Geschichte So war es nicht

Ein neues Buch will den Oberbefehlshaber der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkriegs zum Widerständler stilisieren.

Warum heute den General wieder zum Leben erwecken, der in den Jahren 1939 bis 1945 die Schweizer Armee befehligt hat und vor 50 Jahren gestorben ist? Ein Teil der Antwort ist bereits in der Frage gegeben. Es steht ein Jubiläum an, das eine publizistische Präsenz zum Thema ermöglicht, ja erfordert. Ein anderer Teil der Antwort ist inhaltlicher Art. Es geht um die Werte, die man mit diesem Gedenken pflegen kann. Dies ruft freilich noch weitere Fragen auf den Plan: Ob diese Wertezuschreibung richtig ist und was man mit ihr bezweckt. Das von Weltwoche- Redaktor Markus Somm vorgelegte Buch ist der jüngste Beleg für diese instrumentalisierende Gedenkindustrie.

Aus der Sicht der historischen Forschung ist es ein überflüssiges Buch. Es bringt keine neuen Fakten und keine neuen Erkenntnisse. Das räumt der Autor indirekt auch selber ein. Er erklärt, dass es ihm darum gehe, einer neuen Generation General Henri Guisan und die Leistungen der Armee näherzubringen. Seine Hauptquelle war die rund 900 Seiten umfassende Guisan-Biografie, die von Willi Gautschi als einem Angehörigen der sogenannten Aktivdienst-Generation geschrieben worden und 1989 – damals ebenfalls rechtzeitig – zum schweizerischen »Jubiläum« des Kriegsausbruchs beziehungsweise der Generalmobilmachung von 1939 erschienen ist.

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Im Zentrum steht die alte Frage, ob die militärische Abwehrbereitschaft oder die wirtschaftliche Kooperation die Schweiz »gerettet« habe. Eine von Somm zitierte Umfrage von 1989 ergab nur 35 Prozent für die erstere und 47 Prozent für die letztere Deutung. Dies vor dem Hintergrund der damaligen Volksabstimmung über die Abschaffung der Armee. Somm behauptet nun, dass sich wegen der Agitation der Friedenaktivisten eine neue Orthodoxie zugunsten des Wirtschaftsparadigmas habe herausbilden und im Lauf der neunziger Jahre »in weiten Teilen der Öffentlichkeit« durchsetzen können.

Vieles deutet aber darauf hin, dass diese Diagnose nicht oder mindestens nicht mehr stimmt und das alte Geschichtsbild nie richtig abgedankt hat und auch keine Stärkung nötig hat. Das Buch schwimmt im Bestätigungs-Mainstream, der vorgibt, gegen einen unerfreulichen Dekonstruktions-Mainstream zu bekämpfen. Wie die große Popularität der im letzten Jahr vom Schweizer Fernsehen zum gleichen Thema produzierten Sommerloch-Soap namens Alpenfestung – Leben im Réduit zeigt, ist das alte Bild noch immer tief in den Köpfen und Herzen. Es fragt sich aber, ob die junge Generation sich auf Somms politpädagogische Vermittlungsgeschichte stürzen wird. Eher dürften ältere Leser dieses Remake an ihre Brust nehmen.

Die ideologische Überhöhung der schweizerischen Alpenfestung erfuhr und benötigte in den 1980er Jahren tatsächlich eine Korrektur. Diese Relativierung kann aber nicht einigen Friedensaktivisten und zusätzlich der 1996 von Parlament und Regierung eingesetzten Historiker-Kommission (Bergier) in die Schuhe geschoben werden.

Die militärischen und wirtschaftlichen Komponenten waren, was die Ressourcen an Mann und Material betraf, zum Teil konkurrenziell, sie waren aber auch komplementär. Man kann weiterhin über die Anteile der Komponenten streiten. Warum muss das – außer wegen des genannten Jubiläums – an der Figur des Generals durchexerziert werden? Das Guisan-Bild verblasst und entschwindet tatsächlich, unabhängig von der geführten Kontroverse. Markus Somm zeichnet ein treffendes und differenziertes Porträt dieses freundlich-strengen und stilvollen älteren Herrn. Auf der Diskussionsebene vergröbert er immer wieder und ruft überflüssig etwa in Erinnerung, Guisan sei kein Statist gewesen, er habe die Hauptrolle gespielt. Als ob dies jemand behauptet beziehungsweise angezweifelt hätte. Völlig unzutreffend ist die Aussage, dass die Bedeutung des Generals systematisch herabgestuft worden sei.

Leser-Kommentare
  1. Niemals könnte ein Schweizer Redaktor,(schlimmer Redaktorin( Wahlrecht seit 1978)) diesen Artikel, nicht einmal online , geschrieben haben...
    Analytisches Denken/ Schreiben muss man sich leisten können,ein so grund demokratisches Land ist voller Paranoiker, der lange Arm des Amigo (hier)Somm,..." nie bekomme ich einen anderen Job wenn ich jetzt sage das es ahistorisch ist was er schreibt...", deshalb schweigen NZZ und Tagi zu solchen Machwerken oder fallen in lauten Applaus.
    Das kann doch nur eine schiiss Dütsche mit seinem klaren, was sind die Fakten Denken gewesen sein. Danke an die ZEIT Schweiz,
    Ostergrüsse

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
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