Diese Zeichnung von circa 1720 zeigt den schottischen Bankier und Nationalökonom John Law © Archive Photos/Getty Images

Der Mann, der den modernen Kapitalismus erfand, war ein Mörder. Er war auch ein Spieler, ein Gefängnisausbrecher, ein Frauenheld. Und natürlich war er ein Geschäftsmann. Vor allem aber war er ein Mensch, der sich seine eigenen Maßstäbe setzte und den es wenig kümmerte, was andere davon hielten. Wahrscheinlich musste das so sein. Wahrscheinlich hätte er sonst nie diesen verrückten Gedanken gehabt.

Geld muss nicht aus Gold sein.

Und auch nicht aus Silber, aus Messing, aus Kupfer oder irgendeinem anderen Material, das für sich genommen einen Wert hat. Nein, sagte John Law, Geld kann auch aus Papier sein, aus wertlosem Zeug. Und dann wird es uns alle reich machen. So reich, dass wir gar kein Gold mehr brauchen.

Das war seine Idee. Und weil diese Idee sich Jahre und Jahrzehnte später in der ganzen Welt verbreitete und inzwischen selbstverständlich ist, kann man sagen, dass der Kapitalismus von heute, die modernen Finanzmärkte, die Börsencrashs und Bankenrettungen, dass all das an jenem 21. April 1671 seinen Ursprung hat, an dem John Law auf die Welt kam.

Geboren wird er in Edinburgh , der Hauptstadt von Schottland, als fünftes von zwölf Kindern. Sein Vater arbeitet als Goldschmied. Ein Goldschmied ist damals ein mächtiger Bürger. Ihm bringen die Geschäftsleute und Zunftvorsteher ihre Münzen. Er bewahrt sie auf, prüft ihren Metallgehalt. Wenn seine Kunden knapp bei Kasse sind, streckt er ihnen ein paar Pfund vor. So kommt sein Sohn John früh mit etwas in Berührung, das der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith dreihundert Jahre später als das »Wunder des Bankwesens« bezeichnen wird: dem Kredit.

Dieses Wunder ermöglicht es einem schottischen Kaufmann, indische Gewürze zu erstehen, obwohl er kein Geld hat. Das besitzt er erst, wenn er den Pfeffer oder Ingwer mit Aufschlag weiterverkauft. Dann streicht er den Gewinn ein und begleicht beim Goldschmied William Law seine Schulden – der wiederum den Zins kassiert. Ein Kredit, das mag sein Sohn damals begriffen haben, lässt Wohlstand entstehen, wo vorher keiner war.

Der junge John besucht die Highschool von Edinburgh und wächst zu einem großen, gut aussehenden Mann heran. Zeitgenossen berichten von seiner Vorliebe für modische Kleidung, seinem Hang zu schnellem Geld und schönen Frauen. Edinburgh erscheint ihm klein. Er geht nach London, damals mit 750.000 Einwohnern die größte Stadt Europas . Sein Vater ist früh gestorben und hat ihm ein stattliches Vermögen vererbt, mit dem er sich den Zugang zu Londons Oberschicht erkauft. Law verbringt viel Zeit in Theatern und Kaffeehäusern und am Kartentisch.