Heilbronn? Sicherlich kein Ort, den man spontan mit Bildender Kunst in Verbindung brächte. Und doch ist gerade Heilbronn ein gutes Beispiel für die oft erstaunlich hohe Museumsdichte und Sammlungsqualität in der deutschen Peripherie – und dafür, wie stark diese im bürgerschaftlichen Engagement wurzeln.

Gegründet 1879 von Heilbronner Bürgern als Museen für Stadtgeschichte, Naturkunde sowie Vor- und Frühgeschichte, wurden die einzelnen Departements nach 1945 in einem Mehrspartenhaus zusammengeführt. Seitdem logieren die Sammlungen im sogenannten Deutschhof, einer ehemaligen Hauskommende des Deutschen Ordens. Erst in den Siebziger Jahren gründete der damalige Direktor Andreas Pfeiffer eine eigenständige Kunstsektion und setzte vor allem auf die westeuropäische Kleinplastik und auf plastische Skulpturenentwürfe, darunter Bozzetti von Auguste Rodin ebenso wie von Medardo Rosso, Joseph Beuys oder Henry Moore. Die Vorliebe für Kleinformatiges grenzt die Städtischen Museen ab von bunten Sammlungssalaten und entspricht zugleich dem schwäbischen Hang zum Understatement: Wir sammeln alles, außer Monumentales.

Einmalig in Heilbronn ist die 300 Teile umfassende, repräsentative Kollektion von Beuys‘ Multiples. Als Kleinstglanzstück der Sammlung darf die nur 20 Zentimeter hohe Keramikplastik Figurine (1956) von Joan Miró gelten. Auf einer halbzylindrischen Plinthe balancieren drei ungleiche Elemente wie in einem surrealistischen Flohzirkus: ein amorpher Klumpen, ein schimmernder Ring und ein abstrahierter Kopf – Kunst, die in ihrer heiteren Melancholie von einer Freiheit träumt, die nur sie selbst erzeugen kann.

Die Werke weniger bekannter, regionaler Künstler mögen nicht immer von überragendem ästhetischen Wert sein, doch sie wecken durchaus ethnologisches Interesse. Man ist ja heute fast schon froh, nicht ständig über Picassos und Warhols stolpern zu müssen und stattdessen ein wenig im Unbewussten der Kultur stöbern zu können. Wer etwa kennt Hal Busse, eine Heilbronner Künstlerin, die zeitgleich mit Günther Uecker Nagelbilder entwarf und im Umfeld der ZERO-Gruppe arbeitete?

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Erneut waren es die Bürger, die im Verbund mit der Stadt die Museen unterstützten. So wurde 1982 der Verein der Freunde der Städtischen Museen Heilbronn gegründet, der heute über 400 Mitglieder umfasst. Manch schwäbischer Unternehmer investierte seinen finanziellen Überschuss in ein Stück »interesseloses Wohlgefallen« (Immanuel Kant) und beteiligte sich zugleich cleverlemäßig an einem »weichen« Standortprojekt.

Ist es ein Zufall, dass die intensivierte Sammeltätigkeit mit der Ministerpräsidentenschaft von Lothar Späth zusammenfällt? Späth plädierte bekanntlich für »High Culture« als Pendant zu »Hightech«, gewissermaßen als schwäbisches Äquivalent zum bayerischen »Laptop und Lederhose«.

Für die Liquidität der Kunst am Neckar sorgte bezeichnenderweise ein lokaler Hersteller von Wasseraufbereitungsanlagen: Ernst Franz Vogelmanns Mäzenatentum erlaubte seit Mitte der 1980er Jahre Ankäufe trotz knapper öffentlicher Budgets, darunter Plastiken von Norbert Kricke, George Rickey und Ulrich Rückriem. Vogelmann war ein altmodischer Sammlertyp, keine neoliberale Neuausgabe des »Indianerhäuptlings, der sich durch das Verschenken seiner Güter erhaben erklärt über den Kreislauf von Geben und Nehmen« (Beat Wyss).