Gegen 22 Uhr am Donnerstagabend sieht es im Sprachenzentrum der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder aus wie auf einer WG-Party zu fortgeschrittener Stunde. Nur die vielen Computer und das grelle Deckenlicht passen nicht recht ins Bild. Etwa 15 Studenten sitzen an Schreibtischen, auf Matratzen oder dem Boden. Jutetaschen und Rucksäcke liegen herum, auf den Tischen stehen Energydrinks. Hausschlappen liegen auf dem Teppich, müde Topfpflanzen hängen vom Bücherregal herab. Von der dunklen Straße dringt ab und an das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos durch die gekippten Fenster, drinnen ist nur Flüstern und das Klackern der Tastaturen zu hören. Es ist: »Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten«. Hier treffen sich Studenten, um mit Arbeiten weiterzukommen, die sie schon lange quälen. Tutoren sollen ihnen dabei helfen.

Simone Tschirpke, 27 Jahre alt, Studentin im Masterstudiengang Interkulturelle Kommunikation, ist eine der Tutoren. Die Frau mit den vielen blonden Locken schaut konzentriert auf ihren Bildschirm. Heute Nacht muss sie nicht nur ihren Kommilitonen helfen, sie muss auch selber an einer Hausarbeit schreiben, über Gesten in Beratungsgesprächen. Sieben Seiten Rohfassung ihrer Arbeit sollen bis zum Morgengrauen stehen. Das hat sie sich vorgenommen.

Wie schreibe ich eine vernünftige Einleitung?

Seit drei Jahren bringen im Schreibzentrum der Viadrina-Uni eigens geschulte Studenten ihren Kommilitonen in Seminaren, Einzelberatungen und Schreibgruppen das wissenschaftliche Schreiben bei. Denn das Aufschieben ist nur eins von vielen Problemen. Wie formuliere ich die Fragestellung, wie strukturiere ich meine Arbeit, wie schreibe ich eine vernünftige Einleitung und einen vernünftigen Schluss? Wie zitiert man richtig? Dies seien die häufigsten Fragen, mit denen die Studenten in die offene Beratung kämen, sagt Katrin Girgensohn, die Leiterin des Schreibzentrums. »Viele Studienanfänger kommen mit dem Irrglauben an die Uni, sie müssten das wissenschaftliche Schreiben bereits beherrschen«, weiß Tutorin Franziska Liebetanz aus der Praxis zu berichten. »Dabei ist das ja etwas, was man erst lernen muss.«

Simone hat ihre Ausbildung zur Schreibtutorin im Wintersemester 2007 gemacht. Sie wohnt in Berlin und pendelt zur Uni. Die Arbeit macht ihr Spaß, und durch ihr Engagement fühlt sie sich ihrer Hochschule verbunden. Jede Woche leitet sie eine Schreibgruppe für Studenten, die ihre Abschlussarbeiten schreiben – drei Stunden lang. Doch das ist ein Klacks gegen dieses nächtliche Marathon.

Bis 23 Uhr kommen immer noch Studenten nach. Ein Grüppchen schleppt sich mit Trekkingrucksäcken und Tragetaschen voller Kopien in den Raum und lässt sich auf dem Boden nieder. Ein Austauschstudent liest Deutsch in 30 Tagen. Zwei Studentinnen sitzen mit den Laptops auf dem Sofa, sie haben eine Flasche Dornfelder aufgemacht, »zur Motivation«. Die hält nicht allzu lange vor, beide gehen vor Mitternacht, die Flasche ist fast leer. Luise Herkner, 25, hat den Abend hier mit der Einleitung und Gliederung eines Essays verbracht, will aber die letzte Straßenbahn nach Hause erwischen. Sie war schon mehrfach in der Schreibberatung und ist begeistert: »Nach dem Bachelor dachte ich, dass alles, was ich schreibe, perfekt sein muss, das hat mich unter Druck gesetzt. Aber hier kommt man einfach rein und schreibt und schreibt.«