Kapitalismus Jetzt werden alle reich
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Law ist pleite, seine Kunden sind pleite, Frankreich ist pleite

Law ist pleite, seine Kunden sind pleite, Frankreich ist pleite

Mildes Klima, riesige Wälder und die Erde voller Bodenschätze. So haben die Zeitungen den Besitz Frankreichs in Amerika beschrieben. Tausende Siedler machen sich auf den Weg ins Mississippi-Delta. Sie sterben an Skorbut, Ruhr und Sumpffieber. Wenn sie hin und wieder in der Erde wühlen, entdecken sie wertlose Steine – und eine schwarze Schmiere, die sie für nicht weniger nutzlos halten. Die Bedeutung des Erdöls wird man erst mehr als hundert Jahre später begreifen.

Die Bedeutung einer schlechten Nachricht hat John Law schon damals erkannt. Krampfhaft versucht er, die Wahrheit zu verschleiern, die Hoffnung zu nähren. Er lässt Vagabunden, Bettler und Straßenkinder zusammentreiben, mit Schaufeln ziehen sie durch Paris. Sie seien auf dem Weg zu den Goldminen der Neuen Welt. So lässt er es verbreiten.

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Doch die Gerüchte sind stärker. Die Leute werden nervös. Im Februar 1720 sinkt der Börsenkurs innerhalb einer Woche um fast dreißig Prozent. Law lässt noch mehr Geld drucken und kauft selbst Aktien der Compagnie. Er stützt den Kurs, bringt aber noch mehr Papiergeld in Umlauf.

Ein paar Pferdewagen kündigen schließlich das Ende an. Ein reicher Adliger lässt sie vor der Banque Royale vorfahren. Misstrauisch geworden, verlangt er, das Papiergeld in Gold umzutauschen, so wie es einst versprochen war. Andere Leute folgen, die Beträge sind enorm, der Bank geht das Edelmetall aus. Law weiß sich nicht anders zu helfen, als die Ausgabe von Gold zu beschränken, und erzeugt damit eine Panik. Die Leute begreifen, dass ihr Reichtum eine Täuschung war. Sie rennen zur Bank, sie klopfen an die Tür, sie schwenken ihre Millionen, mit denen sie nichts mehr kaufen können. Niemand will die komischen Zettel noch haben. Law wollte verhindern, dass das Geld so knapp wird wie Diamanten. Statt dessen wurde es so wertlos wie das Wasser der Seine.

Der Herzog von Orléans entlässt John Law aus allen Ämtern. Damit das Volk ihn nicht umbringt, flieht er Ende 1720 heimlich über die Grenze, fort aus einem Land, das Jahrzehnte brauchen wird, um sich von der Finanzkrise zu erholen, die John Law ausgelöst hat. Er, der in seinem Leben unzählige Kartentische als Sieger verließ, hat das größte Spiel seines Lebens verloren. Neun Jahre später, am 21. März 1729, stirbt er verarmt und verrufen in Venedig. Seine Idee aber, das Geld vom Gold zu trennen, sollte, viel später, wiederauferstehen. Regierungschefs, Notenbankpräsidenten und Ökonomen erkannten schließlich, wie sehr es die Wirtschaft eines Landes hemmen kann, wenn die in Umlauf befindliche Geldmenge davon abhängt, wie viel Edelmetall vorhanden ist. »Law hat diese Debatte gewonnen«, schreibt einer seiner Biografen, der irische Ökonom Antoin Murphy.

Wer heute Euro, Yen oder Dollar besitzt, hat keinen Anspruch mehr darauf, dass irgendjemand seine Scheine in Gold tauscht. Er kann nur auf eines vertrauen: dass die Europäische Zentralbank, die Bank von Japan und die amerikanische Federal Reserve sich geschickter anstellen als John Laws Banque Royale vor 290 Jahren.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr verständlich geschrieben. Allerdings ist John Laws Unternehmen offensichtlich so sehr avant la lettre, dass die Lektüre sehr bald vorhersehbar wird. - Schön zu wissen, dass Papiergeld erstmalig von einem Zocker, unterstützt von einer Pleite-Nation, in Umlauf gebracht wurde. Die Geldwirtschaft: Vertrauen erweckend von der ersten Minute.

  2. Die heutigen Banken sind aber noch einen Schritt weiter gegangen.
    Sie haben kein Gold als Gegenwert der Einlagen, nein sie haben noch nicht mal genug von dem Papier das wir Geld nennen um alle Anleger auszubezahlen.

  3. Im Grunde genommen war Law genial, und seine Vorgeschichte prädestiniert in geradezu dazu.
    Persönlicher Lebenswandel und Stabilität sind kein Garant für Genie oder Richtigkeit solcher Ideen. Das möchten wir nur gerne glauben, weil wir ja sonst nichts haben, an das wir uns halten können.
    Doch das Wesen eines Genies ist häufig Unberechenbarkeit, besonders in engen gesellschaftlichen Verhältnissen.

    Das Problem das hier erstmals auftrat, das Geld und insbesondere Kredit ein Versprechen auf eine erwartete, aber unsichere Zukunft ist, wurde nur erstmals mit den Massen in Berührung gebracht, die wie immer seitdem wie die Schafe blind auf die Erfüllbarkeit der Erwartungen bauen.

    Das ist bis heute das Problem geblieben, denn Gläubige Prediger aller Art, auch die des Wohlstandes, sind sehr überzeugend und blenden den gesunden Menschenverstand in allen Gesellschaftsschichten, sie finden immer genügend gläubige Anhänger, das haben Sozialisten und Wirtschaftsvisionäre gemeinsam.
    Denn was macht man, wenn die Erwartungen sich als unrealistisch erweisen? Mithin der Wert des Wechsels auf die Zukunft wertlos wird?
    Wie man sowohl bei unserem Sozialstaat inkl. Staatsverschuldung, aber auch der amerikanischen Geldpolitik sehen kann ist das ein unausrottbares Phänomen.
    Die Mittel, die Art der Euphorie, ändern sich je nach Zeitgeist, die Unvernunft, in Form verkappter Sehnsucht nach dem Paradies, aber nie.

    H.

  4. Liest sich wie eine gelungene Inhaltsangabe zu einem guten
    Roman, im Stil Jules Vernes oder Stephen Baxters.
    Zu dieser Zeit, zu Beginn der Industrialisierung, handeln
    viele gute Geschichten. Diese hier scheint mir eine von
    ihnen zu sein. Auch wenn ich dem Kapitalismus gegenüber
    skeptisch bin, so fasziniert mich die Möglichkeit, dass ein
    einziger Mensch die Welt bewegen kann. Dass er zum
    Schluss doch noch tragisch scheitert, macht die ganze
    Sache
    schon irgendwie literarisch..
    Danke für den Artikel, sehr unterhaltsam!

  5. Zitat: "Papier soll zu Geld werden, und eine staatliche Bank soll die Scheine drucken."

    Der erste Teil ist bereits erfüllt. Jetzt fehlt nur noch der zweite Schritt, eine monetäre Gewalt.

  6. Sahaste hat recht. Wenn es um Erfindungen geht, legen wir Deutschen einen seltsamen Doppelstandard an. Buchdruck mit beweglichen Lettern: Seit dem dreizehnten Jahrhundert für Asien und China verbürgt. Aber macht nichts. Gutenberg hat den beweglichen Buchdruck noch mal erfunden. Mit Papiergeld und Bankensystem ist es ähnlich. Die deutsche Begründung für die Umwidmung von Nachgemachtem in Originäres ist auch unterhaltsam. (1) Es handelt sich um zeitversetzt unabhängige Erfindungen. Nicht sehr überzeugend, da seit 1300 Marco Polos Beschreibungen aus China dem Westen zur Verfügung standen. (2) Der Westen hat in Asien nur 'sporadisch' genutzte Erfindungen erstmals effektiv und systematisch genutzt. Wie das aus Nachgemachtem Originäres machen soll, erschließt sich vermutlich nur denen, die so argumentieren.

  7. "Der Mann, der den modernen Kapitalismus erfand, war ein Mörder. Er war auch ein Spieler, ein Gefängnisausbrecher, ein Frauenheld. Und natürlich war er ein Geschäftsmann. Vor allem aber war er ein Mensch, der sich seine eigenen Maßstäbe setzte und den es wenig kümmerte, was andere davon hielten."

    Kapitalisten sind immer noch so.

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