"Prähistorische Pompejis"
Vom Alltag der Pfahlbauer kennen die Forscher so viele Details, weil im Grund der Seen oder im feuchten Uferbereich (wie neben der Zürcher Oper) auch organische Reste überdauerten: Holz, Knochen, Textilien. Sogar steinzeitlicher Kaugummi aus Birkenpech ist schon aufgetaucht. Als »prähistorische Pompejis« hat der Pfahlbauforscher Urs Leuzinger die feuchten Fundstätten bezeichnet. Vermutlich war zwar auch das Land abseits der Seen besiedelt, aber im über Jahrtausende umgepflügten Boden haben sich die Reste kaum erhalten. »Die Seelage wurde von den Menschen damals aber wohl schon bevorzugt«, sagt die Archäologin Ursula Hügi. »Die Uferbereiche waren leichter zu roden, der See bot Trinkwasser und Nahrung, und er diente als Transportweg.« Schon vor 5000 Jahren importierten die Pfahlbauer zum Beispiel Feuerstein aus Oberitalien und Muschelschmuck vom Atlantik und dem Mittelmeer.
Solche Preziosen würden auch an die edle Lage in der Zürcher City passen. Ursula Hügi mag jedoch nichts von solchen Analogieschlüssen über Jahrtausende hinweg wissen – auch wenn sie immer wieder gemacht werden. Die zahlreichen Pfahlbauer-Fundstellen in der Stadt und entlang dem See, erzählt sie, würden viele Lokalpatrioten als Hinweis darauf interpretieren, dass es sich in der Gegend schon immer gut leben ließ. »Und wenn in der Stadt römische Werkzeuge zur Münzherstellung gefunden werden, denkt man gleich an Banken.«
Den Römern billigt man schon lange Geschäftstüchtigkeit zu, dass es im Imperium Romanum Reichtum und soziale Ungleichheit gab, erschreckt oder erstaunt niemanden. Anders bei den Pfahlbauern, da hielt dieser letzte Teil des bröckelnden Mythos. Soziale Ungleichheit habe man als Thema »in der Urgeschichte lange ausgeblendet«, sagt der Berner Pfahlbau-Spezialist Albert Hafner. Mittlerweile mehren sich aber die Hinweise, die dem hehren Bild einer egalitären Pfahlbau-Gesellschaft widersprechen. Am Bodensee wurden Siedlungen gefunden, in denen neben den üblichen Standardhütten auch Holzvillen thronten. Und im Schlick des Bielersees hat Albert Hafners Tauchteam letztes Jahr ein Ensemble von 1000 Pfählen um zehn Bauten entdeckt, das er als Wehrpalisade interpretiert: »Es ist schwierig zu beweisen, aber theoretisch könnte es sein, dass da jemand saß, der ein bisschen mehr hatte« – was dann gleich zur kühnen Spekulation einlädt. Ein Hochsicherheitspfahlbau, gar ein neolithischer Tresor?
Erhärten ließen sich solche Thesen nur, wenn sich an neuen Fundstellen Ähnliches fände. Zum Beispiel neben dem Zürcher Opernhaus: Ein Teil der Siedlung stammt aus derselben Epoche wie der Pfahlbau-Tresor aus dem Bielersee, das hat die Datierung der ersten Fundstücke ergeben. Bis man mehr weiß, wird es aber noch dauern. Archäologin Ursula Hügi erwartet eine Unmenge an Fundstücken und etwa 30.000 Pfähle. Von jedem werden die Ausgräber die genaue Lage bestimmen und Proben absägen. Der Rest des prähistorischen Holzes landet auf dem Müll.
- Datum 30.03.2010 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
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