Verlage Sie können jetzt gehenSeite 3/3

Hinzu kommt, dass die Stadtillustrierte Prinz, die in 13 Städten erscheint, seit Jahren in den roten Zahlen ist, aber eine Einstellung nie ernsthaft zur Diskussion stand, weil sie als Lieblingsobjekt des Verlegers gilt. Klage sagt nun: »Keine unserer Marken hat so ein Potenzial im Internet und im digitalen Geschäft wie Prinz. « Seine Leute würden vor Ideen nur so strotzen. Warum sie bisher kaum eine verwirklicht haben? Es liegt nahe, auch hier den fehlenden finanziellen Spielraum verantwortlich zu machen.

Die Krise des Verlags ist insofern keine, die man aufs Internet abschieben könnte. Sie schwelt lange. Nun legt die Wirtschaftskrise offen, was bereits die Vorgänger von Klage und der Verleger Ganske höchstpersönlich versäumt haben.

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Über die gesamte Dauer des Gesprächs spricht Klage mit leiser Stimme. Auf Kritik reagiert er schon mitten im Satz mit einem »Hmm, hmm, hmm«, so wie jemand, der alle Argumente nächtelang abgewogen hat. In seinen Antworten schwingt dann stets ein Bedauern mit über das, was er tun muss – und was er nicht tun kann. Dass er zwei Konzepte für neue Zeitschriften in der Schublade habe, dass er interessante Titel in Amerika sehe, für die er gern die deutsche Lizenz hätte. Dann atmet er tief aus. Richtet den Blick ins Ungefähre. Er muss gar nicht mehr sagen, dass er den Freiraum dafür derzeit nicht hat.

Der vierte Grund für die Aufregung ist: Klage begleitet seine Radikalkur mit den üblichen Floskeln für die Anzeigenkundschaft und die Leser. Man schaffe in den Redaktionen »Freiraum für Kreativität«, und keine Frage, die »Qualität der Blätter wird nicht sinken«, wenn vor allem freie Journalisten zuliefern. »Es ist ein falscher Gedanke, dass mit der Größe einer Redaktion die Qualitätssteigerung zwingend einhergeht.« Elf Redakteure für ein Monatsmagazin seien genug, 16 seien es für die alle zwei Wochen erscheinende Frauenzeitschrift Für Sie.

Es ist nicht lange her, da sagte Klage über die Zukunft der Presse, nur Leuchttürme hätten Wachstumschancen. Nun gefragt, ob die Titel des Jahreszeiten Verlags noch dazugehörten, stockt er für einen Moment. Soll er weit ausholen? Sich aufregen? Die Anspannung der letzten Tage steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dann sagt er einfach: »Wir sind Premium.« Und leiser: »Ja.« Das werde man sicherstellen.

Meint er das wirklich ernst? Glaubt Klage tatsächlich, guten Journalismus auf Dauer billiger zu bekommen? Sieht er nicht, dass allerorten freie Journalisten aufgeben, weil sie von ihrer Arbeit nicht mehr leben können? Dass sich die Fälle häufen, in denen verdeckte Werbung über freie Autoren in Zeitschriften drängt, weil die Schreiber sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Dass es leichter für Unternehmen ist, auf freie Autoren Druck auszuüben als auf fest angestellte Redakteure. Die Journalisten, sie sind in Klages Konzept der blinde Fleck.

Am Ende ringt sich der Manager immerhin ab, zu sagen, man werde reagieren, wenn sich zeige, dass die Stammredaktion zu weit ausgedünnt sei. Sein Blick geht in den Flur. Die Räume auf der anderen Seite stehen voller Kartons. Ein Restaurant soll dort einziehen. Beim Jalag gibt es bald noch mehr Platz.

 
Leser-Kommentare
  1. er ist scheints ein pessimist, stagniert in alten denkstrukturen. und sehr wahrscheinlich werden ihm spätestens jetzt andere verlage seine leser ausspannen. und dass zu recht. gerade in den letzten jahren sind, wie sie auch schreiben, sehr erfolgreich, neue magazine für eine junge leserschicht auf den markt gekommen.
    wenn ich z.b. die "für sie" mit früher und ihrem jetzigen erscheinungsbild vergleiche ist sie nicht mal mehr als klolektüre interessant. die idee für merian an sich ist nicht schlecht, aber liebe herr klage, wie alt ist das ding? und hat es jemals einen modernisierungsprozess durchlaufen? junge leute kaufen sich solche heftchen nicht mehr am kiosk, die sitzen vor dem internet. und die alten ebenfalls.

  2. Das Problem ist gar nicht mal der Journalismus, sondern die fehlende Dynamik des Lebens selbst, das sich in seiner Reproduktion und seiner Digitalisierung erschöpft. Um das mitzukriegen, reichen dann auch die "kostenlosen" Online- Zeitschriften. Auch bei diesen frage ich mich öfter als manchmal, ob sie das Geld für die Internet- Flatrate wert sind. Naja: auch Langeweile will bezahlt sein.

  3. Es gibt doch ein Vorbild:

    Musiker brauchten Musikverlage. Nur die hatten die notwendige Aufnahmetechnik, den nötigen Marketingapparat, die millionenteure Technik zum Pressen von Schallplatten, Drucken der Hüllen und die notwendige, teure Vertriebsstruktur.

    Ohne Musikverlage kam die Musik nicht zum Hörer.

    Heute haben Musiker exzellente Aufnahmetechnik im eigenen Keller. Das Trägermedium ihrer Musik ist eine Datei. Das Internet verbindet sie direkt mit den Hörern.

    Musikverlage sind überflüssig geworden. Ohne groteske Copyright-Gesetze, die Kopieren auf eine Stufe mit Mord und
    Kindesmissbrauch stellen und ohne Knebelverträge für Musiker wären die Musikverlage längst gestorben. So dauert das Sterben nur etwas länger.

    Nun erwischt es also die Papierverlage. Niemand braucht mehr schnell veraltende Informationen auf Tonnen von quer durchs ganze Land transportiertem Papier.

    Ein Magazin wie Merian steht nicht länger in Konkurrenz zu anderen Reisemagazinen sondern zum ganzen Iternet, das oft besser, in jedem Fall detaillierter und fast immer kostenlos über ein Reiseziel berichtet.

    Nicht Verlage konkurrieren, sondern Autoren bzw. Informationen. Mit der Hoheit über die Informationsverteilung haben die Verlage ihre Lebensbasis verloren.

    Die Papier-Verlage werden bis auf wenige untergehen - so, wie die Sciptorien der Klöster Geschichte sind.

    Alle Gedanken und Argumente dazu, die in dem Artikel genannt werden - sind nur das Hintergrundrauschen, das ihr Sterben untermalt.

  4. Wer keine Identität hat, muss auch keine bewahren. Nur dann geht das beschriebene „Low-cost“-Modell auf. Auf der anderen Seite würde ich fragen: Was haben die bisherigen Redaktionsteams unternommen, um ihre Objekte weiterzuentwickeln? Und wie wurden sie von ihrer Verlagsleiter dabei unterstützt?

    Der Jahreszeiten-Verlag schaltet auf den Winter-Modus und igelt sich ein. Andere genießen den Frühling und wachsen. Mal sehen, in welchem Verlagshaus die Prinzen demnächst eine neue Heimat finden …

  5. 7. warum

    Warum sollte es den Angestellten im Medienbereich anders gehen, als den Angestellten in anderen Branchen?

    Wer hat sich denn jahrelang zum Handlanger des Sozialabbaus gemacht? Wer hat denn jahrelang arbeitnehmerfreundliche Parteien ausgegrenzt (die Linke)? Die linken Ansichten wurden und werden mit der Begründung abgelehnt, dass die Ideen nicht finanzierbar wären.

    Schön, dass es auch mal die Richtigen trifft!

    Wie heißt es doch immer so schön: "das ist doch jetzt eine richtige Chance für die Selbstständigkeit". Ist doch viel schöner LEISTUNGSORIENTIERT zu arbeiten! Hier hat sich der ZEITgeist einer CDU/FDP freundlichen Zeitung endlich realisiert!

    Journalisten werden frei, Arbeiter werden Zeitarbeiter. Was will man mehr...

  6. Liebe ZEIT,

    ein Artikel aus der tiefsten Seele des "Qualitätsjournalismus", gell? Angst. Die Einschläge kommen näher. Gefährlich nahe. Wie weit geht die eigene Redaktion bzw. mittlerweile ja betriebswirtschaftlich dominierte Verlagsführung in ein paar Wochen, Monaten, Jahren? Vor dem Hintergrund der persönlichen Betroffenheit erstmals ein zartes Pflänzchen des Widerstands, ich bin entzückt.

    Absolut frei von Zynismus jetzt und menschlich sehr nachvollziehbar.

    Und die Vorschreiber haben nicht ganz Unrecht, wenn sie konstatieren, dass unter anderen auch die ZEIT der Unterwerfung unter wirtschaftspolitisch neoliberale Dogmen Vortrieb geleistet hat. Was wir alle zusammen, jetzt auch ihr, liebe Journalisten, erleben, ist das Opfer von individueller Sicherheit, Planbarkeit, "Leben" zur Befriedigung von Shareholderinteressen, die naturgemäß brutal eindimensional sind.

    Dazu kommt euer von vielen Kollegen reflexartig gepflegtes Feindbild der "Blogger" und "Bürgerjournalisten" <> Qualitätsjournalisten, die sich dreister Weise ihre Themen, Ansichten und mittlerweile auch Plattformen zunehmend erfolgreich selbst schaffen, während eure Manager noch immer und immer mehr am Tropf der Verwertungskette "PI > Clicks > Conversions" im klassischen Werbevermarktungsmodell hängen.

    Willkommen also im Boot. Was machen wir jetzt? Antworten hat leider auch der Artikel nicht geliefert, wäre doch aber mal eine Recherche wert... :)

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