Dietmar Dath »Du gehörst beseitigt«Seite 2/2
Kurz, es läuft darauf hinaus, dass Deutschland dichtmacht, indem es regelrecht zusammenklappt, das aber auf erzählerisch ebenso abenteuerliche wie komplizierte Weise. Der Kanzler tritt auf und beschließt, beraten vom Geist des Ökonomen Schumpeter, das Land zuzusperren, damit die ganzen komplizierten Einflüsse der Globalisierung nicht mehr alles durcheinanderbringen können. Oder so ähnlich, in den Worten des Kanzlers: »Dieses Abschotten und Aufräumen, erst mal den eigenen Laden in Schuss bringen, und dann sortieren, wer später irgendwann wieder rein kann, den ganzen Handel und Wandel, einerseits Einwanderer, andererseits Export … Monogenis-Plan. Internet abschalten. Prima.«
Daths Märchen von der Katastrophe und der Errettung Deutschlands ist Satire und Schelmenromänchen, Fantastik-Geschichte und Symbol-Comic, Grand-Guignol und Science-Fiction zugleich. Deutschland implodiert als System und faltet sich nach dem Muster fantastischer Wissenschaft auf eine Weise zusammen, dass ganz surreale Bewegungsräume und physikalische Bedingungen entstehen.
Und in dieser apokalyptischen Märchenlandschaft findet ein Endkampf statt zwischen Geld, Politik, den jungen Helden Hendrik und Rosalie sowie einer Fülle weiterer Akteure. Sogar die Kunst tritt auf in Gestalt des Gemäldes Ohne Titel, das jedoch nicht nur in der Lage ist, seine Betrachter in die Sphären des Unbewussten zu schicken, sondern sich auch ohne Weiteres in ein kampfkräftiges Ufo verwandeln kann. Die Kunst vermag, so lässt sich daraus ablesen, viel und bekommt auch tüchtig zu tun, weil die Menschen ziemlich am Ende ihrer Weisheit sind.
Ein anderer Schlaumeier ersten Ranges ist Mandelbaum, von dem das Buch die Gattungsbezeichnung Eine Mandelbaumiade hat. Das ist ein kleiner Stoffhase, den der Autor mit einem Meta- und Allbewusstsein ausgestattet hat. Er verkörpert den hellen Geist, der den meisten anderen Köpfen fehlt. Mandelbaum führt die jungen Systemkritiker Hendrik und Rosalie durchs turbulente Geschehen und erklärt ihnen, was zu erklären ist.
Ach ja, und das Geld hat auch eine körperliche Gestalt. Es ist ein hässliches bleiches Gespenst, das sich von dem grausigen Ungeheuer Sumsilatipak – von hinten gelesen: Kapitalismus – beschützen lässt.
Es ist jedenfalls mächtig was los auf diesen zweihundert Seiten, sowohl im Hinblick auf Action als auch auf Semantik, Metaphorik und narrative Geisterbahn. Und es ist nicht zu leugnen: Auch dem geneigtesten Leser muss da der Kopf schwirren, und gelegentlich möchte man ein Gnadengesuch an den Autor stellen, dass er einen doch bitte mit seiner zwischen blitzgescheit und durchgeknallt schwankenden Einfallskraft nicht ganz so haltlos herumschleudern möge.
Aber Dath zeigt sich auch hier wieder als ein geistig hyperventilierender Autorenkopf, der in jeder Hinsicht so emsig produziert, dass die Publikation sich schon fast zur Proliferation steigert. Doch keine Klage, er lässt sich was einfallen, und auch wenn nicht jeder Einfall die Höhe der Idee erreicht, ist die Trefferquote nicht schlecht. Immerhin arbeitet er hart und zweifellos auch mit fröhlichem Wissenseifer an der Beleuchtung gegenwärtiger Widersprüche. »Allwissenheit und geruchsintensiver Unfug, Theorie und Praxis. Das sind die beiden Pole, zwischen denen wir vom privaten Träumen bis zum öffentlichen Meinen das fadenfeine Netz aufgespannt haben, das für uns die ganze Welt ist.«
Der »geruchsintensive Unfug« ist übrigens ein islamistischer Krieger, der als schwer bewaffneter Käse auftritt, gespickt mit Dynamitstangen. Comic-Fantasie und theorieverbürgte Bildhaftigkeit treten hier fortwährend im lustigen Duett auf. Am Ende zischt auch noch der Heiland als Cowboy-Jesus schlagkräftig durch die Szene, womit dann nach vielem Wirbel das Geld besiegt wird. Was für ein Märchen natürlich die richtige Lösung ist. Das Kunstwerk namens Ohne Titel fordert zum Schluss eine neue Welt, und der Plüschhase Mandelbaum will gleich unendlich viele davon: »Das Gegenteil der Abdichtung eben: totale Öffnung.«
Totale gedankliche Öffnung, das dürfte auch das sein, was Dath mit seinem turbulenten Märchen bewirken möchte. Und da ist es keine schlechte Idee, das Figureninventar von Jugendzimmern und Studierstuben zu vereinen, damit der Vorstellungskraft intelligent und lustig auf die Sprünge geholfen werden kann. Die Lektüre von Deutschland macht dicht kann dabei als Beschleuniger dienen.
Ist das nun deshalb große Literatur? Es ist eher ein Spitzenerzeugnis der kleinen literarischen Formen. Denn es macht großen Spaß, zu verfolgen, wie Dath die immer behäbige, nicht selten schwindelhafte Schwere öffentlicher und politischer Diskurse durch die oftmals federleichte Triftigkeit seines Fabulierens konterkariert. Für Wunderkinder, die schon Fachwörter nachschlagen können, ist das eine schöne Lektüre, erst recht aber für Erwachsene, die ein bisschen Wunderkind werden wollen.
- Datum 07.04.2010 - 11:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
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Muss sofort das bleiche Gespenst zum Händler jagen, auf das das grausige Sumsilatipak-Monster zufrieden schnurrt.
Ich habe es ja das Buch nicht gelesen, nur den Artikel hier, aber es scheint ja ziemlich treffend den Zeitgeist zu beleuchten. Deutschlands Mainstream wie immer von totaliaerem Radikalismus. Erst radikal rationalistisch, dann radikal nationalistisch und militaristisch, dann radikal rassistisch und absolut toedlich auch fuer den anstaendigsten Menschen aus der Reihe der Andersartigen, dann radikal sozialrevolutionaer und permissiv auch fuer den letzten Strolch mit institutioneller Traenendruese und Mundkorb fuer Kritiker, und dann radikal sumsilatipakistisch und total global, und nun wieder sumsilatipakistisch i.V.m. Absicherung durch Sumsinoitnevretnistaats und Isolation in neuen Schlaeuchen. Geht denn in Deutschland nichts ohne radikale und totalitaere Doktrin? Denn das ist sie immer, selbst wenn sie sich gewaltlos und in zivilisierter Form ausdrueckt. Warum?
Warum? Die Frage stellst sich nicht wirklich. Wir sind nicht radikal, wären es aber gerne. Wenn einer einfach nur aufsteht und lacht, ist das schon peinlich und das ist sehr ungeschickt. Falls wir zu den Dichtern und Denkern zurückfinden, der auch mal herzlich über sich selbst lachen können, sind wir immun gegen die Dummheit. Denn dumm sein ist wirklich dumm.
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