Italien: Silvios milde Gaben
Vor einem Jahr zerstörte ein Erdbeben die italienische Stadt L’Aquila. Berlusconi nutzte die Katastrophe, um sich als Retter zu inszenieren. Hat das den Opfern geholfen?
© Roberto Salomone/AFP/Getty Images

Berlusconi präsentierte sich nach dem Erdbeben von L' Aquila als Retter in der Not. Die Bewohner der Stadt fühlten sich entmündigt und holen sich ihre Stadt jetzt zurück
Zwischen der neuen und der alten Wohnung von Marco di Gregorio liegen zehn Kilometer, ein Jahr und ein Erdbeben. Als am 6. April 2009 um kurz nach halb vier Uhr morgens ein Erdstoß der Stärke 5,8 auf der Richterskala die Hauptstadt der Abruzzen L’Aquila in Trümmer legte und 308 Menschen starben, stand Marco di Gregorio mit seinem 82-jährigen Großvater unter dem Türbalken ihres gemeinsamen Hauses in der Altstadt. Das Haus stürzte ein, der Balken hielt. Großvater und Enkel konnten sich retten. Für sie wie für die anderen Obdachlosen begann eine lange Odyssee. Am Anfang nächtigten sie in der Notunterkunft, einer Sporthalle, bei Verwandten und in Hotels. Seit zwei Wochen wohnen Großvater und Enkel wieder zusammen, in einer Zweizimmer-Neubauwohnung an der Via Federico Fellini in Preturo. Auf dicken Stahlzylindern stehen dreistöckige Häuser, verputzt in blassgelben und hellgrünen Streifen. Die Gebäude sind erdbebensicher. Jeder Quadratmeter hat 2700 Euro gekostet – Unzerstörbarkeit hat einen hohen Preis.
"Sie sind mein erster Besuch nach dem Beben!", sagt Philosophieabsolvent Marco di Gregorio. Er zeigt seine Wohnung: eine Wohnküche mit Schlafsofa, ein Schlafzimmer, ein Bad, alles voll eingerichtet. "Bettlaken, Töpfe, Teller, eine Kaffeemaschine", zählt di Gregorio auf, "alles da." Auf die Ankömmlinge im neuen Viertel warteten auch eine Flasche Sekt und ein Kuchen, dazu eine Grußkarte: "Alles Gute im neuen Heim, Ihr Silvio Berlusconi". Als handele es sich bei der Wohnung und den übrigen Gaben um ein persönliches Geschenk des Ministerpräsidenten.
Diesen Eindruck mussten auch jene durch das Erdbeben obdachlos gewordenen Familien bekommen, denen am 29. September 2009 Silvio Berlusconi höchstpersönlich die Schlüssel zu ihren neuen Wohnungen überreichte. Das Datum war bewusst gewählt – es war Berlusconis 73. Geburtstag. Der Ministerpräsident trat an diesem Tag als Wohltäter auf, eine Militärkapelle spielte die Nationalhymne, und das Staatsfernsehen übertrug stundenlang die Zeremonie. "Le case di Berlusconi« nennt der Volksmund von L’Aquila die neuen Gebäude für die Erdbebenopfer – "Berlusconis Häuser". Obwohl er sie weder entworfen noch gebaut oder bezahlt hat. Aber er empfängt die Obdachlosen, als handele es sich um seine Gäste. Eine Geste irgendwo zwischen Feudalherrn und Hotelbesitzer: Für euch sorgt nicht Vater Staat, sondern Silvio Berlusconi.
Die Geste eines Medienprofis. Von Anfang an war er der große Protagonist in der Trümmerlandschaft von L’Aquila. Ganze 25 Mal reiste Berlusconi im vergangenen Jahr in die vom Beben verwüstete Stadt, er hielt hier Kabinettssitzungen ab und sogar den G-8-Gipfel. In L’Aquila wollte er seine Stärke als Krisenmanager beweisen – ein Mann, der handelt, statt zu reden, der entscheidet, statt zu diskutieren. "Wir haben nach dem Erdbeben in den Abruzzen so schnell und effizient reagiert, wie es noch nie in Italien geschehen ist", schrieb Silvio Berlusconi noch vor den Regionalwahlen am vergangenen Wochenende an die Italiener. Das sei der Beweis für eine "Regierung der Tat, während die Opposition nur Intrigen, Pessimismus und Katastrophenstimmung verbreitet".
Berlusconi, der Macher. Als Bauunternehmer hatte er einst angefangen, und so geriert er sich auch in den Abruzzen, obwohl er schon lange keiner mehr ist. Am Rand seiner Heimatstadt Mailand errichtete Berlusconi in den 1970er Jahren die Satellitenstadt Milano 2. Und am Tag nach dem Beben versprach er "L’Aquila 2", neue Siedlungen für die Obdachlosen. "new towns« nannte sie Berlusconi. Ein Jahr später gibt es bereits 21 new towns, in denen bislang 14.700 Menschen leben. Eine gigantische Leistung, so schnell so viele Wohnungen für so viele Erdbebenopfer zu bauen. Aber ist das schon die Lösung?
"Jetzt sind die Schweinwerfer ausgestellt. Und wir sind allein"
Manchen new towns wie in Preturo fehlt noch der Anschluss an die Kanalisation. Es gibt einen Fußballplatz, aber weder eine Kaffeebar noch einen Zeitungskiosk. Das neue L’Aquila besteht aus lauter kleinen Satellitenstädten, in denen Menschen zusammenwohnen, die vorher nie zusammengewohnt haben, ohne Räume oder Plätze, an denen sie sich treffen können. Für bessere Planung war keine Zeit – immerhin leben zurzeit noch 5300 Opfer in Hotels an der 80 Kilometer entfernten Adriaküste. Der Staat zahlt für jeden von ihnen 1500 Euro im Monat, er übernimmt auch Mietzuschüsse. Insgesamt werden heute noch über 52.000 Menschen staatlich unterstützt, die am 6. April 2009 vieles oder alles verloren haben. Keiner von ihnen muss mehr im Zelt oder im Wohncontainer leben. Das ist die gute Nachricht. Aber viele fühlen sich nicht nur unterstützt, sondern auch ein wenig entmündigt.





Berlusconi lässt keine Gelegenheit verstreichen, sich in den Vordergrund zu spielen und es bleibt den Italienern überlassen, wie lange sie sich von einer selbstherrlichen Marionette noch vorführen lassen.
Womit die sonst wachen Italiener so betäubt werden konnten, bleibt unklar. Wie lange der "Stoff" wirkt, ebenso.
In unserem Land reichen ja schon schöne Versprechungen und staatsmännisches Gehabe um trotz eklatanter Folgen sich noch im Amt halten zu können.
Die Demokratie mit allen ihren plebiszitären Kontrollmöglichkeiten wird solange warten, bis ein Volk den Mut und den Horizont entwickelt, den das Regeln eines Gemeinwesens erfordert.
Bisher genügen den meisten die Regelung ihrer kleinen privaten Welt. Das das nicht ausreicht, lässt sich längst an vielen Beispielen erkennen.
Die besten Lehren nützen nichts, wenn die Schüler schlafen.
Es ist schön, dass endlich mal wieder über L'Aquila und Umgebung berichtet wird. Danke. Das Beben, welches großes Leid über die Abruzzen brachte, war nun fast genau vor einem Jahr.
Aber leider gewinne ich den Eindruck, dass die Intention des Artikels nicht unvoreingenommen ist. Es soll also nicht einfach nur ein Bericht gegeben werden, wie es den Menschen heute geht und welche Leistungen sie innerhalb eines Jahres vollbracht haben. Nein, die Erinnerung an das tragische Ereignis wird gleich mitverwendet, um Stellung gegen Berlusconi zu beziehen. Ich frage mich warum. Werden die deutschen Medien (nicht nur die Zeit) für ihre Anti-Berlusconi-Berichterstattung bezahlt? Warum immer diese versteckten oder offensichtlichen Angriffe?
Ohne weiter darauf einzugehen, sind nachfolgend Zitate aus Ihrem Artikel so angeordnet, so dass die Aussage ("Berlusconi nutzte die Katastrophe, um sich als Retter zu inszenieren. Hat das den Opfern geholfen?") ihres Artikels plötzlich ganz anders ausschaut:
"In Messina leben heute noch Menschen in den Baracken, die für die Opfer des Erdbebens von 1908 gebaut wurden – das vielleicht eklatanteste Beispiel für die Lebensdauer italienischer Provisorien. In Avellino, wo 1980 ein Erdbeben über 2000 Menschenleben forderte und die Camorra Milliarden am Wiederaufbau verdiente, stehen noch immer die Container, ebenso in Umbrien, wo vor 13 Jahren die Erde bebte."
"Insgesamt werden heute noch über 52.000 Menschen staatlich unterstützt, die am 6. April 2009 vieles oder alles verloren haben. Keiner von ihnen muss mehr im Zelt oder im Wohncontainer leben."
"Ein Jahr später gibt es bereits 21 new towns, in denen bislang 14.700 Menschen leben. Eine gigantische Leistung, so schnell so viele Wohnungen für so viele Erdbebenopfer zu bauen."
Zum Karfreitag bin ich mit einigen deutschen Freunde nach Groningen gefahren. Dort habe ich eine italienische Frau getroffen. Natürlich habe ich mich vorgestellt. Als ich gesagt habe, dass ich aus den Abruzzen komme, sagte sie: "Ach So! Zum Glück, dass es Berlusconi gab. Er hat so viel für euch getan!".
Es war sehr peinlich. Ich hatte nur geantwortet: "Sie wissen nicht, was dort wirklich passiert ist" und bin rausgegangen.
Meine Freunde aus L'Aquila, die bei dem Beben ihr Haus verloren haben, sind der italienischen Regierung tatsächlich dankbar. Dass Berlusconis Selbstinzenierung z.T. groteske Züge annimmt, wissen wir alle. Dass er manchmal nicht den richtigen Ton findet, ebenso. Aber der Fall L'Aquila zeigt doch, dass hinter den Worten - mitunter- nicht nur leere Versprechen stehen. Also Ciaccomo, was ist denn an der Aussage der Italienerin in Groningen so peinlich gewesen?
Meine Freunde aus L'Aquila, die bei dem Beben ihr Haus verloren haben, sind der italienischen Regierung tatsächlich dankbar. Dass Berlusconis Selbstinzenierung z.T. groteske Züge annimmt, wissen wir alle. Dass er manchmal nicht den richtigen Ton findet, ebenso. Aber der Fall L'Aquila zeigt doch, dass hinter den Worten - mitunter- nicht nur leere Versprechen stehen. Also Ciaccomo, was ist denn an der Aussage der Italienerin in Groningen so peinlich gewesen?
Meine Freunde aus L'Aquila, die bei dem Beben ihr Haus verloren haben, sind der italienischen Regierung tatsächlich dankbar. Dass Berlusconis Selbstinzenierung z.T. groteske Züge annimmt, wissen wir alle. Dass er manchmal nicht den richtigen Ton findet, ebenso. Aber der Fall L'Aquila zeigt doch, dass hinter den Worten - mitunter- nicht nur leere Versprechen stehen. Also Ciaccomo, was ist denn an der Aussage der Italienerin in Groningen so peinlich gewesen?
Zuerst,
meine Familie hat nicht ihr Haus verloren. Sie wohnt in Pescara, die wurde nicht von dem Beben betroffen.
Was in Italien passiert, ist dass die Leute wissen nicht die Wahrheit über die Wiederaufbau und das Beben. Das ist weil die Fernsehen, die von Berlusconi kontrolliert sind, sprechen darüber nicht.
Hier sind einiges:
1) Die Regierung hat eine Wiederaufbau der Stadt nicht vor, sie habe nur einige Hause in Umland gebaut.
2) Diese Hauser sind nicht genug für alle. Die Meisten haben mit eigenen Geld eine Lösung gefunden. Trotzdem bleiben noch Leute ohne Haus.
3) Es gab viele Korruption nach dem Beben. Die Untersuchungen werden gerade durchgeführt.
4) Statt dieser Hauser konnten Hauser aus Holz gebaut werden. Mit dem Geld damit gespart, konnte die Stadt wiederaufgebaut werden. Aber diese Entscheidung würde wenige Stimmen bringen. Jetzt jede denkt, dass Berlusconi die Stadt L'Aquila wiederaufgebaut hat, auch wenn es nicht stimmt.
Ich weiß, dass es immer Schwierigkeiten gibt. Ich bin aber böse mit Berlusconi, weil er hat das Leid anderen Leute zur Propaganda benutzt.
Auf jeden falls, diese ist nur meine Meinung. Du hast das Recht Berlusconi anzubeten :)
PS: Ich hoffe, dass mein schlechtes Deutsch verstanden werden kann.
Danke für die Antwort, Ciaccomo. Die Punkte, die du genannt hast treffen schon zu, besonders die Korruptionsfälle müssen untersucht werden, zumal es Anzeichen dafür gibt, daß einige Aufträge an die Mafia vergeben worden sind.
Aber: Im Unterschied zu den im Artikel genannten Erdbeben in Sizilien, Umbrien und Molise ist in L'Aquila tatsächlich was passiert. Natürlich liegt das vor allem an der optimistischen Mentalität der L'Aquilaner. Zitat von laquilanuova.org: "Non è forte chi non cade, ma è forte chi cade e si rialza. L’Aquila alzati e torna a volare."
Aber es sind ja wirklich Gelder von der italienischen Regierung für den Wiederaufbau und für die Unterkünfte verwendet worden. Ich bin beileibe kein Berlusconianer, aber man sollte doch etwas differenzierter über die Tatsachen berichten.
P.S. Und außerdem frage ich mich, wie eine Regierung unter Prodi, D'Alema, Di Pietro etc. so eine Situation gemeistert hätte.
Danke für die Antwort, Ciaccomo. Die Punkte, die du genannt hast treffen schon zu, besonders die Korruptionsfälle müssen untersucht werden, zumal es Anzeichen dafür gibt, daß einige Aufträge an die Mafia vergeben worden sind.
Aber: Im Unterschied zu den im Artikel genannten Erdbeben in Sizilien, Umbrien und Molise ist in L'Aquila tatsächlich was passiert. Natürlich liegt das vor allem an der optimistischen Mentalität der L'Aquilaner. Zitat von laquilanuova.org: "Non è forte chi non cade, ma è forte chi cade e si rialza. L’Aquila alzati e torna a volare."
Aber es sind ja wirklich Gelder von der italienischen Regierung für den Wiederaufbau und für die Unterkünfte verwendet worden. Ich bin beileibe kein Berlusconianer, aber man sollte doch etwas differenzierter über die Tatsachen berichten.
P.S. Und außerdem frage ich mich, wie eine Regierung unter Prodi, D'Alema, Di Pietro etc. so eine Situation gemeistert hätte.
Danke für die Antwort, Ciaccomo. Die Punkte, die du genannt hast treffen schon zu, besonders die Korruptionsfälle müssen untersucht werden, zumal es Anzeichen dafür gibt, daß einige Aufträge an die Mafia vergeben worden sind.
Aber: Im Unterschied zu den im Artikel genannten Erdbeben in Sizilien, Umbrien und Molise ist in L'Aquila tatsächlich was passiert. Natürlich liegt das vor allem an der optimistischen Mentalität der L'Aquilaner. Zitat von laquilanuova.org: "Non è forte chi non cade, ma è forte chi cade e si rialza. L’Aquila alzati e torna a volare."
Aber es sind ja wirklich Gelder von der italienischen Regierung für den Wiederaufbau und für die Unterkünfte verwendet worden. Ich bin beileibe kein Berlusconianer, aber man sollte doch etwas differenzierter über die Tatsachen berichten.
P.S. Und außerdem frage ich mich, wie eine Regierung unter Prodi, D'Alema, Di Pietro etc. so eine Situation gemeistert hätte.
Sobald ich der Name des "CAVALIERE" höre muss ich sofort an das AIDS-Virus denken , ich kann es nicht genau erklären warum aber, seit dem ich gelesen habe wie das Aids-Virus den Körper andockt und anschliessend die Übermacht gewinnt.
Die letzten Geschichtsjahren Italiens beginnend aus dem Jahr 1994 als der Cavaliere die Vorladung mitte in einer Politischen Konferenz in Neapel überreicht bekamm spalten die Italiener in zwei Lager , die eine für den Cavaliere ,die anderen dagegen und mit der Jahre es ist nicht besser geworden sondern schlechter .
Der Cavaliere hat sich stehts als Opfer der Justiz verkauft und sein Volk hat ihm geglaubt.
Wann immer es nötig war hat einer seiner Parteimitglieder ein Gesetztentwurf am meisten als Dekret ( tritt sofort in Kraft ) in Parlament vorgestellt und per Vertrauensabstimmung durchgeboxt wurde (ps. der MP hat in Parlament ca 100 Sitze mehr als nötig , das Ergebniss einer bescheuerten Wahlreform die auch durch die Opposition in der ´90 Jahre verabschiedet wurde ).Legge "ad personam " hat man diese Gesetzte genannt die das Ziel haben eine einzige Person aus dem Schlammassel zu befreien , ganz egal ob dadurch viele andere Prozesse betroffen werden wo Bürger Gerechtigkeit erwarten .Seit dem der Cavaliere den Gang inderPolitik gefunden hat,müssteman denSatz " la legge ´uguale per tutti"geändert werden in " Das Gesetz ist für alle gleich ,ausser für einer .
Wird bald ein Antivirusmittel gefunden ?
Was hat ihre eigene politische Meinung mit dem Artikel zu tun? Genau das ist es, was mich stört. Ein tragisches Ereignis mit vielen Toten und großen Traumata wird von allen (!) politischen Seiten instrumentalisiert. Immer diese italisch-typischen Grabenkämpfe. Kann es sein, dass deshalb Berlusconi immer wieder gewählt wird - weil das "normale" italienische Volk die Nase voll von der ständigen Polemik hat?
Was hat ihre eigene politische Meinung mit dem Artikel zu tun? Genau das ist es, was mich stört. Ein tragisches Ereignis mit vielen Toten und großen Traumata wird von allen (!) politischen Seiten instrumentalisiert. Immer diese italisch-typischen Grabenkämpfe. Kann es sein, dass deshalb Berlusconi immer wieder gewählt wird - weil das "normale" italienische Volk die Nase voll von der ständigen Polemik hat?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren