Geschichte So war es nichtSeite 2/2

Das Buch setzt die Akzente nach eigener Dramaturgie, rekapituliert beispielsweise in epischer Breite (und vom Thema weit entfernt) die alte Geschichte, dass vielleicht gar Hitler höchstpersönlich im Sommer 1940 deutsche Saboteure in die Schweiz geschickt hat. Die Sprengstoffspezialisten hätten die Eisenbahnstrecken durch den Gotthard und den Simplon vermint, damit diese »innert kurzer Zeit vollkommen zerstört« werden könnten. Dieses wohlfeile Argument wird ohne jede Zeitangabe eingesetzt – und Somm verschweigt natürlich, dass diese Sabotagearbeiten erst im Jahr 1942 abgeschlossen, also in der gefährlichsten Phase gar nicht verfügbar waren. Und dass das Réduit in hohem Maß mit Material aus dem Reich gebaut wurde, wird ebenfalls nicht erwähnt.

Einzelne Episoden sind gekonnt geschildert, man spürt den verdienstvollen Versuch, Geschichte lebendig zu vermitteln. Das konzeptionelle Gerüst ist aber wackelig und tendenziös. Wackelig, weil der Autor mit Schlüsselbegriffen wie Mythos oder Anpassung, autoritär oder undemokratisch wenig präzise umgeht. Und tendenziös, weil er seine Geschichte so schmiedet, dass sie auch eine Botschaft für den heutigen Alleingang der Schweiz abgibt. Somm hält es für bezeichnend, dass Historiker, die das Réduit relativieren (also zu Recht nicht verabsolutieren), für den EU-Beitritt der Schweiz seien. Im Réduit (»Zentralfestung des Sonderfalls«) und im General meint der Autor, gemäß Untertitel, »Schweizerart« erkennen zu können. In dieser Logik muss alles andere, das in irgendeiner Weise anders war, etwa der auch in diesem Buch abqualifizierte Bundesrat, unschweizerischer Art gewesen sein. Wie gesagt, ein unnötiges, weil tendenziöses Buch. Hier will einer unbedingt recht haben. Deshalb biegt er die Geschichte zu seinen Gunsten zurecht. Eine solche Haltung ist ahistorisch.

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Der Autor ist Historiker, leitet das Europainstitut an der Universität Basel und war Mitglied der Bergier-Kommission

 
Leser-Kommentare
  1. Niemals könnte ein Schweizer Redaktor,(schlimmer Redaktorin( Wahlrecht seit 1978)) diesen Artikel, nicht einmal online , geschrieben haben...
    Analytisches Denken/ Schreiben muss man sich leisten können,ein so grund demokratisches Land ist voller Paranoiker, der lange Arm des Amigo (hier)Somm,..." nie bekomme ich einen anderen Job wenn ich jetzt sage das es ahistorisch ist was er schreibt...", deshalb schweigen NZZ und Tagi zu solchen Machwerken oder fallen in lauten Applaus.
    Das kann doch nur eine schiiss Dütsche mit seinem klaren, was sind die Fakten Denken gewesen sein. Danke an die ZEIT Schweiz,
    Ostergrüsse

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
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  • Schlagworte Geschichte | Bundesrat | Literatur | Schweiz | Jubiläum
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