Verlage Sie können jetzt gehen

Ein Hausbesuch bei Jan Pierre Klage, dem Chef des Jahreszeiten Verlags. Er entlässt fast ein Drittel der Redakteure. Warum so eine Ohrfeige für den Qualitätsjournalismus?

Die Deckenlampen in der Empfangshalle sind ausgeschaltet. Rechts vom Eingang ruhen Zeitschriften des Jahreszeiten Verlags auf brusthohen Stelen: die Frauenzeitschriften Petra und Für Sie, das Reisemagazin Merian, dazu der Feinschmecker, die Stadtillustrierte Prinz und andere. So im Halbdunkel gelegen, ist es, als stünde dort ein karges Wäldchen.

Jan Pierre Klage verabschiedet sich mit einem festen Händedruck.

Anzeige

Es ist das Ende eines Hausbesuchs beim vielleicht umstrittensten Verlagsgeschäftsführer dieses Frühlings, den in der vergangenen Woche die öffentliche Empörung mit ganzer Härte traf.

Klage führt den Hamburger Jahreszeiten Verlag seit zweieinhalb Jahren, und es ist nicht irgendein Unternehmen, dem er da vorsteht, sondern ein Urgestein des deutschen Pressewesens. Merian, die älteste Zeitschrift des Hauses, lotst gebildete Deutsche seit 62 Jahren durch den Urlaub. Sie breitet die Schönheit fremder Städte vor ihren Lesern aus. Bringt den Deutschen das Kulturerbe des Planeten näher. Lockt in die Toskana, in die Provence, nach Sizilien.

Bisher hatte die Öffentlichkeit wenig von Klage gehört, doch nun entlässt er auf einen Schlag 70 Mitarbeiter. Fast ein Drittel der Redakteursstellen wird es kosten, die Hälfte davon sind schreibende Journalisten. Bleiben werden nur die Chefredakteure und zwei Leute pro Ressort. Dafür bekommen sie Titel: Ressortleiter und Stellvertretender Ressortleiter. Sie sollen planen, organisieren, Seiten gestalten. Feste Mitarbeiter haben sie ja keine mehr – das Schreiben übernehmen vor allem freie Journalisten, die künftig schlechter bezahlt werden als bisher die fest angestellten. Danach werden sie auch ihre Zeit für Recherchen bemessen müssen.

Klage will sich erklären. Gleich neben dem Empfang hat er in einen kleinen Konferenzraum im Erdgeschoss gebeten, an einen reinweißen Tisch. Der Mann ist Ende vierzig, schlank und trägt seine halbgelockten Haare nackenlang und hinter die Ohren gestrichen. Als liebste Inspirationsquelle hat er einmal »Bergtouren im Allgäu« angegeben, und das nimmt man ihm ab. Sportlich wirkt er, seine Haut ist leicht wettergegerbt und ein wenig gebräunt, so als hätte er noch vor Kurzem die Sonne gesehen.

In den vergangenen Jahren haben Verlage viele Jobs gestrichen, weil mit dem Wirtschaftseinbruch die Werbeeinnahmen stark zurückgegangen sind. Warum also diese Empörung? Weil Klage einen Schnitt macht, so radikal, wie ihn kein ernst zu nehmender Zeitschriftenmanager zuvor getan hat. Wettbewerber haben Not leidende Zeitschriften eingestellt. Andere haben für Themen, die in mehreren Blättern eines Unternehmens vorkommen, einen Redaktionspool gebildet. Auch Letzteres ist heftig umstritten, weil immer infrage steht, ob die Marke der Zeitschrift, ihr Wert, ihre Eigenheit, manchmal auch ihre Einzigartigkeit darunter leidet.

Leser-Kommentare
  1. er ist scheints ein pessimist, stagniert in alten denkstrukturen. und sehr wahrscheinlich werden ihm spätestens jetzt andere verlage seine leser ausspannen. und dass zu recht. gerade in den letzten jahren sind, wie sie auch schreiben, sehr erfolgreich, neue magazine für eine junge leserschicht auf den markt gekommen.
    wenn ich z.b. die "für sie" mit früher und ihrem jetzigen erscheinungsbild vergleiche ist sie nicht mal mehr als klolektüre interessant. die idee für merian an sich ist nicht schlecht, aber liebe herr klage, wie alt ist das ding? und hat es jemals einen modernisierungsprozess durchlaufen? junge leute kaufen sich solche heftchen nicht mehr am kiosk, die sitzen vor dem internet. und die alten ebenfalls.

  2. Das Problem ist gar nicht mal der Journalismus, sondern die fehlende Dynamik des Lebens selbst, das sich in seiner Reproduktion und seiner Digitalisierung erschöpft. Um das mitzukriegen, reichen dann auch die "kostenlosen" Online- Zeitschriften. Auch bei diesen frage ich mich öfter als manchmal, ob sie das Geld für die Internet- Flatrate wert sind. Naja: auch Langeweile will bezahlt sein.

  3. Es gibt doch ein Vorbild:

    Musiker brauchten Musikverlage. Nur die hatten die notwendige Aufnahmetechnik, den nötigen Marketingapparat, die millionenteure Technik zum Pressen von Schallplatten, Drucken der Hüllen und die notwendige, teure Vertriebsstruktur.

    Ohne Musikverlage kam die Musik nicht zum Hörer.

    Heute haben Musiker exzellente Aufnahmetechnik im eigenen Keller. Das Trägermedium ihrer Musik ist eine Datei. Das Internet verbindet sie direkt mit den Hörern.

    Musikverlage sind überflüssig geworden. Ohne groteske Copyright-Gesetze, die Kopieren auf eine Stufe mit Mord und
    Kindesmissbrauch stellen und ohne Knebelverträge für Musiker wären die Musikverlage längst gestorben. So dauert das Sterben nur etwas länger.

    Nun erwischt es also die Papierverlage. Niemand braucht mehr schnell veraltende Informationen auf Tonnen von quer durchs ganze Land transportiertem Papier.

    Ein Magazin wie Merian steht nicht länger in Konkurrenz zu anderen Reisemagazinen sondern zum ganzen Iternet, das oft besser, in jedem Fall detaillierter und fast immer kostenlos über ein Reiseziel berichtet.

    Nicht Verlage konkurrieren, sondern Autoren bzw. Informationen. Mit der Hoheit über die Informationsverteilung haben die Verlage ihre Lebensbasis verloren.

    Die Papier-Verlage werden bis auf wenige untergehen - so, wie die Sciptorien der Klöster Geschichte sind.

    Alle Gedanken und Argumente dazu, die in dem Artikel genannt werden - sind nur das Hintergrundrauschen, das ihr Sterben untermalt.

  4. Wer keine Identität hat, muss auch keine bewahren. Nur dann geht das beschriebene „Low-cost“-Modell auf. Auf der anderen Seite würde ich fragen: Was haben die bisherigen Redaktionsteams unternommen, um ihre Objekte weiterzuentwickeln? Und wie wurden sie von ihrer Verlagsleiter dabei unterstützt?

    Der Jahreszeiten-Verlag schaltet auf den Winter-Modus und igelt sich ein. Andere genießen den Frühling und wachsen. Mal sehen, in welchem Verlagshaus die Prinzen demnächst eine neue Heimat finden …

  5. 7. warum

    Warum sollte es den Angestellten im Medienbereich anders gehen, als den Angestellten in anderen Branchen?

    Wer hat sich denn jahrelang zum Handlanger des Sozialabbaus gemacht? Wer hat denn jahrelang arbeitnehmerfreundliche Parteien ausgegrenzt (die Linke)? Die linken Ansichten wurden und werden mit der Begründung abgelehnt, dass die Ideen nicht finanzierbar wären.

    Schön, dass es auch mal die Richtigen trifft!

    Wie heißt es doch immer so schön: "das ist doch jetzt eine richtige Chance für die Selbstständigkeit". Ist doch viel schöner LEISTUNGSORIENTIERT zu arbeiten! Hier hat sich der ZEITgeist einer CDU/FDP freundlichen Zeitung endlich realisiert!

    Journalisten werden frei, Arbeiter werden Zeitarbeiter. Was will man mehr...

  6. Liebe ZEIT,

    ein Artikel aus der tiefsten Seele des "Qualitätsjournalismus", gell? Angst. Die Einschläge kommen näher. Gefährlich nahe. Wie weit geht die eigene Redaktion bzw. mittlerweile ja betriebswirtschaftlich dominierte Verlagsführung in ein paar Wochen, Monaten, Jahren? Vor dem Hintergrund der persönlichen Betroffenheit erstmals ein zartes Pflänzchen des Widerstands, ich bin entzückt.

    Absolut frei von Zynismus jetzt und menschlich sehr nachvollziehbar.

    Und die Vorschreiber haben nicht ganz Unrecht, wenn sie konstatieren, dass unter anderen auch die ZEIT der Unterwerfung unter wirtschaftspolitisch neoliberale Dogmen Vortrieb geleistet hat. Was wir alle zusammen, jetzt auch ihr, liebe Journalisten, erleben, ist das Opfer von individueller Sicherheit, Planbarkeit, "Leben" zur Befriedigung von Shareholderinteressen, die naturgemäß brutal eindimensional sind.

    Dazu kommt euer von vielen Kollegen reflexartig gepflegtes Feindbild der "Blogger" und "Bürgerjournalisten" <> Qualitätsjournalisten, die sich dreister Weise ihre Themen, Ansichten und mittlerweile auch Plattformen zunehmend erfolgreich selbst schaffen, während eure Manager noch immer und immer mehr am Tropf der Verwertungskette "PI > Clicks > Conversions" im klassischen Werbevermarktungsmodell hängen.

    Willkommen also im Boot. Was machen wir jetzt? Antworten hat leider auch der Artikel nicht geliefert, wäre doch aber mal eine Recherche wert... :)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service