Kredit verspielt: Anis Ferchichi alias Bushido © Patrik Stollarz/Getty Images

Schade eigentlich, dass Bushido sich in seinem jüngsten Skandal nicht auf das Prinzip der Intertextualität berufen hat. Es wäre als Beitrag zu aktuellen Debatten angekommen, die Formeln dazu sind ja seit Helene Hegemann in aller Munde. Collage-Technik, Copy & Paste, die »Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation« (Hegemann) – es hätte so schön werden können. Aber Bushido, als Rapper sonst um keine Antwort verlegen, hat offenbar seinen Derrida nicht gelesen. Zum Hamburger Urteil von vergangener Woche, das ihn des Plagiats schuldig spricht und zur Zahlung von 63.000 Euro Schadenersatz verpflichtet, bloß Schweigen.

Am Sachverhalt selbst gibt es nichts zu deuteln: Anis Ferchichi, wie Bushido staatsbürgerlich heißt, hat in gleich 13 Fällen Stücke der französischen Band Dark Sanctuary seinem eigenen Schaffen einverleibt. Ganze Passagen hat er zu Schleifen geformt (»geloopt«), um Bollerbeats und seinen berüchtigten Sprechgesang darüberzulegen. Das war nicht nur nicht nett, es erfüllt den Straftatbestand des geistigen Diebstahls. Nach herrschender Rechtslage, bekräftigt durch ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom letzten Jahr, das selbst das Verwenden »kleinster Tonfetzen« unter Strafe stellt, konnten die Hamburger Richter gar nicht anders, als so zu entscheiden. Dass die Berufung ein anderes Ergebnis bringt, ist nicht zu erwarten. Leider entspricht die Rechtslage nicht im Geringsten dem Stand der Künste.

Was im Fall Hegemann mit großem begrifflichen Aufwand hin- und hergewälzt wurde, ist in der Popmusik seit einem gefühlten halben Jahrhundert gang und gäbe: Man nimmt, was man zu eigenen Zwecken brauchen kann. Elvis hat sich ausgiebig bei schwarzen Bluessängern und weißen Hillbillymusikanten bedient, doch im Rückblick erkennen wir darin keine Urheberrechtsverletzung, sondern die Geburtsstunde des Rock’n’Roll. Die Beatles haben auf ihren ersten Alben frisch importierten Rock’n’Roll mit britischen Music-Hall-Traditionen versetzt, doch niemand käme auf die Idee, sie deswegen als Ideendiebe vor Gericht zu stellen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, vom Blues zum Jazz zum Techno und zurück: Die Geschichte der populären Musik ist eine Geschichte der Ab- und Umschriften, bei der Original, Kopie und Weiterentwicklung nicht klar voneinander zu trennen sind.

Die Kultur des Hip-Hops, der Bushido im weitesten Sinne zuzurechnen ist, hat diesen Sachverhalt nur zugespitzt. Hip-Hop ist Musik aus Musik, in ihrer rohesten Form bestand sie einmal aus zwei Klangquellen, die gemischt wurden, während der Rapper seine Reime darüberspricht. Was seither geschah, lässt sich als Ausweitung des technisch Möglichen bei gleichzeitigem Anwachsen der Sound-Archive beschreiben. Heute stehen dem universellen Collageur, den der DJ vor seinem Equipment darstellt, sämtliche jemals aufgenommenen Klangquellen zur Verfügung, die Kunst besteht in der Rekontextualisierung. Nichts anderes hat Helene Hegemann mit der Bemerkung gemeint, es sei Echtheit, nicht Originalität, die zählt: In den Radikalcollagen des Gegenwartspops verabschiedet sich eine beschleunigte Kultur vom Wunderkind, das zu Hause in seiner Stube aus sich selbst heraus schöpft.

Dem steht ein Copyright gegenüber, das in seinen Grundzügen noch immer den Geist des 19. Jahrhunderts atmet. Text und Melodie sind geschützt, in den meisten Fällen aber entsteht die Musik gar nicht mehr vor dem Notenblatt, sondern im Studio, als Prozess zwischen Band und Produzent. Im Mittelpunkt der Rechtsprechung steht der Komponist als »Urheber«, doch viel entscheidender als die Komposition sind inzwischen Kriterien wie Rhythmus, Sound, Mix. Die Entscheidung, auch »kleinste Fetzen« unter Schutz zu stellen, trägt dieser Dynamisierung der Verfahren Rechnung, was aber ist ein Fetzen, wo fängt er an und wo hört er auf, wenn kleinste Soundpartikel wie Atome am Computer hin- und hergeschoben werden? Ironie des Fortschritts: Wenn die Rechtsprechung einen Sachverhalt verhandelbar gemacht hat, ist die Avantgarde des Pops immer schon einen Schritt weiter.