Gastredakteurin des ZEITmagazin-Spezials "Typisch jüdisch?": die Moderatorin und Autorin Olga Mannheimer © Michael Biedowicz

Das Judentum ist eine einheitliche Kultur, stammen doch alle Juden von hebräischen Sippen ab, die sich schon vor Jahrtausenden zu einem Volk zusammenschlossen. Alle Angehörigen dieses Volkes Israel berufen sich auf einen Gott, auf eine gemeinsame Geschichte und auf Ägypten , wo sie sämtlich herkommen. Genau genommen trieben sich die Hebräer erst in Kanaan herum, bevor sie nach Ägypten zogen. Es geht hier aber nicht um geografische Details, sondern um die Einheit des Stämmebundes. Unbestritten kommen alle Juden aus dem Heiligen Land.

Wohin die Vorfahren nach der Zerstörung Jerusalems vor rund zweitausend Jahren gewandert sind, ist allenfalls zweitrangig. Blieben sie im Orient, heißen ihre Nachkommen in politisch korrektem Sprachgebrauch Mizrachim. Im normalen Leben werden sie entweder arabische Juden genannt – was sie nervt, denn sie stammen aus muslimisch geprägten, aber nicht zwingend arabischen Ländern. Oder sie werden mit den Sephardim verwechselt. Das wiederum nervt die Sephardim, die sich zugutehalten, dass ihre Ahnen vor fast zweitausend Jahren auf die Iberische Halbinsel gezogen waren und von dort erst vor einem halben Jahrtausend verjagt wurden. Im Maghreb und im Nahen Osten lebten sie Tür an Tür mit den Mizrachim, teilten deren Bräuche und Nöte, wollten mit ihnen aber nicht vermengt werden. Andere Sephardim hat es nach Europa und später in die USA verschlagen. Diese Sephardim unterscheiden sich von jenen Sephardim dadurch, dass sie sich nicht von den Mizrachim, sondern von den Aschkenasim abgrenzen, die Gefillte Fisch als Genuss betrachten.

Ihrerseits halten sich die Aschkenasim zugute, dass sie Jahrhunderte vor den Sephardim nach Deutschland oder Frankreich kamen; demzufolge seien alle nichtaschkenasischen Juden, deren Speisen einem den Rachen verbrennen, rückständige Orientalen – ob aus Spanien , Persien oder Kirgistan , aus Afrika oder vom Mond, ist einerlei. Dafür unterscheiden die Aschkenasim umso penibler innerhalb ihrer aus Europa stammenden Gemeinschaft.

Diese teilt sich vordergründig in West- und Ostjuden. Bei den Ostjuden kommt es sehr auf das Herkunftsland an, auch wenn es sich nicht genau bestimmen lässt. Bei den Westjuden kommt es auf das Herkunftsland genauso an und darüber hinaus auf den Zeitpunkt der Einwanderung, vor allem wenn das Herkunftsland irgendwo in Osteuropa lag.

Zum Beispiel die Juden in Deutschland. Unter ihnen sind die Nachkommen deutscher Juden eine exotische Minderheit. Vereinfacht ausgedrückt, spalten sich hier die Westjuden in "alteingesessene" ehemalige Ostjuden und in neu eingewanderte ehemalige Ostjuden auf. Natürlich ist die Sache nicht so simpel, wie sie klingt. Die Alteingesessenen kamen nach dem Krieg, meistens aus Polen , nannten die deutschen Juden Jeckes und sortieren sich selber in Galizier, Litwaken und andere. Es versteht sich von selbst, dass die Litwaken, die aus dem polnischen Teil Litauens stammen, nicht mit den Juden aus der Litauischen Sowjetrepublik zu verwechseln sind; ebenso wie die Galizier – aus dem ehemals polnischen, später sowjetischen und heute ukrainischen Gebiet – nicht mit den ukrainischen Juden verwechselt werden dürfen. Diese zählen, wie die litauischen, zu den Neueingewanderten, die ab Ende der achtziger Jahre aus den Republiken des zersprungenen Sowjetreichs nach Deutschland kamen. Die alteingesessenen ehemaligen Ostjuden – einst von den deutschen Juden Polaken, heute von den Neueinwanderern deutsche Juden genannt – wissen um den Unterschied zwischen diesen Republiken. Und gerade weil sie darum wissen, nennen sie alle jüdischen Neueinwanderer Russen. Noch einfacher ist jüdische Zugehörigkeit wohl nicht zu fassen.

Will ein Außenstehender den jüdischen Gemeinsinn begreifen, darf er sich nicht irritieren lassen von Details, deren Zahl beim näheren Betrachten unvermeidlich zunimmt – je dichter er herangeht, desto verwirrender kommt es ihm vor. Rückt er aber weiter ab, wird die Sache glasklar: Alle Juden stimmen darin überein, keine Übereinstimmung mit anderen Juden zu haben. Diesem einhelligen Abgrenzungsdrang verdankt sich ihre sagenhafte Einigkeit. Nur wenige nehmen sich davon aus – so etwa die Nachkommen der Kaifeng-Juden, die wie Han-Chinesen aussehen. Sie beteuern, wie alle anderen Juden zu sein.