Archäologie Das Parkhaus muss warten

In einer Baugrube in der Züricher Innenstadt wird eine riesige Pfahlbausiedlung ausgegraben. Findet man hier die ersten Tresore der Ur-Zürcher?

Die eidgenössische Denkmalpflegekommission hat die Zürcher Funde als so wichtig eingestuft, dass eine Notgrabung unausweichlich ist

Die eidgenössische Denkmalpflegekommission hat die Zürcher Funde als so wichtig eingestuft, dass eine Notgrabung unausweichlich ist

Man kann diesen Artikel auch als Stellenanzeige lesen: Die archäologische Abteilung der Stadt Zürich sucht vom kommenden Mai an vierzig Ausgräber. Der Arbeitsort liegt im Zentrum der Stadt, attraktiv zwischen Oper, Seeufer und der Einkaufsmeile beim Bahnhof Stadelhofen. Interessierte müssen sich aber beeilen, denn die Nachfrage ist groß, sagt Ursula Hügi, Archäologin bei der Stadt Zürich: »Wir haben sehr, sehr viele Anfragen.«

Die Arbeitsbedingungen bei dieser Notgrabung werden allerdings nicht angenehm sein. Geschuldet ist dies der ungewöhnlichen Bauweise des unterirdischen Parkhauses, das hier am Zürcher Sechseläutenplatz gebaut wird. Als Erstes hat man dessen Außenwände in den Boden betoniert und darauf die Betondecke gesetzt, um danach darunter den Hohlraum freizugraben – doch mit diesem Arbeitsschritt müssen die Bauherren noch warten. Denn bei den ersten Grabungen in die Tiefe tauchten bis zu 5200 Jahre alte Keramikstücke, Steinbeilklingen und Holzstücke auf: Hinweise auf stein- und bronzezeitliche Pfahlbausiedlungen.

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Darauf ist man hier vorbereitet. Die Schweiz ist Pfahlbauerland; Mehrere hundert Fundstätten säumen die Ufer vom Bodensee bis zum Genfer See. Sie bieten einen einmaligen Blick in die Prähistorie Mitteleuropas. Und die Funde im Zentrum Zürichs könnten diesem Blick viel Neues hinzufügen: »Die Fundfläche ist mit 3500 Quadratmetern riesig«, sagt Ursula Hügi, »da haben wir die Chance, eine ganze Siedlung untersuchen zu können.«

Wegen des bereits fertiggestellten Parkhausdeckels werden die Ausgräber die archäologischen Schätze wie Bergleute im Untertagebau aus dem feuchten Uferboden klauben müssen. Von drei Öffnungen im Deckel aus werden sie sich seitwärts in den Boden vorgraben. »Nachher wird es da unten wie in einem Emmentalerkäse aussehen«, sagt Aldo Bianchetti vom Baukonsortium des Parkhauses. Erfreut darüber ist er nicht, »weil wir wegen der Löcher und Gänge danach die ganz großen Maschinen nicht mehr benutzen können«. Ansonsten nimmt es Bianchetti gelassen, dass ihm die Archäologen die Baustelle für voraussichtlich neun Monate lahmlegen. Etwas anderes bleibt ihm kaum übrig: Die eidgenössische Denkmalpflegekommission hat die Zürcher Funde als so wichtig eingestuft, dass eine Notgrabung unausweichlich ist. Daraufhin hat die Stadtregierung in einem dringlichen Verfahren acht Millionen Euro dafür locker gemacht – die Kosten durch die Bauverzögerung nicht mitgerechnet. Geholfen hat bei dem Entscheid die Tatsache, dass die mitteleuropäischen Länder mit Pfahlbau-Fundstellen unter Federführung der Schweiz gerade bei der Unesco beantragt haben, die Urzeitsiedlungen in die Weltkulturerbe-Liste aufzunehmen.

Die Pfahlbauer sind so etwas wie der Nationalmythos der Schweiz. Seinen Anfang nahm er um 1850, als die Holzpfähle, die bei Seetiefständen im Uferschlamm auftauchten, zum ersten Mal als Siedlungsreste gedeutet wurden. Besonders tat sich dabei der Zürcher Ferdinand Keller hervor. Fantasievoll entwarf er das Bild eines Schweizer Urvölkchens, das die Seen auf wagemutig konstruierten Plattformen besiedelte, vom Fischfang lebte und abends, mit baumelnden Beinen auf seinen Seebalkonen sitzend, den Sonnenuntergang genoss. Er entfachte damit ein wahres Pfahlbau-Fieber. Bald zeigte sich, dass die Siedlungen einst an vielen Seen des Alpenvorlandes standen. So kurz nach dem Bürgerkrieg 1847 und nach der Gründung des modernen Bundesstaates 1848 war diese Klammer nationaler Identität höchst willkommen. Rund 150 Jahre später feierte die Schweiz das Jubiläum der Pfahlbauer-Forschung, und der Kurator des Schweizerischen Landesmuseums Marc-Antoine Kaeser wollte das Fieber wieder wecken. Das gelang so gut, dass zwei Jahre danach die ganze Nation im Fernsehen mitverfolgte, wie zehn Freiwillige in einem nachgebauten Pfahlbau vier Wochen lang in der Steinzeit lebten.

Wie die Behausung und der Alltag dieser Steinzeitfamilie auszusehen hatte, das gaben die neueren Erkenntnisse der Archäologen vor. Mit dem ursprünglichen Mythos hatten diese nichts mehr zu tun. Heute weiß man, dass die allermeisten Pfahlbauten im Ufervorland der Seen standen und nicht über dem Wasser. Und von Idylle wohl keine Spur: Das Leben damals war hart, in kaltfeuchten Perioden reichten Ackerbau und Viehzucht nicht, dann drohte Hunger, und der Hund der Familie landete im Kochtopf. Die meisten Siedlungen hielten nur 15 bis 20 Jahre. Danach waren die Stützpfähle morsch, der Dreck von Menschen, Schweinen und Rindern zwischen den Hütten stank zum Himmel. Oft zerstörte ein Brand die Siedlung. Oder ein Hochwasser.

Vom Alltag der Pfahlbauer kennen die Forscher so viele Details, weil im Grund der Seen oder im feuchten Uferbereich (wie neben der Zürcher Oper) auch organische Reste überdauerten: Holz, Knochen, Textilien. Sogar steinzeitlicher Kaugummi aus Birkenpech ist schon aufgetaucht. Als »prähistorische Pompejis« hat der Pfahlbauforscher Urs Leuzinger die feuchten Fundstätten bezeichnet. Vermutlich war zwar auch das Land abseits der Seen besiedelt, aber im über Jahrtausende umgepflügten Boden haben sich die Reste kaum erhalten. »Die Seelage wurde von den Menschen damals aber wohl schon bevorzugt«, sagt die Archäologin Ursula Hügi. »Die Uferbereiche waren leichter zu roden, der See bot Trinkwasser und Nahrung, und er diente als Transportweg.« Schon vor 5000 Jahren importierten die Pfahlbauer zum Beispiel Feuerstein aus Oberitalien und Muschelschmuck vom Atlantik und dem Mittelmeer.

Solche Preziosen würden auch an die edle Lage in der Zürcher City passen. Ursula Hügi mag jedoch nichts von solchen Analogieschlüssen über Jahrtausende hinweg wissen – auch wenn sie immer wieder gemacht werden. Die zahlreichen Pfahlbauer-Fundstellen in der Stadt und entlang dem See, erzählt sie, würden viele Lokalpatrioten als Hinweis darauf interpretieren, dass es sich in der Gegend schon immer gut leben ließ. »Und wenn in der Stadt römische Werkzeuge zur Münzherstellung gefunden werden, denkt man gleich an Banken.«

Den Römern billigt man schon lange Geschäftstüchtigkeit zu, dass es im Imperium Romanum Reichtum und soziale Ungleichheit gab, erschreckt oder erstaunt niemanden. Anders bei den Pfahlbauern, da hielt dieser letzte Teil des bröckelnden Mythos. Soziale Ungleichheit habe man als Thema »in der Urgeschichte lange ausgeblendet«, sagt der Berner Pfahlbau-Spezialist Albert Hafner. Mittlerweile mehren sich aber die Hinweise, die dem hehren Bild einer egalitären Pfahlbau-Gesellschaft widersprechen. Am Bodensee wurden Siedlungen gefunden, in denen neben den üblichen Standardhütten auch Holzvillen thronten. Und im Schlick des Bielersees hat Albert Hafners Tauchteam letztes Jahr ein Ensemble von 1000 Pfählen um zehn Bauten entdeckt, das er als Wehrpalisade interpretiert: »Es ist schwierig zu beweisen, aber theoretisch könnte es sein, dass da jemand saß, der ein bisschen mehr hatte« – was dann gleich zur kühnen Spekulation einlädt. Ein Hochsicherheitspfahlbau, gar ein neolithischer Tresor?

Erhärten ließen sich solche Thesen nur, wenn sich an neuen Fundstellen Ähnliches fände. Zum Beispiel neben dem Zürcher Opernhaus: Ein Teil der Siedlung stammt aus derselben Epoche wie der Pfahlbau-Tresor aus dem Bielersee, das hat die Datierung der ersten Fundstücke ergeben. Bis man mehr weiß, wird es aber noch dauern. Archäologin Ursula Hügi erwartet eine Unmenge an Fundstücken und etwa 30.000 Pfähle. Von jedem werden die Ausgräber die genaue Lage bestimmen und Proben absägen. Der Rest des prähistorischen Holzes landet auf dem Müll.

 
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