Islamische SchriftkulturDie Wüste liest

In Timbuktu entdeckt das islamische Afrika seine uralte Schriftkultur neu. Szenen eines Kampfes um das Erbe von Charlotte Wiedemann

Eine Moschee in Timbuktu

Timbuktu war früher ein Zentrum der islamisches Gelehrsamkeit. Sein Erbe besteht aus zehntausenden Dokumenten die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen  |  © Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Das Abendlicht steckt rosa Federn an den Himmel. Eine Ziegenherde wirbelt Staub auf, und als er sich senkt, fällt sandfarbene Dämmerung über eine sandfarbene Stadt. Vor dem Lehmbau der Sankoré-Moschee liegen Männer plaudernd im Sand, er verschluckt ihre Stimmen, murmelnd versinkt Timbuktu in früher Nacht.

Wir sind mit dem Flugzeug gekommen; ein Stilbruch. Timbuktu, im Osten Malis, am Südrand der Sahara, war für Europäer seit je eine Metapher für Ferne, für Unerreichbarkeit. Nun beginnen nicht weit von hier die Pfade in eine andere Unerreichbarkeit, die Pfade der Migration nach Europa, durch die tödliche Weite der Wüste. Es spielt eine Rolle, aus welcher Richtung man auf die Welt blickt und sich seine Mythen macht; davon also erzählt Timbuktu.

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Von wegen Ende der Welt. Jahrhundertelang war Timbuktu ein Zentrum der südlichen Welt, Hochburg des Handels, islamische Universitätsstadt. Wo sich das Niger-Delta und die Wüste begegneten, kreuzten sich die Wege der Zeit: Aus dem Norden kamen die Karawanen, über den Fluss kam das Gold Westafrikas. Den Händlern folgten die Gelehrten; Timbuktu war ein kosmopolitischer Ort. Unsere abendlich murmelnden Männer lagern genau dort, wo sich im 15. Jahrhundert das Quartier Latin Westafrikas befand, besser gesagt: ein Quartier Arabe, mit 25.000 Studenten. Annähernd so viele, wie Timbuktu heute Einwohner zählt.

Täuschend die sandfarbene Stille, der Eindruck von Selbstvergessenheit. Mit gleichmütigem Stolz registrieren die Bewohner von Timbuktu, welcher Rummel neuerdings um etwas entstanden ist, was sie immer schon besaßen: die älteste Bibliothek südlich der Sahara. Bis zurück ins 13. Jahrhundert reichen die arabischen Handschriften, deretwegen nun Staatspräsidenten, Forscher, Abgesandte großer Stiftungen ungelenk durch Timbuktus Sand stapfen. Mehr als 100.000 Manuskripte über islamisches Recht, Philosophie, Medizin, Astronomie, Mathematik. Auf Pergament, angenagt von Termiten; sogar auf Gazellenhaut.

So viel Gelehrtheit passt nicht ins gängige Afrika-Bild. Und darum steht nun gegenüber der Sankoré-Moschee, von einem einzigen kostbaren Scheinwerfer wie hineingezaubert in die karge historische Kulisse, ein schickes neues Forschungszentrum. Elegant, klimagekühlt, die Architektur spielend mit Lehm und Moderne. Ein Geschenk Südafrikas, ein Geschenk des reichen Afrika an das arme – damit der Kontinent mit Selbstbewusstsein auf seine Geschichte blicke.

Timbuktu als ein Ort der afrikanischen Renaissance, der Besinnung des Kontinents auf seine Kultur und seine Stärken: Das war eine Idee von Thabo Mbeki, Südafrikas vormaligem Präsidenten. Auf Staatsbesuch in Timbuktu sah er das Ahmed-Baba-Institut, wo 30.000 Manuskripte unter staatlicher Aufsicht verwahrt werden. Das Institut trägt den Namen von Timbuktus berühmtestem Philosophen, doch wie ärmlich war hier alles, wie ungenügend für die Restaurierung des wertvollen Erbes! Mbeki versprach Hilfe; es gelte, "Afrika aufzuwerten nicht nur in den Augen der Welt, sondern auch der Afrikaner selbst". Wieder in Südafrika, mobilisierte er privates Kapital; nach wenigen Wochen bereits landeten die ersten Experten vom Kap in Mali. Die Malier waren über so viel Effizienz ganz verwirrt.

Leserkommentare
  1. Neben Literatur in Arabisch(er Sprache) gibt es auch in etlichen Ländern zwischen Senegal und Äthiopien Literatur in einheimischen Sprachen, die in arabischer Schrift geschrieben wurde (und z. T. noch wird). Zu diesem bislang noch wenig erforschten Themengebiet findet demnächst an der Universität Köln ein internationaler Workshop statt:

    http://www.uni-koeln.de/p...

  2. Wer oder was war dafür verantwortlich, dass das islamische Schwarzafrika seine kulturelle Einheit mit der arabisch-osmanischen Welt der Neuzeit in den letzten 5 Jhdten. verloren hatte?

  3. Woran soll denn die kulturelle Einheit des islamischen Schwarzafrikas mit der arabisch-osmanischen Welt erkennbar gewesen sein? Ich behaupte, dass diese Idee keine Entsprechung in der Realität gehabt hatte.

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    • Neon
    • 27. November 2011 19:47 Uhr

    @Andreas Wetter
    Ich empfehle Ihnen, sich einmal fuer laengere Zeit dort aufzuhalten, sich der europaeischen Arroganz zu entledigen und lernen, nur zuhoeren und lernen.

    • Neon
    • 27. November 2011 19:47 Uhr

    @Andreas Wetter
    Ich empfehle Ihnen, sich einmal fuer laengere Zeit dort aufzuhalten, sich der europaeischen Arroganz zu entledigen und lernen, nur zuhoeren und lernen.

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