst". In manchen Traumberichten scheint es, als vergäße der Träumende sich selbst völlig. Er kommt in der Traumgeschichte nicht vor. "Das autobiografische Selbstmodell ist im Traum stark reduziert", sagt Metzinger.

Er und seine Assistentin Jennifer Windt haben das Traumselbst systematisch untersucht. "Im Traum haben wir nur schlechte Erinnerungen an unser vergangenes Wach- und Traumleben", sagt er, "das bewusste Selbst ist in diesem Zustand äußerst instabil."

Im Klartraum jedoch ändert sich das plötzlich. Klarträumer wissen, wer sie sind, und dass sie gerade träumen. Oft können sie sogar den Traum selbst steuern – sozusagen ihren Wunschtraum träumen. Die Psychologin Ursula Voss von der Universität Frankfurt hat die Köpfe von Klarträumern mit Elektroden verkabelt und erstmals gemessen, was darin geschieht.

Und siehe da: "In Klarträumen erwacht der präfrontale Cortex", sagt Voss, "sonst sind die Aktivitätsmuster ziemlich die gleichen wie in normalen REM-Träumen." Damit bestätigt sie eine alte Vermutung: Der präfrontale Cortex ist verantwortlich für höhere Bewusstseinsstufen, für die Reflektion von Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken – kurz gesagt, für den Realitätssinn.

Nun plant Ursula Voss die Gegenprobe: Sie will in normalen REM-Phasen den präfrontalen Cortex mit elektrischer Stimulation "wecken", um so Klarträume zu erzeugen. Wenn ihr das gelingt, könnte es große therapeutische Bedeutung haben. Denn bei Menschen, die an einer Psychose leiden, funktioniert der präfrontale Cortex auch im Wachen nicht richtig. Schon lange kennen Psychologen die Parallelen zwischen Psychosen und Träumen: Psychotiker können nicht zwischen der Außenwelt und ihrer Einbildung unterscheiden, der Bezug zur Realität geht ihnen verloren. Das Vosssche Verfahren könnte den präfrontalen Cortex von Psychotikern stimulieren und ihnen den Realitätssinn wiedergeben.

Realitätssinn war, was Brian Thomas fehlte, als er seine Frau erwürgte. In jener unseligen Nacht war nämlich nichts wie sonst. Normalerweise schliefen er und seine Frau in getrennten Zimmern. Sie war so geplagt von der Nachtaktivität ihres Gatten, dass sie in ein separates Schlafzimmer zog – mit dem Hausschlüssel unter dem Kissen, um ihren Mann wenigstens daran zu hindern, im Freien herumzustolpern. Doch in der Tatnacht befand sich das Paar im Campingurlaub, schlief ausnahmsweise nebeneinander.

Da schreckte sie eine Gruppe Halbwüchsiger mit Motorenlärm auf. Die Thomas’ räumten das Feld, suchten sich einen neuen Standort für ihr Wohnmobil. Diesen Zwischenfall nahm Brian offenbar mit in den Schlaf. Anders als zuvor reagierte er diesmal aggressiv. Im Traum griff er die vermeintlichen Störer an – und erwischte in Wirklichkeit seine Frau. Wieder wach, wählte er den Notruf: "Ich glaube, ich habe meine Frau umgebracht. O mein Gott! Ich muss geträumt haben. Was habe ich nur getan?"

Was genau in jener Nacht in Thomas vorging, weiß niemand. Denn Schlafwandeln ist bis heute ein rätselhaftes Phänomen und erscheint wie das Gegenteil des Klarträumens: Schlafwandler sind zwar körperlich aktiv, aber eben nicht bei Bewusstsein – sozusagen Teilzeitzombies. Sie agieren offenbar so ähnlich wie wache Menschen, die sich zum Beispiel geistesabwesend duschen oder die Zähne putzen und sich hinterher darüber wundern, es getan zu haben. Nur ist bei Schlafwandlern der Geist nicht abwesend, sondern er schläft.

 

Erstaunlich ist, zu welch komplexem Verhalten sie fähig sind. Im Juli 1833 in Massachusetts erhob sich die Hausangestellte Jane Rider schlafwandelnd aus dem Bett, deckte säuberlich den Frühstückstisch auf, schöpfte sogar den Rahm von der Milch, ohne einen Tropfen zu verschütten – alles mit geschlossenen Augen. Im Mai 1987 stand der kanadische Student Kenneth Parks von seiner Couch auf, fuhr 23 Kilometer zu seinen Schwiegereltern und griff sie mit einem Küchenmesser an. Seine Schwiegermutter starb. Er wurde, wie Brian Thomas, freigesprochen.

Dem Schweizer Neurologen Claudio Bassetti ist das Kunststück gelungen, einen schlafwandelnden Probanden in einen Gehirnscanner zu bugsieren. Die Aktivität im präfrontalen Cortex und anderen Regionen, die für absichtsvolles Handeln zuständig sind, war deutlich reduziert, während die emotionalen Zentren überdurchschnittlich durchblutet waren. Wenn sich das verallgemeinern lässt, handeln Schlafwandler zwar sehr emotional, aber nicht willentlich. Und damit auch ohne die Mens rea der Juristen.

Ob Brian Thomas allerdings ein klassischer Schlafwandler ist, weiß man nicht. Er könnte ebenso an einer anderen Schlafstörung namens REM sleep behavior disorder (REM-Schlaf-Verhaltensstörung, abgekürzt RBD) leiden, die erst in den 1980er Jahren entdeckt wurde. Auffällig häufig tritt RBD zusammen mit Parkinson auf – woran auch Thomas leidet. Zwar geistern RBD-Patienten ebenfalls nachts herum, aber im Unterschied zu Schlafwandlern träumen sie dabei. Ihr Gehirn versäumt es, sich vom Körper abzukoppeln.

Daher leben sie ihre Träume in der wirklichen Welt aus. Und weil sie häufig Albträume haben, beginnen sie zu randalieren. Geübte Beobachter erkennen den Unterschied im Bewusstsein zwischen Schlafwandlern und RBD-Erkrankten am Verhalten: "Schlafwandler agieren nur", sagt Ursula Voss, "Menschen mit RBD reagieren auch." Doch sind sie für das, was sie dabei tun, ebenso wenig verantwortlich wie gesunde Träumer für ihre im Kopf begangenen Untaten, zu denen sie sich im Wachen niemals hinreißen lassen würden.

Schon der heilige Augustinus, der sich vor 1600 Jahren von einem Partylöwen in einen bedeutenden Theologen wandelte, wunderte sich über den Unterschied zwischen dem wachen und dem schlafenden Selbst: "Bin ich dann nicht ich, Herr, mein Gott?", fragte er in seinen Confessiones .

"Wahrhaftig, solch ein Unterschied ist zwischen mir und mir, schon innerhalb des Augenblicks, wo ich von hinnen in den Schlaf hinübergehe oder vom Schlafe zurück herüberkomme." Für so groß erkannte er jenen Unterschied, dass er sich die Verantwortung für Traumtaten absprach: "Nicht wir haben es getan, was da irgendwie an uns geschieht." Auch Augustinus hätte Brian Thomas wohl freigesprochen.

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