Jüdische Identität Wer sind wir?
Jude zu sein ist einfach. Man muss nur wissen, woher man kommt, sagt Olga Mannheimer

Gastredakteurin des ZEITmagazin-Spezials "Typisch jüdisch?": die Moderatorin und Autorin Olga Mannheimer
Das Judentum ist eine einheitliche Kultur, stammen doch alle Juden von hebräischen Sippen ab, die sich schon vor Jahrtausenden zu einem Volk zusammenschlossen. Alle Angehörigen dieses Volkes Israel berufen sich auf einen Gott, auf eine gemeinsame Geschichte und auf Ägypten, wo sie sämtlich herkommen. Genau genommen trieben sich die Hebräer erst in Kanaan herum, bevor sie nach Ägypten zogen. Es geht hier aber nicht um geografische Details, sondern um die Einheit des Stämmebundes. Unbestritten kommen alle Juden aus dem Heiligen Land.
Wohin die Vorfahren nach der Zerstörung Jerusalems vor rund zweitausend Jahren gewandert sind, ist allenfalls zweitrangig. Blieben sie im Orient, heißen ihre Nachkommen in politisch korrektem Sprachgebrauch Mizrachim. Im normalen Leben werden sie entweder arabische Juden genannt – was sie nervt, denn sie stammen aus muslimisch geprägten, aber nicht zwingend arabischen Ländern. Oder sie werden mit den Sephardim verwechselt. Das wiederum nervt die Sephardim, die sich zugutehalten, dass ihre Ahnen vor fast zweitausend Jahren auf die Iberische Halbinsel gezogen waren und von dort erst vor einem halben Jahrtausend verjagt wurden. Im Maghreb und im Nahen Osten lebten sie Tür an Tür mit den Mizrachim, teilten deren Bräuche und Nöte, wollten mit ihnen aber nicht vermengt werden. Andere Sephardim hat es nach Europa und später in die USA verschlagen. Diese Sephardim unterscheiden sich von jenen Sephardim dadurch, dass sie sich nicht von den Mizrachim, sondern von den Aschkenasim abgrenzen, die Gefillte Fisch als Genuss betrachten.
Ihrerseits halten sich die Aschkenasim zugute, dass sie Jahrhunderte vor den Sephardim nach Deutschland oder Frankreich kamen; demzufolge seien alle nichtaschkenasischen Juden, deren Speisen einem den Rachen verbrennen, rückständige Orientalen – ob aus Spanien, Persien oder Kirgistan, aus Afrika oder vom Mond, ist einerlei. Dafür unterscheiden die Aschkenasim umso penibler innerhalb ihrer aus Europa stammenden Gemeinschaft.
Diese teilt sich vordergründig in West- und Ostjuden. Bei den Ostjuden kommt es sehr auf das Herkunftsland an, auch wenn es sich nicht genau bestimmen lässt. Bei den Westjuden kommt es auf das Herkunftsland genauso an und darüber hinaus auf den Zeitpunkt der Einwanderung, vor allem wenn das Herkunftsland irgendwo in Osteuropa lag.
Zum Beispiel die Juden in Deutschland. Unter ihnen sind die Nachkommen deutscher Juden eine exotische Minderheit. Vereinfacht ausgedrückt, spalten sich hier die Westjuden in "alteingesessene" ehemalige Ostjuden und in neu eingewanderte ehemalige Ostjuden auf. Natürlich ist die Sache nicht so simpel, wie sie klingt. Die Alteingesessenen kamen nach dem Krieg, meistens aus Polen, nannten die deutschen Juden Jeckes und sortieren sich selber in Galizier, Litwaken und andere. Es versteht sich von selbst, dass die Litwaken, die aus dem polnischen Teil Litauens stammen, nicht mit den Juden aus der Litauischen Sowjetrepublik zu verwechseln sind; ebenso wie die Galizier – aus dem ehemals polnischen, später sowjetischen und heute ukrainischen Gebiet – nicht mit den ukrainischen Juden verwechselt werden dürfen. Diese zählen, wie die litauischen, zu den Neueingewanderten, die ab Ende der achtziger Jahre aus den Republiken des zersprungenen Sowjetreichs nach Deutschland kamen. Die alteingesessenen ehemaligen Ostjuden – einst von den deutschen Juden Polaken, heute von den Neueinwanderern deutsche Juden genannt – wissen um den Unterschied zwischen diesen Republiken. Und gerade weil sie darum wissen, nennen sie alle jüdischen Neueinwanderer Russen. Noch einfacher ist jüdische Zugehörigkeit wohl nicht zu fassen.
Will ein Außenstehender den jüdischen Gemeinsinn begreifen, darf er sich nicht irritieren lassen von Details, deren Zahl beim näheren Betrachten unvermeidlich zunimmt – je dichter er herangeht, desto verwirrender kommt es ihm vor. Rückt er aber weiter ab, wird die Sache glasklar: Alle Juden stimmen darin überein, keine Übereinstimmung mit anderen Juden zu haben. Diesem einhelligen Abgrenzungsdrang verdankt sich ihre sagenhafte Einigkeit. Nur wenige nehmen sich davon aus – so etwa die Nachkommen der Kaifeng-Juden, die wie Han-Chinesen aussehen. Sie beteuern, wie alle anderen Juden zu sein.
- Datum 30.03.2010 - 12:53 Uhr
- Quelle ZEITmagazin, 31.03.2010 Nr. 14
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







das beste Heft das Ihr jeh gemacht habt bzw. das ich gelesen habe! Gekugelt vor Lachen, manchmal auch erst etwas später, und fast in einem Rutsch durchgelesen, was ich eigentlich noch nie geschafft hatte! Mein liebste Mann musste von der Zeit ablassen und sich immer wieder kleine Passagen anhören. Heimlich hat er das Magazin dann mal für ne Stunde entführt!
Ich habe viele, sinnvolle Tipps für meine Ehe gesammelt und gleich mal meinem liebsten Mann gesagt, wo er sich anzustellen hat, was eine difiziele Angelegenheit ist, wo er doch gerne mal nicht macht, was ich sage und des öfteren dann doch macht, was ich sage, um mich zu überraschen.
Sollten Sie Exemplare übrig haben, würde ich sie gerne in meinen Seminaren zur interkulturellen Verständigung einsetzen! (Adresse bitte per Mail erfragen)
Und dann dachte ich so bei mir, dass es doch ein "Heidenspass" wäre, könnte man so ein Magazin auch über die Christen und Moslems veröffentlichen!
So wünsch ich mir noch mehr solche Zeit Magazine und Euch eine schöne Osterzeit!
Tanne62
Schon manches Mal geärgert über das inhaltsleere – mit Ausnahme Martenstein – ZEITmagazin (z.B. Modestrecken).
Und jetzt das! Ganz großartig!
Ich habe schon einige gute Zeitmagazine gelesen. Dieses ist von vorne bis hinten wohl das Beste, was auf dem Magazinsektor bisher gemacht wurde!
Ich habe vor allem selten so viel gelacht. Dieses Zeitmagazin zu toppen, dürfte äußerst schwierig werden! Danke!
Allein dieses Magazin ist ein Jahresabo wert. Mindestens!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren