ZEIT: Sie studieren verschiedene Fächer. Wählte jeder einen anderen Fokus?

Radebach: Ja. Eine widmete sich der Frage: Wie ist die Stadt dekoriert? Tiranas Farbe ist Gelb-Grün. Es gibt ein Klebeband in diesem Ton, das wird überall verwendet. Und die Studentenstadt sieht aus wie von Lego: Die Bänke, die Bordsteine, alles ist angemalt. Bunt sind auch die Häuser am Lana-Fluss, die der Bürgermeister in grellen Farben streichen ließ. Die Bewohner sagen: Da wird nur kaschiert. Drinnen ist es so zugig wie zuvor. Andere von uns haben die Stadt wie einen Körper betrachtet: Wo sind die Adern, wo ist sie verletzlich?

ZEIT: Was sind denn Blutbahnen einer Stadt?

RADEBACH: Die Schlagader ist der Boulevard Rruga e Durresit, der von der City zum Meer führt und an dem sich viele Firmen angesiedelt haben. Die Venen sind die Elektroleitungen, die kreuz und quer über den Häuser verlaufen. Manche Organe wirken schwer krank. Etwa der Bahnhof, der anderswo das Herz einer Stadt ist. Aber bei diesem pendelt am Tag nur ein Zug, und der hat zerbrochene Fensterscheiben.

ZEIT: Sie wollen sich mit ihrem Projekt vom Easyjet-Tourismus abgrenzen. Was haben Sie über die 600000-Einwohner-Stadt erfahren, das dem Kurzurlauber verborgen bleibt?

Radebach: Dass Tirana nicht so ärmlich ist wie gedacht. Wir sahen nur zwei Bruchbuden, alles andere waren solide Häuser. Fast jeder, mit dem wir sprachen, hat einen Verwandten im Ausland, der Geld schickt. Vor allem haben wir nun ein Gefühl dafür, wie Tirana zusammengesetzt ist. Die berühmten Gebäude im Zentrum, der Uhrenturm aus dem 15. Jahrhundert, die italienischen Villen, sind eher Fremdkörper. Der Fünfziger-Jahre-Betonbau ist typischer.

ZEIT: Wenn nun ein Kurzurlauber ein realistischeres Bild der Stadt bekommen will: Wo sollte er unbedingt hingehen?

Radebach: Auf jeden Fall in die illegal bebauten Gebiete am Stadtrand. In die Gassen, durch die kein Müllfahrzeug passt, die aber sehr lebendig sind mit vielen Kindern. Und zur einstigen Filmakademie, einem verfallenen Prachtbau im Osten der Stadt, um den sich heute Medienunternehmen gruppieren. Ein beeindruckendes Nebeneinander von Niedergang und Neubeginn. Wie westlich Tirana sein kann, erlebt man nahe der Uni, in den Internetcafés und Klamottenläden, die »Chic-chic-Berlin« heißen.

ZEIT: Nachdem Sie nun jede Straße Tiranas kennen: Was ist Ihr Lieblingsort?

Radebach: Das Blloku im südlichen Zentrum. Vor der Wende standen hier, durch Mauern abgeschottet, die Villen der Parteioberen. Heute gibt es Clubs und ein Café neben dem anderen. Die Leute trinken Latte macchiato, durch die Straßen kurven junge Männer mit runtergekurbelten Autoscheiben. Der ideale Ort, um wundgelaufenen Füßen eine Pause zu gönnen.

Das Interview führte Cosima Schmitt

Infos unter www.physisstadt.org. Einige Fotos sind ab 22. April in der Hertie School of Governance, Quartier 110, Friedrichstr. 180, 10117 Berlin zu sehen