Der gemeinsame Besuch des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk und seines russischen Amtskollegen Wladimir Putin Anfang April in Katyn, wo 70 Jahre zuvor auf Stalins Befehl hin Tausende polnischer Offiziere ermordet wurden, ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer polnisch-russischen Aussöhnung. Sie ist noch schwieriger als die deutsch-polnische, für die symbolisch Willy Brandts Kniefall in Warschau vor fast genau 40 Jahren steht. Für die Bundesrepublik bilden die moralische und politische Niederlage Hitlerdeutschlands und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte das Fundament des historischen Selbstverständnisses. Das heutige Russland dagegen pflegt seine imperiale Identität; viele Russen leiten nach wie vor ihr Selbstwertgefühl vom Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg her, halten Stalin für einen der größten Herrscher in der russischen Geschichte und den Zerfall der Sowjetunion 1991 für – wie Putin es ausdrückte – die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Umso bahnbrechender sind die diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten.

Es ist nicht die erste an Polen gerichtete Geste der Russen. "Vergebt uns, wenn ihr könnt", bat Boris Jelzin 1993 vor dem Katyn-Denkmal auf dem Warschauer Powązki-Friedhof. Die Wirkung in Polen war jedoch verhalten, denn die Versöhnungsgeste hatte einen taktischen Hintergrund: Polen bemühte sich um die Aufnahme in die Nato, und der Kreml versuchte das mittels einer versöhnlich intonierten Vergangenheitspolitik zu verhindern. Auch Michail Gorbatschow hatte schon mit einem Schuldbekenntnis für Katyn aktuelle Politik betrieben. Er glaubte, mit der Öffnung eines Teils der Katyn-Akte 1988 dem von der Solidarność bedrängten General Jaruzelski beispringen zu können.

Nach der Wahl Putins zum Staatspräsidenten – und der damit verbundenen Rückkehr zur autoritären Machtstruktur des russischen Staates mitsamt der Verklärung Peters des Großen und Stalins als "russische Bismarcks" – schlossen sich die russischen Archive wieder, die Gerichte lehnten die Ansprüche der Hinterbliebenen ab. Die nationalistische Publizistik kehrte zur These der Stalin-Propaganda zurück, die Mörder von Katyn seien Deutsche gewesen, und frischte das alte Klischee von den Polen als Verrätern des Slawentums auf. Der Tag ihrer Vertreibung aus Moskau 1612 ersetzte gar als neuer Nationalfeiertag den Jahrestag der Oktoberrevolution. Der Grund dafür war die Ukraine: Polen – gerade in die EU aufgenommen – engagierte sich im November 2004 für die Protestbewegung gegen die Wahlfälschungen und erhielt dabei Rückendeckung nicht nur aus Brüssel, sondern auch aus Berlin und Paris. Die Folge war eine Eiszeit in den russisch-polnischen Beziehungen; Moskau versuchte, Polen zu ignorieren und in der EU zu isolieren. Die Ostseepipeline war ein Mittel dazu, das Embargo für polnische Fleischimporte war ein anderes. Die demonstrative Nichteinladung Polens und Litauens zur 750-Jahr-Feier Königsbergs – bei gleichzeitiger Hofierung Berlins und Paris – kam schließlich einem offenen Bekenntnis zu dieser Politik gleich.

Eine Wende wurde möglich, nachdem im Herbst 2007 Donald Tusk die Wahlen gewann. Der Danziger Konservativ-Liberale wollte die belasteten Beziehungen zu den Nachbarn von Ressentiments befreien. Die seit Jahren auf Eis gelegte polnisch-russische "Kommission für schwierige Fragen" nahm ihre Arbeit neu auf, und Tusk lud Putin zu den Gedenkfeiern des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen ein. Das war keine Selbstverständlichkeit angesichts der in Russland vorherrschenden Verdrängung des deutsch-sowjetischen Zusammenspiels bei der Vernichtung des polnischen Staates und der verbreiteten Ansicht, der Zweite Weltkrieg habe erst mit dem deutschen Überfall auf die UdSSR begonnen.

In Russland löste Putins Rede auf der Danziger Westerplatte am 1. September 2009 heftigen Streit aus. Die Nationalisten wiederholten die alten Stalinschen Behauptungen, Polen habe 1939 sowjetische Hilfe abgelehnt und einen Angriffskrieg an der Seite Hitlers erwogen, und der Ribbentrop-Molotow-Pakt sei ein genialer Schachzug Stalins gewesen. Auf der anderen Seite nahm die russisch-orthodoxe Kirche kein Blatt vor den Mund und setzte Stalin als Massenmörder mit Hitler gleich.

Es war Angela Merkel, die das Umdenken in Moskau maßgeblich beeinflusst hat, meint Adam Daniel Rotfeld, Ex-Außenminister und polnischer Co-Vorsitzende der "Kommission für schwierige Fragen". Die Kanzlerin habe Putin klargemacht, dass die EU – bei allen internen Divergenzen – sich in der Russlandpolitik nicht auseinanderdividieren lasse. Umgekehrt machte es die Anwesenheit der Kanzlerin bei der Gedenkveranstaltung auf der Westerplatte dem russischen Ministerpräsidenten leichter, den Polen das Modell der deutsch-russischen Versöhnung anzupreisen.