DIE ZEIT: Frau Hamann , für Ihr Buch Hitlers Wien haben Sie sich durch Mein Kampf gekämpft. Kann man das Buch heute noch lesen?

Brigitte Hamann: Ich kenne niemanden, der es komplett geschafft hat. Es ist unerträglich und schrecklich langweilig...

ZEIT: ...aber eine wichtige historische Quelle?

Hamann: Na ja. Hitler tut so, als zeichne er ein ungeschminktes Bild seines Lebens. Aber wenn man sich seine Jugend in Linz und die Wiener Jahre 1908 bis 1913 anschaut, wird schnell klar, dass so gut wie alles, was er schreibt, erlogen ist, zum Beispiel, er habe auf dem Bau gearbeitet. Der schmächtige Hitler konnte nicht mal einen Koffer tragen.

ZEIT: Aber gibt das Buch nicht umso mehr Aufschluss über sein Denken?

Hamann: Es ist ein Programm, natürlich. Dass er »Lebensraum im Osten« gewinnen will, dass die »Volksgemeinschaft« die parlamentarische Demokratie ersetzen muss und der Marxismus und das Judentum vernichtet werden sollen – das steht da alles drin. Wobei Hitler behauptet, er sei schon in Wien glühender Antisemit gewesen. Aber in Wien hatte er noch nichts gegen die Juden. Schließlich verdankte er ihnen fast alles. Vor allem die Familie Morgenstern hat ihm geholfen, indem sie die Postkarten, die er malte, in ihrem Laden verkaufte. Hitlers Postkarten stapelten sich dort noch 1938, als die Nazis einmarschierten.

ZEIT: Welche Ideen, die Hitler damals aufgesogen hat, finden sich später in Mein Kampf? Er verfasste das Buch ja erst nach dem Münchner Putschversuch von 1923 in der Haft.

Hamann: Hitler hat so gut wie nichts aus sich selbst geschöpft. Er hat immer nur abgeschrieben, vor allem aus den Postillen politischer Randgruppen wie der Alldeutschen Partei Georg von Schönerers. Schönerer war ein Deutschnationaler, der den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich propagierte. Seine Anhänger pflegten einen obskuren Arierkult, waren glühende Antisemiten und grüßten mit »Heil!«. Mein Kampf liest sich über weite Strecken tatsächlich wie eine Collage aus den Pamphleten der rechten Wiener Publizistik. Allein der brutale, monomanische, einpeitschende Tonfall! Auch viele Vokabeln finden sich hier, »entartet« etwa und andere rassistische Begriffe, die damals in Mode waren.

ZEIT: Selbst das Hakenkreuz stammt aus der Wiener Zeit...

Hamann: ...womit wir bei den esoterischen Gestalten wären, die Hitler faszinierten. Dazu gehören Guido von List und Lanz von Liebenfels, beide völlig verrückt. List entwickelte eine germanische Mystik und feierte das Hakenkreuz als arisches Kraftsymbol. Liebenfels führte es in seinem frei erfundenen Privatwappen und veröffentlichte Schriften, in denen er in Züchtungsfantasien schwelgte, die auf frappierende Weise die Lebensborn-Visionen der Nationalsozialisten vorwegnahmen: Ausgewählte arische »Zuchtmütter« sollen mit Ariermännern blonde Arierkinder produzieren.