Glauben Ich vermisse Dich!Seite 5/5
Nur jetzt, nach 35 Jahren, plötzlich nicht mehr.
Ich dachte, wenn ich erst mit meinem ausfälligen Gott gebrochen hätte, würde alles einfacher. Ich dachte, ich müsste nicht in Angst leben, ich dachte, ich müsste mir nicht so viele Sorgen machen. Das war falsch. Was sagt einer, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu glauben, dass alles Schlechte, das auf der Welt geschieht, das Ergebnis eines böswilligen Gottes ist, wenn er morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut und die Welt noch immer so beschissen ist, wie sie es immer war?
Er sagt: "Scheiße."
Das jedenfalls habe ich gesagt.
Ich saß auf den Stufen des Albany Medical Center und versuchte, Gott die Schuld zu geben, vermisste Ihn, wünschte, ich könnte Ihm die Schuld geben, wünschte, es gäbe einen Grund für das alles und eine Lösung, für die Lungen meines Sohnes und den Krebs der Frau meines Freundes, und als ich keinen fand, sagte ich: "Scheiße."
Ich vermisste Gott.
Ich vermisste es, eine Antwort zu haben.
Es ist eine Sache, in einem Universum zu leben, das von einem brutalen Diktator kontrolliert wird, dessen Wille manipuliert, dessen Zorn gezügelt werden, gegen dessen Urteile Berufung eingelegt werden kann. Aber ohne den Diktator, was bleibt einem da noch? Es bleibt einem eine beschissene Welt, in der alles ohne guten Grund geschieht, in der sechs Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht werden und dreitausend Menschen im World Trade Center sterben und zweitausend in einem Hurrikan in New Orleans und eine Viertelmillion in einem Hurrikan in Haiti. So halt. Man kann nur dem Universum die Schuld geben, man hat nur Menschen zu fürchten, die aus einem freien und oftmals grausamen Willen handeln. Hitler hat nicht getötet, weil sich die Juden assimilierten. Hitler tötete, weil Hitler ein Mörder war. Das Erdbeben in Haiti hatte als Ursache keinen Pakt mit dem Teufel; seine Ursache war die Verschiebung der Karibischen Platte. Die Karibische Platte verschob sich nicht wegen der Homosexualität, sondern wegen eines Bruchs in der Enriquillo-Plantain-Garden-Verwerfung.
Was mich wieder zu dem Pfarrer namens Pat und dem Rabbiner namens Yehuda und dem Prediger namens Jerry führt und der Furcht, die sie und ich teilen. Es ist die Furcht vor einer Welt, die wir nicht beherrschen können. Es ist die Furcht vor einer brutalen Welt. Es ist die Furcht vor einer Welt, in der alles passieren kann und wahrscheinlich auch wird. Es ist schwer, auf diesem Planeten gut zu schlafen.
Nachdem der Pastor namens Jerry 2007 gestorben war, nannte Christopher Hitchens ihn einen Schwindler. Er nannte ihn auch noch andere Dinge, aber ich glaube, mit dem Schwindler hatte er unrecht. Ich glaube nicht, dass Jerry ein Schwindler war. Ich glaube nicht, dass Yehuda ein Schwindler ist, ebenso wenig Pat. Ich glaube, sie haben Angst. Und ich glaube, sie sind feige.
Es ist schwer, auf diesem Planeten gut zu schlafen.
Der Deal, den wir machen, ist hart. Werden Sie damit fertig. Wenn Sie beten wollen, beten Sie. Wenn Sie sich betrinken wollen, betrinken Sie sich. Ich mag Marihuana. Aber nur Feiglinge schauen auf die Welt in all ihrer Unschönheit und versuchen, ihre Ängste zu vertreiben, indem sie mit dem Finger auf andere zeigen. Pat ist ein Feigling, weil er die Schuld den Haitianern gibt. Yehuda ist ein Feigling, weil er die Schuld den Homosexuellen gibt. Jerry war ein Feigling, weil er so ziemlich jedem die Schuld gab. Manche geben die Schuld den Juden. Manche geben die Schuld den Schwarzen. Ich habe Gott die Schuld gegeben. Und jetzt kann ich nur noch zugeben, dass wir in einem grausamen Universum leben und dass die Einzigen, denen wir die Schuld an den meisten der schlimmsten Dingen geben können, die passieren, wir selbst sind. Oder niemand.
Ich vermisse Gott.
Ich vermisse die Drohungen, die Strafen. Ich vermisse das Flehen und das Beten und die Kontrolle des Unkontrollierbaren. Ich vermisse es, eine Ursache für die Abscheulichkeit des Lebens zu haben.
Ich vermisse die Klagemauer.
Ich vermisse es, in die Ritzen zwischen ihren alten Steinen Gebete zu stopfen und sicher zu sein, dass sie erhört werden. Ich vermisse es, einen Ort zu haben, zu dem ich mit einem Stift und einem Fetzen Papier gehen und um den Weltfrieden bitten kann, um eine sichere Geburt oder einen neuen Job oder die Heilung des Krebses einer Freundin oder dass Gott in Seiner Gnade herunterlangt und die Lunge meines Sohnes von Flüssigkeit befreit, wenn ich nur verspreche, nie, nie mehr das zu tun, was er bei mir nicht mehr sehen will.
Ich vermisse Frank.
Frank tat gut. Meine Tage waren angespannt, aber ich schlief besser.
Und als ich da auf den Stufen des Albany Medical Center saß und versuchte, Gott die Schuld zu geben, aber merkte, dass ich über Ihn hinweg war, merkte, dass es mir nicht mehr möglich war, Ihn erneut heraufzubeschwören, war mein erster Gedanke nach einer derart langen und schmerzhaften Trennung: "Endlich bin ich frei."
Mein zweiter Gedanke war: "Scheiße."
Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld
- Datum 30.03.2010 - 14:37 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 31.03.2010 Nr. 14
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... einfach nur großartig.
Sehr eindrucksvolle Beschreibung von Zweifeln und Ängsten.
Ich bin selbst durch Höhen und Tiefen meines Glaubens gegangen als christlich erzogene Tochter eines Atheisten und einer gläubigen Mutter. Durch merkwürdige Umwege bin ich wieder zum Glauben gekommen und kann jeden verstehen, der an der Bibel zweifelt oder verzweifelt. Ich habe Ihn/Sie auch vermisst und durch eine gnadenvolle Entwicklung in meinem Leben neu zu suchen begonnen. Mein Fazit: Wer suchet, der findet.
Vielen Dank für diesen Artikel. So wahr, so ehrlich. Mehr davon.
lese ich Zeit.
Das "Du sollst":
Das Fundament jeglicher Zivilisation - und sämtlicher Neurosen.
Sie schreiben: "Das Fundament jeglicher Zivilisation - und sämtlicher Neurosen."
Nein: Ich will - das Fundament jeglicher Zivilisation OHNE Neurosen.
Sie schreiben: "Das Fundament jeglicher Zivilisation - und sämtlicher Neurosen."
Nein: Ich will - das Fundament jeglicher Zivilisation OHNE Neurosen.
"Halte Fleisch und Milch getrennt, sonst."
Dieses Gebot, meint der Autor, stehe im Alten Testament. Dort steht es aber ebensowenig, wie im Neuen Testament etwas von drei heiligen Königen steht. Es existiert nur in der Lehrtradition, die das biblische Gebot
"Du sollst nicht kochen ein Böcklein in der Milch seiner Mutter" (2.Mo 23,19; 2.Mo 34,26; 5.Mo 14,21) auf diese im direkten Wortsinn ultra-orthodoxe, d.h. den rechten Glauben hinter sich lassende Weise auslegt.
Der Autor sieht Feigheit hinter den Lehren der jüdischen und christlichen Legalisten. Da ist mehr dran, als ihm klar ist: Aus Ehrfurcht vor Gott wurde Feigheit, es wurde ein "Zaun um die Torah" gezogen, die dabei doch selbst sagt: "Sondern sehr nah ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, daß du es tust" (5.Mo 30,14).
Reichlich infantil, gelle ? Und deshalb auch dauern Angst,
wie ? Und Schuld ... mmmhhh ? Statt Ursache, he ?
Die Nahrungsvorschriften im Koran und in den Schriften der
Juden haben vorallem mit der Problematik des Verderbens der
Nahrung im dortigen Klima zur damaligen Zeit zu tun. Sich an die Regeln zu halten war einfach Hygiene und vermied Lebensmittelvergiftungen und Todesfälle.Kein Kühlschrank.
Rat : mit Trennungen und Schuld machens Sie es doch einfach wie viele Geschiedene. Eben wenn geschieden ist, ist der
Geschiedene um so mehr und in Zukunft an allem Schuld.Klappt
"Die Nahrungsvorschriften im Koran und in den Schriften der Juden haben vorallem mit der Problematik des Verderbens der Nahrung im dortigen Klima zur damaligen Zeit zu tun."
Interessanterweise konnten Christen in derselben Gegend fast 2000 Jahre ohne Kühlschränke und ohne Nahrungsvorschriften überleben. Es muss wohl der Heilige Geist sein, der sie die ganze Zeit beschützte.
Außerdem scheinen islamische Kamelen besser haltbar zu sein, als die jüdischen. Hasen ebenso.
"Die Nahrungsvorschriften im Koran und in den Schriften der Juden haben vorallem mit der Problematik des Verderbens der Nahrung im dortigen Klima zur damaligen Zeit zu tun."
Interessanterweise konnten Christen in derselben Gegend fast 2000 Jahre ohne Kühlschränke und ohne Nahrungsvorschriften überleben. Es muss wohl der Heilige Geist sein, der sie die ganze Zeit beschützte.
Außerdem scheinen islamische Kamelen besser haltbar zu sein, als die jüdischen. Hasen ebenso.
Ein absoluter Genuß, danke für diesen Artikel. ;-)
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