Martin Luther war mit dem »Geläuff« so wenig einverstanden wie mit dem Ablasshandel oder dem Zölibat. Pilgerfahrten, so schien ihm, führten nicht näher zu Gott, sondern zu dubiosen Zielen. Was sollte die lange Reise nach Santiago de Compostela bringen? »Lauf nicht dahin«, predigte der Reformator, »man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund da liegt.«

500 Jahre später drängen sich auf dem Jakobsweg die Wanderer, und viele andere alte Pilgerrouten werden wieder intensiv genutzt. Zwei gerade erschienene historische Karten dokumentieren das dichte Netz mittelalterlicher Pilgerwege in Deutschland und Europa, von Trondheim bis Granada und Sevilla, von Plymouth bis Przemysl und Istanbul. Vollständigkeit kann man nicht von ihnen verlangen – im Mittelalter gab es in Europa über 10000 Wallfahrtsorte. Aber allein der Blick auf die weitverzweigten, kaum eine Region aussparenden Pfade gibt eine Vorstellung vom Umfang der Pilgerei.

Auch die neuen Erhebungen machen Eindruck: Mehr als 100000 Wanderer lassen sich jährlich auf dem Jakobsweg registrieren, im »Heiligen Jahr« 2004 waren es gar 180000. Für 2010 werden neue Rekorde erwartet. Lourdes verzeichnet so viele Übernachtungsgäste wie die Touristenmetropole Venedig. In nicht christlichen Kulturkreisen sieht es ähnlich aus. Der japanische Achtundachtzig-Stätten-Weg auf der Insel Shikoku wird so stark frequentiert wie der Jakobsweg, nach Mekka pilgern jährlich rund zwei Millionen Menschen, beim hinduistischen Fest Kumbh Mela im indischen Allahabad versammelten sich 2001 an einem Tag 30 Millionen Gläubige zur größten Versammlung der Menschheitsgeschichte.

Pilgern ist ein Gemeinschaftserlebnis, das zeigen diese Zahlen. Gewiss gibt es auch die einsamen Wanderer auf den abgelegenen Routen zur Steinkirche von Stiklestad in Nordnorwegen oder zu den Eremitengrotten von Fiastra in den italienischen Marken. Aber sie bilden die Ausnahmen. Wo Pilger sind, herrscht oft Gedränge – auf dem Marktplatz von Altötting, im römischen Petersdom, in den Herbergen am Jakobsweg.

Über vierzig Pilgerwege führen zum Grab des Heiligen Jacob

Der französische Soziologe Émile Durkheim, einer der Begründer der modernen Sozialwissenschaften, hat in seinem 1912 erschienenen Werk Die elementaren Formen des religiösen Lebens kein Wort über Pilgerfahrten verloren und doch eine treffende Analyse des Phänomens geliefert. Durkheim studierte Rituale in archaischen Gesellschaften und wollte damit ein Licht werfen »auf die religiöse Natur des Menschen«. In der Tat sind die Übereinstimmungen verblüffend zwischen den religiösen Festen der von Durkheim beschriebenen Südseevölker und den weltweit verbreiteten Praktiken des Pilgerns. Immer handelt es sich um kollektive Ereignisse, die die beteiligten Menschen aus ihren gewöhnlichen Lebensverhältnissen heraustragen. Die Konzentration auf gemeinsame Ziele steigert das Lebensgefühl; alle Aktivitäten werden von der Gruppe getragen und verstärkt. Das gibt dem Einzelnen größere Zuversicht, erhöhte Energie und ein stärkeres Empfinden. »Innerhalb einer Ansammlung, die eine gemeinsame Leidenschaft erregt«, schreibt Durkheim, »haben wir Gefühle und sind zu Akten fähig, deren wir unfähig sind, wenn wir auf unsere Kräfte allein angewiesen sind.«