Ein riesiger Speisesaal, der sich nach und nach mit Krankenschwestern, Gehbehinderten und Rollstuhlfahrern füllt und ein langsamer, ja meditativer Zoom mit einem elegischen Ave-Maria – herzlich willkommen in Lourdes!

Die hallige, unbehauste, theaterhafte Atmosphäre dieser ersten Einstellung setzt auch schon den Ton für den neuen Spielfilm der jungen österreichischen Regisseurin Jessica Hausner. Lourdes zeigt den Wallfahrtsort im französischen Südwesten als eine Mischung aus Pauschalreise und absurdem Theater, als eine Art Club Méditerranée der Heilssuchenden, als eine große Hoffnungsindustrie.

Wie ein Feldforscher folgt die Kamera der jungen ganzkörpergelähmten Christine (Sylvie Testud). Lourdes ist eines jener Ferienziele, die sich für eine junge Frau mit multipler Sklerose dank der Malteser gut bewältigen lassen. Hier, wo sich die Muttergottes im Jahre 1858 einem jungen Mädchen offenbart haben soll und wo jährlich Abertausende von Pilgern zusammenströmen. Hier, wo man als Behinderte von wohltätigen Freiwilligen gefüttert, geschoben, gebettet, gewaschen und gekämmt wird. Hier, wo die Souvenirläden bis unter die Decke mit Marienfigürchen vollgestopft sind und die Jungfrauenstatuen blaue Neonheiligenscheine tragen. »Kulturreisen mag ich allerdings lieber«, sagt Christine zu dem feschen Malteser-Betreuer, der ihr unter seinem Barett zulächelt.

Nie lässt sich dieser Film aus der Ruhe bringen. Stoisch begibt er sich ins Zentrum eines Massenabfertigungsbetriebes rund um die nächste Marienerscheinung. Warten auf das Wunder, allerdings im Fließbandrhythmus. Also fährt die Kamera die langen Schlangen vor der Mariengrotte ab, zeigt die Akkordsegnungen mit dem Heiligen Wasser, die Massenspeisungen und die Massengottesdienste. Sie steigt mit den Pilgern auf ein nahes Hügelchen und wieder hinab zur Beichte und zur allabendlichen Fürbitte. All dies fügt sich mit Wiederholungen, kurzen Soli und Ensembleszenen zum großen Rhythmus des Glaubensgeschäfts.

Aber Lourdes ist alles andere als eine Persiflage. Jessica Hausners Film entblößt zwar die Absurdität hinter den Mechanismen der Wallfahrtsfabrik, führt die Menschen und Schicksale, die von ihr angezogen werden, aber nicht vor. Seine Spannung zieht der Film aus einer stilisierten Wirklichkeit, aus der Reibung zwischen vorgefundenem Pilgerrummel und sorgsam komponierten Szenen, zwischen den fahlen Farben des Schauplatzes und der Abstraktion durch wohlgesetzte leuchtende Tupfer: die tiefroten Jäckchen der Malteserinnen, die weiß gestärkten Nonnenhauben, das Phosphorgrün des Wackelpuddings im Speisesaal. Schon bald treten aus dem dokumentarischen Hintergrund exemplarische Figuren heraus, entstehen aus dem Einerlei von Essen, Anstehen, Beten, Einschlafen präzise gezeichnete Vignetten.

Da ist die Mutter, die alljährlich mit ihrer schwer kranken Tochter nach Lourdes kommt. Da ist die junge Betreuerin, für die die Pilgerreise in erster Linie Flirtgelegenheit und Kontaktbörse ist. Die knorrige Alte, die so zuvorkommend Christines Rollstuhl schiebt, nicht zuletzt weil sie auf diese Weise beim Gottesdienst nach vorne gelangt, zur günstigeren Startposition für den Segen. Und da sind die zwei lästernden Damen, eine Art griechischer Chor, der die Wallfahrt mit spitzen Kommentaren überzieht.