Helmut Kohl begrüßt am 16.10.96 seinen Amtsvorgänger Helmut Schmidt anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Bonner Kanzleramt – ein seltenes Wiedersehen © dpa

Schmidt: Das wäre nichts Besonderes.

ZEITmagazin: Doch, das können heute nur noch wenige Politiker. 

Schmidt: Es hat immer Politiker gegeben, die das konnten. Auf sozialdemokratischer Seite zum Beispiel Kurt Schumacher , Ernst Reuter , Fritz Erler . Willy Brandt hatte eine ganz besondere Begabung auf diesem Feld. Und es gab auch aufseiten der CDU und der FDP Leute, die das konnten.

ZEITmagazin: Sie haben lauter Tote genannt.

Schmidt: Das ist immer am besten. Die können sich nicht mehr wehren. (lacht)

ZEITmagazin: Die zweite Gemeinsamkeit: Sie haben als Politiker besonders viel Wert auf persönliche Beziehungen gelegt.

Schmidt: Darin war Kohl mir wahrscheinlich über.

ZEITmagazin: Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass Sie Journalisten nie nach dem Mund geredet haben.

Schmidt: Auch hier würde ich sagen, dass uns das nicht sonderlich vor anderen Politikern auszeichnet.

ZEITmagazin: Dann präzisiere ich: Sie haben die Journalisten beide gleich schlecht behandelt.

Schmidt: Dann präzisiere ich auch und sage: Die armen beleidigten Journalisten haben auf uns beide in gleicher Weise reagiert. Die Journalisten sind insgesamt mindestens genauso empfindlich wie die Politiker und mindestens genauso geneigt, etwas übel zu nehmen. Wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man, dass die politischen Journalisten eigentlich mehr zur politischen Klasse gehören und weniger zum Journalismus.

ZEITmagazin: Halten Sie das für eine Unart?

Schmidt: Das würde ich nicht sagen, aber ich stelle es fest. So wie man feststellt, dass draußen die Sonne scheint oder dass es regnet.

ZEITmagazin: Hat es Sie nicht sehr gewurmt, dass Kohl bei der Bundestagswahl 1976 ein so glänzendes Ergebnis gegen Sie erreicht hat? Die Union bekam 48,6 Prozent, Sie konnten nur mithilfe der FDP weiterregieren.

Schmidt: Wir hatten auch vorher nur mithilfe der FDP regiert.

ZEITmagazin: Trotzdem hat die SPD damals mit Ihnen als Spitzenkandidat erheblich an Stimmen verloren.

Schmidt: In diesem Wahlkampf gegen Kohl hatte ich mit drei Handicaps zu kämpfen. Als ich die Kanzlerschaft 1974 von Willy Brandt übernahm, empfand ich es als meine moralische Pflicht, die sozialliberale Koalition mit Anstand zu Ende zu führen, und ich habe den bevorstehenden Wahltag 1976 für das Ende dieser Koalition gehalten. Das war mein persönliches Handicap. Ein anderes kam hinzu: Von Teilen der CDU wurde der Wahlkampf sehr unanständig geführt – übrigens auch von einigen katholischen Bischöfen. "Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau!" – das alles wurde wiederholt, mit etwas anderen Worten.

ZEITmagazin: "Freiheit statt Sozialismus."

Schmidt: Ja.

ZEITmagazin: Und Ihr drittes Handicap?

Schmidt: Das dritte Handicap war ein objektives: Wir befanden uns in einer Weltrezession, ausgelöst durch einen politischen Willensakt Saudi-Arabiens und anderer muslimischer Ölstaaten; aber die Deutschen wollten das nicht begreifen. Das deutsche Publikum hat nur gesehen: Die Wirtschaft geht nicht mehr so gut, und wer hat Schuld? Die Regierung. Das hat die CDU/ CSU sehr ausgebeutet. Andererseits war Kohl 1976 selbst keine besonders populäre Person. Weil er das selbst erkannte, hat er dann ja vier Jahre später sogar Strauß die erste Rolle spielen lassen. Er war da immer noch keine besonders populäre Person.

ZEITmagazin: Strauß war es erst recht nicht. Für Sie war er bei der Wahl von 1980 ein Geschenk des Himmels: Die CDU büßte Stimmen ein, die SPD gewann hinzu.

Schmidt: Das ist wahr, ja.

ZEITmagazin: Sind Sie Helmut Kohl verbunden, weil er zwei Ihrer Projekte vollendet hat, den Nato-Doppelbeschluss und die Einführung des Euro?

Schmidt: Verbunden ist falsch, aber ich habe das immer anerkannt. Kohl hat unter den Massendemonstrationen gegen den Doppelbeschluss genauso gelitten wie ich vorher. Und er hat ein ziemliches Kunststück vollbracht: Er hat die Ostpolitik der SPD, aber auch den Nato-Doppelbeschluss fortgesetzt, dem Volk aber gleichzeitig den Eindruck vermittelt, dass er eine ganz andere Außenpolitik betreibe. Sehr geschickt!