DIE ZEIT: Herr Radebach, Sie waren mit fünf Kommilitonen vom Studienkolleg zu Berlin in Albaniens Hauptstadt Tirana unterwegs. Sie sind sämtliche Straßen abgelaufen und haben sie fotografiert. Warum die Mühe?

Alexander Radebach: Wir wollten Tirana nicht so kennenlernen, wie ein Tourist es normalerweise tut. Der Reiseführer sagt, was interessant ist, und das arbeitet man dann ab. Wir wollten die ganze Breite der Stadt sehen. Ein Gefühl für ihre Proportionen kriegen. So lange durch Industriegebiete laufen, wie sie vertreten sind.

ZEIT: Und warum gerade Tirana?

Radebach: Es sollte eine europäische Hauptstadt sein, die aber klein genug ist, um sie in zwei Wochen abgehen zu können. Auch suchten wir eine Stadt, die uns neu ist.

ZEIT: Wie haben Sie die Touren zusammengestellt?

Radebach: Wir haben im Stadtplan eine Route eingezeichnet, bei der wir möglichst wenige Wege doppelt gehen mussten. Jeden Morgen um acht sind wir, immer in der Gruppe, aufgebrochen und bis zur Dämmerung gelaufen. Die Idee war, alles gleich zu gewichten. Die Villa des ehemaligen Diktators ist dann genauso bedeutsam wie ein normales Haus. Von jeder Straße machten wir Fotos, um daraus einen Stadtplan aus Bildern zusammenzusetzen.

 

ZEIT: Was ist besonders an Tiranas Straßen?

Radebach: Abseits der wenigen Geschäftsstraßen haben sie oft Schlaglöcher. Dort fahren fast nur alte Mercedes. Die sind robust genug, sagen die Einheimischen. In den Außenvierteln gibt es nur Sand und Schlamm, in den flache Steine gelegt sind. Über die balancieren Frauen mit hochhackigen Schuhen, grazil und ohne sich zu beschmutzen. Wir sahen nach einer halben Stunde total verschlammt aus. Übrigens haben wir nie Geld auf der Straße gefunden. Die Tiraner achten offenbar auf ihr Geld.

ZEIT: Und wie sehen die Häuser aus?

Radebach: Bei den Einfamilienhäusern ist die erste Etage hergerichtet, im Erdgeschoss stehen rohe Wände. Solange das Haus eine Baustelle ist, zahlt man weniger Steuern. Nur in den besseren Vierteln im Süden sahen wir fertige Häuser, eingerahmt von Mauern, auf denen Glasscherben stecken. Nicht sehr einladend.

ZEIT: Nach Tirana reisen bislang nur wenige Touristen. Wie haben die Menschen auf sechs Studenten mit Fotoapparat reagiert?

Radebach: Gleich am ersten Tag gab’s Ärger. Eine von uns hat im Zentrum einen Marktstand fotografiert, wo Fleisch angeboten wurde, nicht unbedingt nach deutschen Hygienestandards. Der Verkäufer kam herausgestürmt. Er hat die Fotografin geschüttelt, die Kamera geschüttelt. Danach haben wir um Erlaubnis gefragt, bevor wir ein Foto machten. Und wir verteilten unsere Flyer auf Albanisch, die das Projekt erklären.

ZEIT: Sind Sie auch mal mit Menschen ins Gespräch gekommen?

Radebach: Häufig riefen uns Leute von ihren Grundstücken her zu: Wollt ihr mit uns Kaffee trinken? Sehr nett. Aber dann hätten wir unser Pensum nicht geschafft. Manchmal plauderten wir auch mit den älteren Herren, die überall auf Bänken sitzen und Domino spielen. Immer Männer, spielende Frauen haben wir nie gesehen.

 

ZEIT: Sie studieren verschiedene Fächer. Wählte jeder einen anderen Fokus?

Radebach: Ja. Eine widmete sich der Frage: Wie ist die Stadt dekoriert? Tiranas Farbe ist Gelb-Grün. Es gibt ein Klebeband in diesem Ton, das wird überall verwendet. Und die Studentenstadt sieht aus wie von Lego: Die Bänke, die Bordsteine, alles ist angemalt. Bunt sind auch die Häuser am Lana-Fluss, die der Bürgermeister in grellen Farben streichen ließ. Die Bewohner sagen: Da wird nur kaschiert. Drinnen ist es so zugig wie zuvor. Andere von uns haben die Stadt wie einen Körper betrachtet: Wo sind die Adern, wo ist sie verletzlich?

ZEIT: Was sind denn Blutbahnen einer Stadt?

RADEBACH: Die Schlagader ist der Boulevard Rruga e Durresit, der von der City zum Meer führt und an dem sich viele Firmen angesiedelt haben. Die Venen sind die Elektroleitungen, die kreuz und quer über den Häuser verlaufen. Manche Organe wirken schwer krank. Etwa der Bahnhof, der anderswo das Herz einer Stadt ist. Aber bei diesem pendelt am Tag nur ein Zug, und der hat zerbrochene Fensterscheiben.

ZEIT: Sie wollen sich mit ihrem Projekt vom Easyjet-Tourismus abgrenzen. Was haben Sie über die 600000-Einwohner-Stadt erfahren, das dem Kurzurlauber verborgen bleibt?

Radebach: Dass Tirana nicht so ärmlich ist wie gedacht. Wir sahen nur zwei Bruchbuden, alles andere waren solide Häuser. Fast jeder, mit dem wir sprachen, hat einen Verwandten im Ausland, der Geld schickt. Vor allem haben wir nun ein Gefühl dafür, wie Tirana zusammengesetzt ist. Die berühmten Gebäude im Zentrum, der Uhrenturm aus dem 15. Jahrhundert, die italienischen Villen, sind eher Fremdkörper. Der Fünfziger-Jahre-Betonbau ist typischer.

ZEIT: Wenn nun ein Kurzurlauber ein realistischeres Bild der Stadt bekommen will: Wo sollte er unbedingt hingehen?

Radebach: Auf jeden Fall in die illegal bebauten Gebiete am Stadtrand. In die Gassen, durch die kein Müllfahrzeug passt, die aber sehr lebendig sind mit vielen Kindern. Und zur einstigen Filmakademie, einem verfallenen Prachtbau im Osten der Stadt, um den sich heute Medienunternehmen gruppieren. Ein beeindruckendes Nebeneinander von Niedergang und Neubeginn. Wie westlich Tirana sein kann, erlebt man nahe der Uni, in den Internetcafés und Klamottenläden, die »Chic-chic-Berlin« heißen.

ZEIT: Nachdem Sie nun jede Straße Tiranas kennen: Was ist Ihr Lieblingsort?

Radebach: Das Blloku im südlichen Zentrum. Vor der Wende standen hier, durch Mauern abgeschottet, die Villen der Parteioberen. Heute gibt es Clubs und ein Café neben dem anderen. Die Leute trinken Latte macchiato, durch die Straßen kurven junge Männer mit runtergekurbelten Autoscheiben. Der ideale Ort, um wundgelaufenen Füßen eine Pause zu gönnen.

Das Interview führte Cosima Schmitt

Infos unter www.physisstadt.org. Einige Fotos sind ab 22. April in der Hertie School of Governance, Quartier 110, Friedrichstr. 180, 10117 Berlin zu sehen