Außergewöhnliche Zeiten verlangen besondere Maßnahmen, so lautet eine beliebte Rechtfertigung aktivistischer Bedenkenlosigkeit. Wenn es sich bei den Maßnahmen aber ums Geschichtenerzählen handelt, klingt die Sache schon freundlicher. Mit anderen Worten: Wo totaler Überblick und hochgradige Verwirrung im Dauerclinch liegen, da kann ein multidisziplinärer Fabulierer wie Dietmar Dath nur willkommen sein. Zumindest passt er ausgezeichnet in die Landschaft.

Er ist der Daniel Düsentrieb der aktuellen Zeitbetrachtung. Was immer er angeht, ob Artikel, Essays oder Erzählwerke, überall blinken da ständig kleine Glühbirnen auf und vermelden Geistesblitze, die überraschende Schlaglichter werfen. Intelligent ist das fast immer, ziemlich abgefahren ebenfalls und im Glücksfall sogar erhellend.

Daths jüngster Streich trägt den sprechenden Titel Deutschland macht dicht. Da traben die Assoziationen, worum es gehen könnte, gleich rudelweise herbei: "Festung Europa", Pleiterepublik, Verengung der Herzen, sozialer Bankrott, politischer Offenbarungseid. Von alledem ist auch ein bisschen was drin. Aber bei Dath muss mit Unberechenbarkeit immer gerechnet werden, weil er ein großes Talent dafür hat, gerade gängige Themen ganz anders anzugehen als alle anderen.

In diesem Fall beginnt die Erzählung erheiternd übersichtlich, und zwar im Märchenton: "In der hübschen, aber viel zu teuren deutschen Stadt Frankfurt am Main lebte ein junger Mann." Der hübsche, gut gebaute junge Mann heißt Hendrik. Er ist der Held der in jeder Hinsicht märchenhaften Geschichte, obwohl er manchmal völlig aus dem Blick gerät. Denn die Handlung erreicht beträchtliche Verwicklungsgrade, und das Ensemble der Figuren ist groß. Doch Hendrik spielt deshalb die zentrale Rolle, weil er der Ritter dieses Märchens ist: der Wahrheitssucher und der jugendliche Geist, der sich die Welt ganz anders und viel besser wünscht. "Die aus eigener Schuld Dummen und Elenden hatten Angst vor ihm. Von denen gab es viele." Als kleiner Aufklärer würde er also mit Kant "den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" empfehlen. Das Zeug zum Terroristen hat er allerdings, zumindest rhetorisch, auch. Denn wenn er auf "ferngesteuerte Bankidioten" trifft, sagt er ihnen klipp und klar: "Du gehörst beseitigt."

In Daths Märchen-Frankfurt konzentrieren sich, so wie in der Wirklichkeit, entscheidende Institutionen der Republik. Zum einen der Turm des Geldes und zum andern die Erhabene Zeitung, die manche Ähnlichkeit mit der FAZ aufweist, deren Redakteur Dath ein paar Jahre lang war. Dort arbeiten die Spitzenkräfte der kommentierenden Klasse im Verein mit feuilletonistischen Weltenrichtern unermüdlich daran, das Schicksal des Gemeinwesens mit wohlgesetzten Worten zu begleiten. Wobei allerdings, angesichts der sich allseits dramatisierenden Lage, die sprachliche und sonstige Contenance zunehmend ins Wackeln gerät. Schiere Panik und fein formulierte Ratlosigkeit fallen zusammen und erzeugen einen unheilvollen Sog.

Mit von der Katastrophenpartie sind der für Kultur zuständige Herausgeber Herr Vollfenster und seine Tochter Rosalie, kritisch, furchtbar gescheit und in Hendrik verliebt. Die Seite des Geldes verkörpert unter anderen Hilde Pinguin, die aus Verzweiflung an der Wirtschaft schon anfängt, ihr Kapital in Kunst zu stecken, wobei ihr Professor Kilian mit seinem Theorie-Geblubber zur Seite steht.