Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich gehöre zum dreizehnten Stamm des jüdischen Volkes. Ich bin ein sogenannter Scheinjude. Seit mein Name in der Zeitung steht, bekomme ich vier oder fünf Mal im Jahr Briefe, in denen ich als Jude angesprochen, als Jude gelobt oder als Jude beschimpft werde. Das hängt mit meinem Namen zusammen. Viele denken, irrtümlicherweise, "Martenstein" sei etwas Ähnliches wie "Goldstein", "Bernstein" oder "Finkelstein". Außerdem schreibe ich häufig humoristisch, meine Freunde sagen, ich sei intelligent, ich lese gern, und meine Nase ist wohl auch etwas größer als der Durchschnitt. Dies alles mögen Klischees sein, doch für uns Scheinjuden ist daraus Lebenswirklichkeit geworden. In den Briefen steht entweder, dass ich eine miese Sau sei. Oder es heißt, ausgerechnet ich, wo mein Volk doch schon so viel gelitten hat, solle nicht Sachen schreiben, die anderen Schmerz zufügen, ich hätte aus der Geschichte wohl gar nichts gelernt. Oder es heißt bewundernd, ich sei ein typischer Vertreter des jüdischen Humors, so wie ich könne halt nur einer wie ich schreiben.

Das ist nicht erfunden, das habe ich alles gekriegt, und ich antworte natürlich immer als Jude. Der ersten Sorte schreibe ich: "Ich bin leider gegen die Todesstrafe, aber Ihnen müsste man mal so richtig Ihren arischen Arsch versohlen, das hat noch keinem geschadet. Und danach 100 Kniebeugen, hopp, hopp." Der zweiten Sorte schreibe ich, dass ich wegen meiner tragischen Familiengeschichte traumatisiert bin, das Schreiben lustiger Kolumnen sei meine Methode, mein Trauma zu verarbeiten. Ohne das Trauma müsste ich vermutlich als Dachdecker oder im Callcenter arbeiten statt schön im Warmen als Kolumnist, deswegen sei ich dem deutschen Volk sehr dankbar für mein Trauma, ich hätte also durchaus aus der Geschichte etwas gelernt. Um meine Dankbarkeit zu beweisen, wolle ich dem Briefschreiber gern ein paar Mazze schicken oder einen gefillten Fisch. Zum Zeichen der deutsch-jüdischen Freundschaft würde ich ihm den Fisch persönlich mit Currywurst fillen.

Der dritten Sorte schreibe ich, dass auch das deutsche Volk besondere Talente besitze, die Deutschen seien zum Beispiel, wie die ganze Welt weiß, besonders gut beim Sex. Die Deutschen hätten ja bekanntlich auch diese riesigen Geschlechtsteile. Deswegen sei ich extra aus Tel Trumpeldor nach Neukölln übersiedelt, und ich würde freiwillig all meinen Humor dahingeben, der ja nur Sublimierung sei, wenn ich dafür nur einen Monat lang die gleichen sexuellen Fähigkeiten bekommen dürfte wie ein Deutscher. Es ist niemals ein zweiter Brief gekommen.

Das nächste Laubhüttenfest feiere ich mit meiner Berliner Kolumnistenkollegin Esther Kogelboom, die ebenfalls zum Stamme der Scheinjuden gehört, wir werden am Alexanderplatz eine Laubhütte in Gestalt einer bayerischen Barockkapelle errichten und im Kanon Hava Nagila jodeln. Dazu gibt es eine siebenarmige Laugenbrezel, denn wir stehen zwischen den Kulturen.

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