Was jetzt zu tun ist Bach besuchen

Auf nach Leipzig ins neue Archiv zum Thomaskantor! Außerdem empfiehlt Christof Siemes, Nina Hagens neue Biografie zu lesen und den Welttheatertag zu feiern.

Im ganzen Leipziger Buchmessenrummel ist ein Feiertag beinahe untergegangen: der 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach. Der alleine ist noch kein Grund, sich nun unbedingt zum Thomaskirchhof aufzumachen, aber als Geschenk hat der größte Musiker der Stadt ein spektakuläres Museum zu seinen Ehren bekommen. Schon zuvor war im barocken Bosehaus gegenüber der Thomaskirche neben dem Bach-Archiv auch ein Museum untergebracht. Doch erst jetzt, nach über zweijähriger Renovierung, wird hier Bachs Wirken als Thomaskantor nach allen Regeln der museumspädagogischen Kunst erschlossen.

Woche für Woche im Kirchenjahr 1724/25 hat Bach eine Choralkantate geschrieben; die 44 Originalstimmensätze sind der größte Schatz des Archivs. Nun wird einer davon erstmals vollständig gezeigt, im geheimnisvollen Licht der dämmrig-grünen »Schatzkammer« liegen die Stimmen von Wie schön leucht uns der Morgenstern neben (spärlichen) Lebenszeugnissen und ein paar Beigaben aus dem Grab der Eheleute Bach. Ein bisschen Reliquienkult gehört zu so einem Haus zwangsläufig dazu, deshalb dreht sich im ersten Stock alles um die letzte erhaltene Orgel, die des Meisters Hände nachweislich berührten. Viel ist an dem Spieltisch aus der Johanniskirche, der hier erstmals seit 1945 wieder gezeigt wird, nicht mehr original. Aber das macht nichts, weil drum herum ganz pfiffig und doch seriös das Funktionieren der Firma Bach erklärt wird. All die Touchscreens, Hörkabinette und Rätselspiele missbrauchen die Musik nicht für ein Bustouristenspektakel, sondern bahnen einen Weg zum Geheimnis all der fragilen Originale. »Ein erschütterndes Bündel getrockneter Pilze« hat Ossip Mandelstam Bachs Notenhandschriften genannt. In Leipzig ist jetzt das ganze Jahr Pilzsaison.

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Zum höheren Lobe des Herrn sind in Leipzig zuletzt noch ganz andere Töne erklungen. Dass Jesus der Rock und der Roll sei, sang Nina Hagen zur Klampfe, rappte das Vaterunser und brachte am Buchmessenstand der ZEIT ein Ave-Maria a capella zu Gehör. Wie so was klingt, sollte man in ihrer Autobiografie Bekenntnisse (Pattloch Verlag) nachlesen, ein Buch wie ein Gospelgottesdienst, bibelfest, inbrünstig und immer wieder unterbrochen von entzückten »Hallelooya«-Rufen. Die Sängerin schafft es – ob mit göttlicher Hilfe oder nur dank eines begnadeten Lektors –, den Punk ihrer Musik und ihrer sonstigen Auftritte in eine Schriftsprache zu überführen, die nicht peinlich ist. Ein Leben wie ein Trip, der von einer überforderten Mutter und einem tablettensüchtigen Vater über Jesus-Visionen auf LSD und Abstechern in indische Aschrams schließlich zur Taufe führte. Wer all das überlebt, kann wohl gar nicht anders, als an höhere Mächte zu glauben.

Hilfe von ganz oben kann auch das Theater Wuppertal gut gebrauchen; wenn die kirchenmausarme Stadt die Zuschüsse wie geplant um zwei Millionen Euro kürzt, ist das Schauspiel 2012 am Ende. Weil Theaterleute der ganzen Republik weniger auf den Herrn als auf den Wintermärchen-Heine hoffen (»Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten«), soll es am Samstag, dem Welttheatertag, an der Wupper zu einem »entfesselten Theaterbekenntnis« kommen: 50 Theater protestieren spielend auf sechs Bühnen! So viel Solidarität war nie. Mitmachen! Zum Auftakt gibt es unter anderem die Revue Unser Geld ist weg.

 
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