Tirana Tirana lang und breitSeite 3/3

Häuserblocks spiegeln sich in der Motorhaube eines Autos

Häuserblocks spiegeln sich in der Motorhaube eines Autos

ZEIT: Sie studieren verschiedene Fächer. Wählte jeder einen anderen Fokus?

Radebach: Ja. Eine widmete sich der Frage: Wie ist die Stadt dekoriert? Tiranas Farbe ist Gelb-Grün. Es gibt ein Klebeband in diesem Ton, das wird überall verwendet. Und die Studentenstadt sieht aus wie von Lego: Die Bänke, die Bordsteine, alles ist angemalt. Bunt sind auch die Häuser am Lana-Fluss, die der Bürgermeister in grellen Farben streichen ließ. Die Bewohner sagen: Da wird nur kaschiert. Drinnen ist es so zugig wie zuvor. Andere von uns haben die Stadt wie einen Körper betrachtet: Wo sind die Adern, wo ist sie verletzlich?

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ZEIT: Was sind denn Blutbahnen einer Stadt?

RADEBACH: Die Schlagader ist der Boulevard Rruga e Durresit, der von der City zum Meer führt und an dem sich viele Firmen angesiedelt haben. Die Venen sind die Elektroleitungen, die kreuz und quer über den Häuser verlaufen. Manche Organe wirken schwer krank. Etwa der Bahnhof, der anderswo das Herz einer Stadt ist. Aber bei diesem pendelt am Tag nur ein Zug, und der hat zerbrochene Fensterscheiben.

ZEIT: Sie wollen sich mit ihrem Projekt vom Easyjet-Tourismus abgrenzen. Was haben Sie über die 600000-Einwohner-Stadt erfahren, das dem Kurzurlauber verborgen bleibt?

Radebach: Dass Tirana nicht so ärmlich ist wie gedacht. Wir sahen nur zwei Bruchbuden, alles andere waren solide Häuser. Fast jeder, mit dem wir sprachen, hat einen Verwandten im Ausland, der Geld schickt. Vor allem haben wir nun ein Gefühl dafür, wie Tirana zusammengesetzt ist. Die berühmten Gebäude im Zentrum, der Uhrenturm aus dem 15. Jahrhundert, die italienischen Villen, sind eher Fremdkörper. Der Fünfziger-Jahre-Betonbau ist typischer.

ZEIT: Wenn nun ein Kurzurlauber ein realistischeres Bild der Stadt bekommen will: Wo sollte er unbedingt hingehen?

Radebach: Auf jeden Fall in die illegal bebauten Gebiete am Stadtrand. In die Gassen, durch die kein Müllfahrzeug passt, die aber sehr lebendig sind mit vielen Kindern. Und zur einstigen Filmakademie, einem verfallenen Prachtbau im Osten der Stadt, um den sich heute Medienunternehmen gruppieren. Ein beeindruckendes Nebeneinander von Niedergang und Neubeginn. Wie westlich Tirana sein kann, erlebt man nahe der Uni, in den Internetcafés und Klamottenläden, die »Chic-chic-Berlin« heißen.

ZEIT: Nachdem Sie nun jede Straße Tiranas kennen: Was ist Ihr Lieblingsort?

Radebach: Das Blloku im südlichen Zentrum. Vor der Wende standen hier, durch Mauern abgeschottet, die Villen der Parteioberen. Heute gibt es Clubs und ein Café neben dem anderen. Die Leute trinken Latte macchiato, durch die Straßen kurven junge Männer mit runtergekurbelten Autoscheiben. Der ideale Ort, um wundgelaufenen Füßen eine Pause zu gönnen.

Das Interview führte Cosima Schmitt

Infos unter www.physisstadt.org. Einige Fotos sind ab 22. April in der Hertie School of Governance, Quartier 110, Friedrichstr. 180, 10117 Berlin zu sehen

 
Leser-Kommentare
    • Zack34
    • 12.04.2010 um 17:02 Uhr

    ... dass unter:
    http://www.zeit.de/online...

    nämlich genau die Widerlegung des gängigen medialen Cliche´s zu finden ist, nämlich des sog. "Großserbiens", und zwar aus dem Munde eines "KLA-Fighters"... (Kosovo Liberation Army), Zitat:
    "UNITED STATES OF ALBANIA !"

    Noch Fragen ?

  1. Wenn ich durch Berlin laufe, finde ich selten Geld auf der Straße. Die Berliner achten offenbar auf ihr Geld!

    • XHO
    • 13.04.2010 um 17:40 Uhr

    Es ist wahr, dass Albanien ein armes Land Südeuropas ist und es manchmal Schlamm und Müll gibt, wie auch in viele andere arme Länder, wo Umweltschutz keinen hohen Stellenwert genießt. Meiner Meinung nach aber, haben die Studenten aus Berlin es ein bisschen übertrieben.

    Ich zitiere einen Satz: „Wir sahen nach einer halben Stunde total verschlammt aus.“

    Entweder haben die Studenten auf den Straßen Fußball gespielt, oder haben sie das absichtlich gemacht, um „total verschlammt“ auszusehen.

    und dann

    Im Gegensazt zu den „total verschlammten Studenten“ balanzieren die albanischen Frauen mit hochhackigen Schuhen über die Steine, „grazil und ohne sich zu beschmutzen“. Diese Ironie ist Kennzeichen der Leute, die unser Land nicht sehr lieb haben.

    Ich bin dafür, die Umweltverschmutzung Albaniens zu krtisieren. Ich bin aber damit nicht einverstanden, dass das Schicksal dieser armen Leute ironisiert und ausgelacht wird.

  2. Liebe Kommentierenden,

    für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dieser sehr sehr reizvollen Stadt laden wir Sie gern zu unserer Ausstellungseröffnung ein. Dort besteht umfassende Gelegenheit zum Austausch. Um Anmeldung wird gebeten (über die Hertie-School).

    Wir mögen diese Stadt sehr und begegnen der Stadt weder mit Ironie noch Überheblichkeit! Insofern handelt es sich um ein Missverständnis, das bedauerlich, aber auflösbar ist. Gern räumen wir diese aus und sind gespannt auf Ihre Perspektive auf das Projekt. Lassen Sie uns gemeinsam über die Potentiale und Hemmnisse in Tirana diskutieren. Am 22. April in Berlin (wo man sicherlich auch auf sein Geld achtet!).

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