FastenEin Königreich für eine Frikadelle

Tuvia Tenenbom ist von New York an den Bodensee gereist, wo er in einer Fastenklinik Blätter essen muss, um abzunehmen. Dort trifft er auf reiche Menschen aus aller Welt, die sich ein gemeinsames Leiden leisten: Hunger von Tuvia Tenenbom

Über die Wirkung des Fastens liefern sich Ernährungswissenschaftler seit langem erbitterte Debatten

Über die Wirkung des Fastens liefern sich Ernährungswissenschaftler seit langem erbitterte Debatten  |  © MissX/Photocase

Mitten in einer hitzigen Debatte über Pakistan und Palästina sagte jemand etwas, das mich sofort hellhörig werden ließ: Es gibt einen besonderen Platz, sagte Herr Jemand, namens Buchinger in einer Stadt namens Überlingen im Süden Deutschlands, an dem dicke arabische Damen zusammenkommen. Einige von ihnen seien so dick, dass sie ihre Hausmädchen mitbringen, um sich dabei helfen zu lassen, wenn sie sich im Bett auf die andere Seite drehen wollen. Ich verspürte ein unmittelbares Bedürfnis, das Schauspiel in Augenschein zu nehmen. Ich buchte vierzehn Tage Buchinger.

Warum kommen sie zu Buchinger? Buchinger, lasse ich mir sagen, ist ein Ort, der darauf spezialisiert ist, Menschen beim Entgiften und Abnehmen zu helfen. Kein schlechter Ort für einen Mann wie mich. Ich bin, um Ihnen ein Geheimnis zu verraten, ein dicker Mann. Oder, wie wir in unserer politisch korrekten Zeit vielleicht sagen sollten: ein andersdünner. Im Vergleich mit den Damen werde ich mir wahrscheinlich dünn vorkommen. Und wer weiß, ich könnte ja tatsächlich nach zwei Wochen ein schlanker Mann geworden sein.

Anzeige

Ich reserviere einen Flug, kaufe das Ticket, packe meine Sachen und finde plötzlich, nur Stunden vor dem Abflug, heraus, dass man bei Buchinger fasten muss.

Wie bitte? Fasten? Wenn ich fasten wollte, würde ich in die Republik Kongo reisen, aber nach Deutschland? Es ist zu spät, meine Pläne zu ändern. Ich habe bereits Hinz und Kunz erzählt, dass ich zu Buchinger gehe. Was wird man sagen, wenn ich kneife? So viele Jahre habe ich daran gearbeitet, als jüdischer Held wahrgenommen zu werden, wie kann ich da in der Blütezeit meines Lebens einen Rückzieher machen?

Ich komme am John-F.-Kennedy-Flughafen in New York an, und mein einziger Gedanke ist: Wo geht’s hier zum nächsten McDonald’s? Ich muss meinen Magen für zwei Wochen im Voraus füllen. Muss. Aber, ob man es glaubt oder nicht – es gibt hier keinen McDonald’s. Ganz New York ist mit Tausenden von ihnen gepflastert. Aber nicht hier, nicht in einem American-Airlines-Terminal. Doch dann fällt mein Blick auf einen Pizzastand, und ich strebe schnurstracks zu jenen bekömmlichen Schnitten mit extra Käse und Salami. Jede einzelne flüstert: Schluck mich, Tuvia! Ich bestelle zwei. Große. Da sagt mir ein Blick auf die Uhr zu meinem Entsetzen, dass ich schon in den Flieger muss.

Ich lande in Zürich. Ein hungriger Mann in einem neutralen Schlaraffenland. Ich sehe mich nach einem Imbiss um, der Frikadellen hat. Aber dann, es muss mit dem Teufel zugehen, entdecke ich einen Mann mit einem Schild: "Buchinger". Ja, das bin ich. O Gott, Freiheit ade!

Mein Fahrer ist Türke. Er führt mich zu einem schwarzen Mercedes und bedeutet mir, mich hineinzusetzen. Seien Sie gnädig, Mr. Erdoğan oder wie immer Sie heißen, beknie ich ihn. Ich brauche eine Zigarette. Ich, ein benachteiligter Jude, würde wenigstens gerne ein paar Züge von meiner Gauloise genießen.

Leserkommentare
  1. Lieber Herr Tenebom,
    vielen Dank für diesen wunderbaren, herrlich politisch unkorrekten Artikel!

  2. Vielen Dank, ich habe mich köstlich amüsiert (bei einem reichhaltigen Osterfrühstück)!

  3. Welch toller, komischer, erfrischend augenzwinkernder Artikel. Danke dafür!

  4. ...sondern der Mensch, der ihn sagen ließ: "Er bricht in Gelächter aus, dieser Ottomane, und ich verfalle in eine akute Depression."

    Was mich in eine akute, demnächst chronisch zu werden drohende Depression stürzt, ist die rasante Abnahme der Zahl der Deutschen, die ihre Sprache kennen. Zu diesen gehört nicht der Mensch, der Tenenboms meschuggenen Text zu übersetzen versucht hat. Versucht, sage ich. Denn die Verwechslung zwischen einer Ottomane und einem Osmanen ist blamabel. Und sie ist bezeichnend für eine Generation, die nichts dafür kann, dass sie's nicht weiß.

    Ich würde der ZEIT empfehlen, bei der wachsenden Zahl von Nachwuchskräften, die sich zum Schreiben ermächtigt fühlen, wieder Korrektoren einzustellen, die den arglosen Leser vor dem gröbsten Unfug bewahren, z.B. dem Ottomanen. Gemeinsam könnten Jung und Alt die ZEIT zu dem Qualitätsblatt machen, für das sie gehalten wird - und gehalten werden möchte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ottomane" kann sowohl als femininer Substantiv zur Bezeichnung einer "türkischen Liege" verwendet werden, als auch als maskuliner Substantiv zur Bezeichnung eines Osmanen.

    http://www.duden.de/recht...

    Ot­to­ma­ne, der
    Wortart:
    Substantiv, maskulin

  5. "Ottomane" kann sowohl als femininer Substantiv zur Bezeichnung einer "türkischen Liege" verwendet werden, als auch als maskuliner Substantiv zur Bezeichnung eines Osmanen.

    http://www.duden.de/recht...

    Ot­to­ma­ne, der
    Wortart:
    Substantiv, maskulin

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service