Er lag bereits im Sarg, da hat Father Lawrence Murphy seine Kirche ein letztes Mal betrogen. Wie der Priester in der Diözese Superior im US-Bundesstaat Wisconsin im Spätsommer 1998 bestattet werden sollte, darüber hatte es einen Briefverkehr zwischen höchsten Stellen in der katholischen Weltkirche gegeben. Eine private Beerdigungsfeier für den 72-Jährigen war angeordnet, der Sargdeckel sei geschlossen zu halten, der Kreis der Trauergemeinde auf die Angehörigen zu beschränken und jegliches Zeremoniell zu vermeiden, schließlich wurde hier ein schwerer Sünder beigesetzt. Bis zu zweihundert Kinder hatte Father Murphy missbraucht, alle taubstumm, als er von 1950 bis 1974 am St. John’s Institute für Taubstumme wirkte, zuletzt als Direktor. Doch der Priester und seine Angehörigen drehten den Opfern und Murphys Verfolgern in der Kirche noch am Grab eine lange Nase.

"Wir dachten, (Murphys) Familie hätte zugestimmt", jedes Aufsehen zu vermeiden, klagte nach der Beisetzung der Erzbischof von Milwaukee am 2. September 1998 in einem Schreiben an Tarcisio Bertone, den Sekretär der päpstlichen Glaubenskongregation in Rom . "Doch sie taten exakt das Gegenteil, verstießen gegen unsere Vereinbarung, luden Vertreter der Taubstummen-Gemeinde ein, hatten den Sarg offen und den Father in vollem Ornat."

Arthur Budzinski, ein Mann von 60 Jahren und taubstumm, liest in der Zeitung von Murphys Beerdigung. Noch heute springt er im Gespräch auf, stößt wütende Laute aus, läuft nervös herum und holt eine Küchenrolle, um die Tränen seiner Tochter Gigi zu trocknen, die Budzinskis Leid für die Außenwelt in Worte übersetzt.

Was den gelernten Drucker bis heute aufbringt, war das Ende eines über zweijährigen, ungleichen Kampfes um einen geständigen Sexualstraftäter, den ein amerikanischer Erzbischof aus dem Verkehr ziehen wollte und den ein späterer römischer Kurienkardinal im Priesteramt hielt: Tarcisio Bertone war damals der engste Vertraute des Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger , und dient dem heutigen Papst als Kardinalstaatssekretär. In dieser Funktion ist er Ministerpräsident des Vatikans, der zweitmächtigste Mann der Kurie, und möglicherweise der Hauptschuldige in einem Fall, der wie kein zweiter den Papst in ein Manöver der Unterdrückung der Wahrheit impliziert. Bertone selbst sagt von sich, er habe gelernt, "dem Papst treu zu sein und mein Leben für den Papst und die Kirche hinzugeben".

Was den Fall so besonders macht, ist die Dichte der Belege, deren Freigabe die Anwälte von fünf von Father Murphys Opfern vor Gericht erzwangen. Die Dokumente liegen der ZEIT vor und legen eine Spur, die vom Schreibtisch des amerikanischen Erzbischofs Rembert Weakland direkt in den Vatikan führt.

Seither drängt eine Frage: Warum vereitelte der Vatikan die Zurückversetzung in den Laienstand eines damals zwar alten und kranken, aber über Jahrzehnte hin gemeingefährlichen Priesters? Warum bremste die Glaubenskongregation einen amerikanischen Erzbischof aus, der, ausgestattet mit einer Fülle von Fakten und Geständnissen, dringend um Beistand bat? Wusste Kardinal Ratzinger von Weaklands Ersuchen? Und wenn sein Sekretär allein handelte, was trieb Tarcisio Bertone an? Immerhin ließ Weakland ihn nicht im Ungewissen, wie gefährlich das Schweigen des Vatikans noch werden könne. "Ein richtiger Skandal in naher Zukunft scheint möglich", denn erste Opfer erwägten eine Zivilklage gegen die Kirche, wodurch der Fall wohl öffentlich würde.