Martenstein Mein Leben als Scheinjude

Harald Martenstein wird regelmäßig von Lesern irrtümlich als Jude gelobt oder beschimpft. Inzwischen hat er eine ganz eigene Art entwickelt, damit umzugehen.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich gehöre zum dreizehnten Stamm des jüdischen Volkes. Ich bin ein sogenannter Scheinjude. Seit mein Name in der Zeitung steht, bekomme ich vier oder fünf Mal im Jahr Briefe, in denen ich als Jude angesprochen, als Jude gelobt oder als Jude beschimpft werde. Das hängt mit meinem Namen zusammen. Viele denken, irrtümlicherweise, "Martenstein" sei etwas Ähnliches wie "Goldstein", "Bernstein" oder "Finkelstein". Außerdem schreibe ich häufig humoristisch, meine Freunde sagen, ich sei intelligent, ich lese gern, und meine Nase ist wohl auch etwas größer als der Durchschnitt. Dies alles mögen Klischees sein, doch für uns Scheinjuden ist daraus Lebenswirklichkeit geworden. In den Briefen steht entweder, dass ich eine miese Sau sei. Oder es heißt, ausgerechnet ich, wo mein Volk doch schon so viel gelitten hat, solle nicht Sachen schreiben, die anderen Schmerz zufügen, ich hätte aus der Geschichte wohl gar nichts gelernt. Oder es heißt bewundernd, ich sei ein typischer Vertreter des jüdischen Humors, so wie ich könne halt nur einer wie ich schreiben.

Das ist nicht erfunden, das habe ich alles gekriegt, und ich antworte natürlich immer als Jude. Der ersten Sorte schreibe ich: "Ich bin leider gegen die Todesstrafe, aber Ihnen müsste man mal so richtig Ihren arischen Arsch versohlen, das hat noch keinem geschadet. Und danach 100 Kniebeugen, hopp, hopp." Der zweiten Sorte schreibe ich, dass ich wegen meiner tragischen Familiengeschichte traumatisiert bin, das Schreiben lustiger Kolumnen sei meine Methode, mein Trauma zu verarbeiten. Ohne das Trauma müsste ich vermutlich als Dachdecker oder im Callcenter arbeiten statt schön im Warmen als Kolumnist, deswegen sei ich dem deutschen Volk sehr dankbar für mein Trauma, ich hätte also durchaus aus der Geschichte etwas gelernt. Um meine Dankbarkeit zu beweisen, wolle ich dem Briefschreiber gern ein paar Mazze schicken oder einen gefillten Fisch. Zum Zeichen der deutsch-jüdischen Freundschaft würde ich ihm den Fisch persönlich mit Currywurst fillen.

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Der dritten Sorte schreibe ich, dass auch das deutsche Volk besondere Talente besitze, die Deutschen seien zum Beispiel, wie die ganze Welt weiß, besonders gut beim Sex. Die Deutschen hätten ja bekanntlich auch diese riesigen Geschlechtsteile. Deswegen sei ich extra aus Tel Trumpeldor nach Neukölln übersiedelt, und ich würde freiwillig all meinen Humor dahingeben, der ja nur Sublimierung sei, wenn ich dafür nur einen Monat lang die gleichen sexuellen Fähigkeiten bekommen dürfte wie ein Deutscher. Es ist niemals ein zweiter Brief gekommen.

Das nächste Laubhüttenfest feiere ich mit meiner Berliner Kolumnistenkollegin Esther Kogelboom, die ebenfalls zum Stamme der Scheinjuden gehört, wir werden am Alexanderplatz eine Laubhütte in Gestalt einer bayerischen Barockkapelle errichten und im Kanon Hava Nagila jodeln. Dazu gibt es eine siebenarmige Laugenbrezel, denn wir stehen zwischen den Kulturen.

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Leser-Kommentare
  1. in der Ironie der Kolumne manch Übertriebenes enthalten sein mag, finde ich es irgendwie traurig, dass (wohl aufgrund der Reaktionen) der Tatsache, Jude zu sein oder für jüdisch gehalten zu werden, noch immer jede Beiläufigkeit/ Selbstverständlichkeit fehlt und dies (wenn auch in lustiger Form) thematisiert werden muss.

  2. marriott. Martenstein zeigt doch, dass die Hinweise auf sein vermeintliches Judesein eben gerade nicht beiläufig/selbstverständlich sind, sondern immer mit ganz konkreten - mal positiven und mal negativen - Erwartungen oder Urteilen verknüpft sind. Er macht es zum Gegenstand seiner Kolumne, weil er nicht "einfach so ganz normal" ein vermeintlicher Jude sein kann. Das wird entweder für oder gegen ihn verwendet, obwohl es eigentlich in den meisten Fällen egal sein könnte.

  3. Fritze Bollmann, finde ich traurig. Die von den Absendern der Briefe (wobei vier oder fünf im Jahr eine eher geringe Menge sind) geäußerten Urteile/Vorurteile/Beleidigungen und auch die Reaktion des Empfängers sind von Normalität und Selbstverständlichkeit leider immer noch weit entfernt.
    Wie sich "einfach so ganz normal" ein vermeintlicher Jude sein ausdrückt, ist mir aber auch nicht so ganz klar... vielleicht durch Gelassenheit?

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    das ist schade. Aber ich finde vier oder fünf Briefe im Jahr, die sich mit dem (vermeintlichen) Judesein eines Journalisten befassen, ohne dass der Journalist das selber thematisiert, schon eine Menge. Ich glaube jedem würde es ziemlich auf die Nerven gehen, wenn einem knapp alle zwei Montate vorgehalten würde - positiv oder negativ -, dass man eigentlich gar kein normaler Teil der Gesellschaft ist und jede Äußerung zu irgendeinem Thema mit seiner Religion in Verbindung gebracht wird, ohne dass es etwas damit zu tun hat. Denn abgesehen von bestimmten Themen spielt das doch keine Rolle. Wie viele Briefe kriegt wohl der bekennende Katholik Axel Hacke vom Tagesspiegel im Hinblick auf seine Konfession, wenn er über dies uns das schreibt? Das "ganz normale Judesein" das ich meinte, bedeutet, dass es im Regelfall gar kein Thema sein sollte, wenn es mit dem Thema auch gar nichts zu tun hat. Anders natürlich dann, wenn der Autor es selber zum Thema macht.Ich glaube aber, dass das alles nicht nur für Juden gilt. Autoren mit arabisch/türkischen Namen werden beispielsweise sicher ähnliche Briefe bekommen.

    das ist schade. Aber ich finde vier oder fünf Briefe im Jahr, die sich mit dem (vermeintlichen) Judesein eines Journalisten befassen, ohne dass der Journalist das selber thematisiert, schon eine Menge. Ich glaube jedem würde es ziemlich auf die Nerven gehen, wenn einem knapp alle zwei Montate vorgehalten würde - positiv oder negativ -, dass man eigentlich gar kein normaler Teil der Gesellschaft ist und jede Äußerung zu irgendeinem Thema mit seiner Religion in Verbindung gebracht wird, ohne dass es etwas damit zu tun hat. Denn abgesehen von bestimmten Themen spielt das doch keine Rolle. Wie viele Briefe kriegt wohl der bekennende Katholik Axel Hacke vom Tagesspiegel im Hinblick auf seine Konfession, wenn er über dies uns das schreibt? Das "ganz normale Judesein" das ich meinte, bedeutet, dass es im Regelfall gar kein Thema sein sollte, wenn es mit dem Thema auch gar nichts zu tun hat. Anders natürlich dann, wenn der Autor es selber zum Thema macht.Ich glaube aber, dass das alles nicht nur für Juden gilt. Autoren mit arabisch/türkischen Namen werden beispielsweise sicher ähnliche Briefe bekommen.

    • sity
    • 11.04.2010 um 16:01 Uhr

    Diese Kolumne muss wohl eine versteckte Täuschungsstrategie sein, bei welcher der Author seine wahre Identität unter dem Deckmäntelchen des Scheinjudentums zu verbergen sucht. In Wirklichkeit findet sich sicher eine jüdische Grossmutter im Familienstammbaum!
    Wir "Nichtarier" können dem Author nur ein herzliches "Masel Tov" wünschen zu dieser erfrischend frechen und saukomischen Kolumne!

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    nehme ich meine humorlosen, bierernsten Kommentare gern wieder zurück.

    nehme ich meine humorlosen, bierernsten Kommentare gern wieder zurück.

  4. nehme ich meine humorlosen, bierernsten Kommentare gern wieder zurück.

  5. Ich weiß nicht, warum ich bis jetzt jeden Artikel dieser Kolumne bis jetzt gelesen habe, Martenstein wird mir von Artikel zu Artikel unsympathischer.
    Ganz tief in Martensteins Unerbewusstsein steckt eine Grundeinstellung, die er nicht über Bord werfen kann.
    Diese Grundeinstellung heißt Antisemitismus. Warum denkt er sonst, er müsse sich in seiner Kolumne, die ja wirklich viele lesen, zu verstehen geben, dass er wirklich kein Jude ist. Haben ihn diese 5 Briefe im Jahr, die er diesbezüglich bekommt, dermaßen verletzt?
    Fand er es so unerträglich, dass einige Menschen denken, er gehöre dem jüdischen Glauben an?
    Wenn einige denken, ich sei Jude, laufe ich ja auch nicht durch die Straße herum und schreie "Ich bin kein Jude". Mir wär das gleichgültig, die anderen können ruhig denken, ich sei Hindu, Jude oder Konfuzianer. Der jüdische Glaube ist nichts, wovon man sich distanzieren müsste. In welchem Jahrtausend leben wir denn?

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    • rajo1
    • 18.04.2010 um 10:58 Uhr

    Martenstein spielt mit Identitäten bzw. mit Identifikationen, die (ZEIT-) gesellschaftlich relevant sind, und das mit einem feinem Humor, der Feindseligkeiten im besten Falle den Zahn zieht. Identität ist nichts Festes, das ist im Fluss, das müssen Sie zugeben, wenn Sie sich mal ganz unvoreingenommen morgens im Spiegel betrachten. Sie entsteht durch die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekten. Ein Jude kann sich nur wegen den Nichtjuden, und nun auch noch wegen den Scheinjuden als Jude identifizieren.
    Auch ich lese zunehmend Martensteins Kolumne, und er wird mir immer sympathischer!

    • rajo1
    • 18.04.2010 um 10:58 Uhr

    Martenstein spielt mit Identitäten bzw. mit Identifikationen, die (ZEIT-) gesellschaftlich relevant sind, und das mit einem feinem Humor, der Feindseligkeiten im besten Falle den Zahn zieht. Identität ist nichts Festes, das ist im Fluss, das müssen Sie zugeben, wenn Sie sich mal ganz unvoreingenommen morgens im Spiegel betrachten. Sie entsteht durch die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekten. Ein Jude kann sich nur wegen den Nichtjuden, und nun auch noch wegen den Scheinjuden als Jude identifizieren.
    Auch ich lese zunehmend Martensteins Kolumne, und er wird mir immer sympathischer!

    • rajo1
    • 18.04.2010 um 10:58 Uhr

    Martenstein spielt mit Identitäten bzw. mit Identifikationen, die (ZEIT-) gesellschaftlich relevant sind, und das mit einem feinem Humor, der Feindseligkeiten im besten Falle den Zahn zieht. Identität ist nichts Festes, das ist im Fluss, das müssen Sie zugeben, wenn Sie sich mal ganz unvoreingenommen morgens im Spiegel betrachten. Sie entsteht durch die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekten. Ein Jude kann sich nur wegen den Nichtjuden, und nun auch noch wegen den Scheinjuden als Jude identifizieren.
    Auch ich lese zunehmend Martensteins Kolumne, und er wird mir immer sympathischer!

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