Europa Ein halber Hegemon
Deutschland ist zu groß, um in Europa nur an sich zu denken
©Olivier Hoslet /dpa

Europa war in der Frage um Griechenlands Rettung lange uneins. Wenn Deutschland blockiert, kann sich Europa jedoch nicht bewegen
Das griechische Problem, das Europa in Atem hält, verdeckt ein deutsches. Denn die Finanz- und Wirtschaftskrise hat nicht nur Athens Schummeleien bloßgelegt, sie hat nicht nur ökonomische Unterschiede zwischen einem produktiven, exportorientierten Deutschland und einem südlichen Europa, das sich schlecht an den internationalen Wettbewerb angepasst hat, zutage gefördert. Nein, da gibt es noch ein anderes Problem: den Mangel an Solidarität. Damit ist die deutsche Frage gestellt – und zwar weniger auf wirtschaftlichem Gebiet als auf dem der Politik.
Der Vorwurf des wirtschaftlichen Egoismus, der in den vergangenen Wochen vor allem in Frankreich und Großbritannien gegen die Deutschen erhoben wurde, ist fehl am Platz. Angeblich, so hieß es, erdrücke Deutschland mit seinen Exportüberschüssen die europäischen Partner. Sogar mit China wurde Deutschland verglichen: Beide Länder brächten mit Lohndumping Europa und die Welt aus dem Gleichgewicht.
Doch es ist lächerlich, deutsche und chinesische Löhne miteinander zu vergleichen. Die deutschen Löhne sind hoch, höher als die französischen. Ein Vergleich der Lohnentwicklung mit den Jahren 1993 und 1994, die oft als Basis herangezogen werden, ist irreführend, da in den Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung ein keynesianischer Boom stattfand. Die maßvolle Entwicklung der Löhne in den folgenden Jahren wirkte mäßigend auch auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit – und das wiederum bedeutete, dass insgesamt mehr Geld in den Haushalten zur Verfügung stand. Ob die Bürger dieses Geld auch ausgeben und wenn ja, wofür, das ist eine Frage, die nicht von den Regierenden entschieden wird.
Man könnte meinen, hinter der Kritik an der deutschen Wirtschaftsleistung stehe ein Mangel an Kenntnissen. Doch dass, beispielsweise, die Verbraucherpreise in Deutschland niedriger sind als in Frankreich, ist durchaus kein Geheimnis. Erst vor zwei Jahren hatte der damalige französische Minister Luc Chatel darauf hingewiesen, nachdem er in Straßburger und Kehler Supermärkten einkaufen gegangen war. Und dass – abgesehen von Transportgütern, Waffen und den Erzeugnissen der Nuklearindustrie – französische Industrieprodukte Exportprobleme haben, war kürzlich Thema einer innerfranzösischen Debatte, die so heftig wie kurzlebig war.
Der Streit um deutsche Exporte ist nicht neu. Er entflammte schon in den siebziger Jahren, nach der Blüte des deutschen Wirtschaftswunders und der Abwertung des französischen Franc. Schon damals häufte Deutschlands Wirtschaft Jahr für Jahr Überschüsse an. Hochwertige Produkte fanden Kunden in aller Welt, egal, was sie kosteten. Damals kamen die Erlöse den Löhnen und dem sozialen Frieden in Deutschland zugute, aber die Konkurrenz tat den Nachbarn weh. Die Auseinandersetzung ist inzwischen vergessen – ebenso wie die entgegengesetzte Debatte um den deutschen Niedergang. In den achtziger Jahren ging die Sorge um, dass Deutschland die neue industrielle Revolution verpassen könnte. Das wurde nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Frankreich registriert, weil man um den deutschen Konsum fürchtete.
Mit anderen Worten: Mal sind die Deutschen zu stark, dann wieder zu schwach – es scheint gerade so, als könnten sie es ihren europäischen Nachbarn nie recht machen.
Es fällt schon auf, dass die viel zitierte "Konvergenz" der europäischen Partner recht unterschiedliche Deutungen erfährt. Wenn es um Beitrittskandidaten geht, sollen diese Länder ihre Wirtschaftsleistung auf das Niveau der Europäischen Union anheben. Geht es hingegen um Deutschland, soll sein Niveau nach unten gedrückt werden – und das in einer entgrenzten Welt des Wettbewerbs. Als ob Baden-Württemberg nicht alles besser machen dürfte…
- Datum 01.04.2010 - 17:25 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
- Kommentare 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





....Deutschland gegen die Finanzkrise vergleichsweise wenig getan hat. Da braucht man lediglich die Haushaltsdefizite anzusehen. Auch ist das deutsche Wirtschaftsmodell sehr ähnlich dem chinesischen und in sich nicht nachhaltig. Es kann nur über Exporte existieren. In sich ist es im Ungleichgewicht.
Frankreich sollte sich nicht über die EU und den Euro beschweren. Über Jahrzehnte hinweg hat Frankreich enorm durch den Europäischen Binnenmarkt profitiert. Men denke dabei nur an den Agrarbereich.
Die Franzosen haben allerdings ökonomisch ihre Hausaufgaben schon seit vielen Jahren nicht mehr gemacht. Ihr Defizit im Außenhandel ist französisch hausgemacht. Man sehe sich dazu einmal die Statistiken bei Eurostat an.
wie die meisten anderen europäischen Staaten auch.
Da muß Deutschland noch was tun!
wie die meisten anderen europäischen Staaten auch.
Da muß Deutschland noch was tun!
Bei den hier immer wieder aufflammenden Rivalitäten und Sticheleien gebe ich der Währungsunion noch 1 - 2 Jahre und der EU in der völlig überdehnten Konstellation vielleicht 5 Jahre. Eine Neugründung mit den Kernländern und dann aber mit gleichrangiger Behandlung Deutschlands wäre dann überzeugend.
....wenn sie in einer Verfassung gegründeten Souveränität eingebettet ist, müsste man auch eine Neugründung der EU zur gleichen Zeit bedenken. So könnte man auch die Legitimität sicherstellen und das wachsende Misstrauen in die Politiker heilen.
....wenn sie in einer Verfassung gegründeten Souveränität eingebettet ist, müsste man auch eine Neugründung der EU zur gleichen Zeit bedenken. So könnte man auch die Legitimität sicherstellen und das wachsende Misstrauen in die Politiker heilen.
....wenn sie in einer Verfassung gegründeten Souveränität eingebettet ist, müsste man auch eine Neugründung der EU zur gleichen Zeit bedenken. So könnte man auch die Legitimität sicherstellen und das wachsende Misstrauen in die Politiker heilen.
wie die meisten anderen europäischen Staaten auch.
Da muß Deutschland noch was tun!
Die Einführung von Mindestlöhnen sehe ich nun nicht als eine positive Errungenschaft an. Allerdings führt uns die Begründung für die Ablehnung weit vom Thema ab.
Aber soviel sei noch gesagt: Es gibt eine empirische Studie, in der belegt wird, daß die Einführung von Mindestlöhnen in Frankreich erheblich zu einer hohen Jugendarbeitslosigkeit beigetragen hat - neben anderen Gründen.
Die Einführung von Mindestlöhnen sehe ich nun nicht als eine positive Errungenschaft an. Allerdings führt uns die Begründung für die Ablehnung weit vom Thema ab.
Aber soviel sei noch gesagt: Es gibt eine empirische Studie, in der belegt wird, daß die Einführung von Mindestlöhnen in Frankreich erheblich zu einer hohen Jugendarbeitslosigkeit beigetragen hat - neben anderen Gründen.
... ein typischer ZEIT-EU-Artikel. Kritiklos, ohne neue Ideen, tendenziös.
Es langweilt auch erheblich, dass deutsche Journalisten auf die Außenhandelsproblematik fast ausschliesslich personalisierend reagieren. Weder sind "die Griechen", noch "die Deutschen" noch irgendwelche anderen Völker *schuld*.
Es ist natürlich eine Tatsache, dass in Deutschland der Binnenmarkt schrumpft und die Löhne sinken und dass wir auch deshalb viel exportieren. Das ist aber letztlich ein volkswirtschaftliches Problem. Das kann man nicht lösen, indem man sich gegenseitig mit Vorwürfen überschüttet oder mal eben Unternehmen xyz höhere Löhne aufdiktiert. Was es braucht ist ein SYSTEM, welches das Gleichgewicht zwischen den Staaten dauerhaft ERZWINGT. Das sollte nach Möglichkeit auch kein simples Transfersystem sein, ein solches zementiert lediglich Abhängigkeiten und ist unbeliebt (siehe Solibaitrag).
Keynes hatte bei der Bretton-Wood-Konferenz ein Ausgleichsystem vorgeschlagen:
http://de.wikipedia.org/w...
Es ist bestimmt nicht 1:1 übernehmbar, aber dahin sollte die Richtung gehen. Einen Solipakt2 auf EU-Ebene wird es nämlich nicht geben, er würde die EU noch viel mehr in Misskredit bringen. Auch haben die Deutschen, zu Recht, die Nase voll Nettozahler zu sein, während nur eine kleine Elite die Profite der EU abschöpft...
Sie schreiben: "Es langweilt auch erheblich, dass deutsche Journalisten auf die Außenhandelsproblematik fast ausschliesslich personalisierend reagieren."
Die Autorin: "Anne-Marie Le Gloannec ist Forschungsdirektorin an der Sciences Po in Paris."
Tja, Deutsche Journalisten ....
Sie schreiben: "Es langweilt auch erheblich, dass deutsche Journalisten auf die Außenhandelsproblematik fast ausschliesslich personalisierend reagieren."
Die Autorin: "Anne-Marie Le Gloannec ist Forschungsdirektorin an der Sciences Po in Paris."
Tja, Deutsche Journalisten ....
kann auf Dauer nicht funktionieren.
Nationen, die Disziplin, Fleiß, Sparsamkeit und Enthaltsamkeit üben, werden nicht bereit sein, andere Nationen zu subventionieren, die beständig über ihre Verhältnisse leben. Zu diesen Nationen in der EU gehören nicht nur Griechenland, Spanien, Italien und Portugal, sondern auch Frankreich. Ein Land, das sich bei ca. 60 Mill. Einwohner über 5 Mill. Beamte, die 35 Stunden-Woche, Rente mit 55 bis 60 etc., ein Bonus-System für alle Staatsbetriebe das zum Himmel schreit, Bauern die seit bestehen der EWG nur kassiert aber nicht rationalisiert haben, darf nicht auf Kosten DEUTSCHER Steuerzahler ihr "dolce vita" weiterführen. Und wenn sie dann nach SOLIDARITÄT rufen, weil sie natürlich in Schwierigkeiten geraten, so ist für diese Disziplin-Losigkeit keine Mark (EURO) locker zu machen.
Das EU-System ist grundlegend zu ändern oder Deutschland verläßt diesen Haufen von Na..... .
Sie schreiben: "Es langweilt auch erheblich, dass deutsche Journalisten auf die Außenhandelsproblematik fast ausschliesslich personalisierend reagieren."
Die Autorin: "Anne-Marie Le Gloannec ist Forschungsdirektorin an der Sciences Po in Paris."
Tja, Deutsche Journalisten ....
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren