Gil Bachrach: Du willst also über Sex reden. Warum?

Henryk M. Broder: Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass mich von allen Themen, über die ich je gearbeitet habe, Sex am meisten interessiert. Sex ist das einzige universelle Bindeglied, das die Menschheit zusammenhält. Die Vorstellung, dass ein Fellache im Nildelta, ein Hindu in Rajasthan, ein Katholik im Allgäu es im Prinzip auf die gleiche Art machen, die ist betörend. Die essen unterschiedlich, die wohnen unterschiedlich, die waschen sich unterschiedlich. Die haben eine völlig verschiedene Haltung zur Zivilisation, aber in dem einen Punkt sind sie alle gleich. Das Zweite ist, dass sich im Prinzip am sexuellen Verhalten über die Jahrtausende nichts geändert hat. Eine archaische Form der primären Begegnung, an der einfach nichts reformiert werden kann. Sex ist ein Kommunikationsmittel, bei dem du alles, was du brauchst, immer bei dir hast. Du hast jetzt einen Computer, du hast ein Telefon. Du hast irgendein Gerät, mit dem du schreibst und um das Interview mit mir zu führen. Für Sex brauchst du nichts. Du bist sozusagen immer einsatzbereit.

Bachrach: Sehr dramatisch, die Sicht. Gibt es jüdischen Sex?

Broder: Das Jüdische am Sex ist, dass man über Sex redet.

Bachrach: Ist das der Grund, warum Sex mit jüdischen Frauen komplizierter ist als mit nicht jüdischen Frauen? Weil sie mehr reden?

Broder: Das ist ein Thema, über das ich gerade recherchiere. Ich bin mitten in der Feldarbeit. Ich weiß nicht, ob jüdische Frauen dabei mehr reden, ob sie sich genauso artikulieren wie nicht jüdische Frauen. Juden sind einfach verbaler. Ich weiß, das ist eine rassistische Haltung, aber es stimmt. Sie neigen auch dazu, Situationen kaputtzureden, und auch ich habe immer Menschen beneidet, die sich nonverbal verständigen konnten. Schon als 18-, 19-Jähriger habe ich Männchen gemacht, Geschichten erzählt, Jazzplatten aufgelegt und bin damit erbärmlich gescheitert. Irgendwann kam immer irgendein stark gewachsener Sportfreak, guckte die Braut nur an und zog mit ihr davon. Eine schwere Kränkung, an der ich bis heute leide. Jüdisch ist, dass ich auch über dieses Leiden rede. Unser vielleicht größtes Drama ist: Es gibt keine jüdische Dominanz in der Politik, der Finanzwelt, der Wirtschaft – nirgendwo. Es gibt eine jüdische Dominanz in einem einzigen Bereich, in der Unterhaltung. Man findet kaum einen großen Operettenkomponisten, der kein Jude war, oder einen guten Hollywoodkomiker von Woody Allen bis Jerry Seinfeld, der kein Jude ist. Das ganze Filmgeschäft wurde von Juden erfunden. Sie haben eine unglaubliche Vorliebe fürs Erzählen.

Bachrach: Bei dir ist das also auch so.

Broder: Meine Erzählwut war früher ein absolutes Handicap. Ich habe wirklich Leute in die Ecke gequatscht, und danach lief nichts mehr, auch bei den Mädels. Inzwischen hat sich das gewandelt. Entweder steht das Erzählen heute höher im Kurs, oder ich rede weniger, wovon ich eigentlich kaum ausgehen kann. Nein, ich wollte noch etwas anderes sagen: Es gibt eine jüdische Tendenz, die Dinge auf den Punkt zu bringen oder aus dem Punkt wieder herausholen, und das ist natürlich das zentrale Moment der Unterhaltung. Nicht zufällig heißt unterhalten im Jiddischen farvayln, verweilen . Ein wunderbares Wort, ursprünglich Mittelhochdeutsch, gibt es heute gar nicht mehr. Du verweilst, also erzählst du, und das zweite jiddische Wort für unterhalten ist shmuesn. Schmusen hat nicht umsonst eine Doppelbedeutung. Shmuesn ist zum Beispiel, wenn ich dir ans Knie fasse und mich langsam zur Gürtellinie vorarbeite. Aber die eigentliche Bedeutung von shmuesn ist: ein Gespräch miteinander führen. Die Nähe von Reden und Knutschen ist im Wort Shmues also angelegt – das ist eine jüdische Domäne, und du wirst große Mühe haben, einen Sexualforscher zu finden, der kein Jude ist.