PilgernJa, wo laufen sie denn?

Wie im Mittelalter ziehen wieder Pilgerströme durch Europa – Betrachtungen zu einem Gruppenerlebnis zwischen Sinnsuche und Kommerz von Christoph Hennig

Der Schrein des Heiligen Olav im Nidarosdom zu Trondheim ist ein wichtiges Wallfahrtsziel Nordeuropas

Der Schrein des Heiligen Olav im Nidarosdom zu Trondheim ist ein wichtiges Wallfahrtsziel Nordeuropas   |  © Kalimedia

Martin Luther war mit dem »Geläuff« so wenig einverstanden wie mit dem Ablasshandel oder dem Zölibat. Pilgerfahrten, so schien ihm, führten nicht näher zu Gott, sondern zu dubiosen Zielen. Was sollte die lange Reise nach Santiago de Compostela bringen? »Lauf nicht dahin«, predigte der Reformator, »man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund da liegt.«

500 Jahre später drängen sich auf dem Jakobsweg die Wanderer, und viele andere alte Pilgerrouten werden wieder intensiv genutzt. Zwei gerade erschienene historische Karten dokumentieren das dichte Netz mittelalterlicher Pilgerwege in Deutschland und Europa, von Trondheim bis Granada und Sevilla, von Plymouth bis Przemysl und Istanbul. Vollständigkeit kann man nicht von ihnen verlangen – im Mittelalter gab es in Europa über 10000 Wallfahrtsorte. Aber allein der Blick auf die weitverzweigten, kaum eine Region aussparenden Pfade gibt eine Vorstellung vom Umfang der Pilgerei.

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Auch die neuen Erhebungen machen Eindruck: Mehr als 100000 Wanderer lassen sich jährlich auf dem Jakobsweg registrieren, im »Heiligen Jahr« 2004 waren es gar 180000. Für 2010 werden neue Rekorde erwartet. Lourdes verzeichnet so viele Übernachtungsgäste wie die Touristenmetropole Venedig. In nicht christlichen Kulturkreisen sieht es ähnlich aus. Der japanische Achtundachtzig-Stätten-Weg auf der Insel Shikoku wird so stark frequentiert wie der Jakobsweg, nach Mekka pilgern jährlich rund zwei Millionen Menschen, beim hinduistischen Fest Kumbh Mela im indischen Allahabad versammelten sich 2001 an einem Tag 30 Millionen Gläubige zur größten Versammlung der Menschheitsgeschichte.

Pilgern ist ein Gemeinschaftserlebnis, das zeigen diese Zahlen. Gewiss gibt es auch die einsamen Wanderer auf den abgelegenen Routen zur Steinkirche von Stiklestad in Nordnorwegen oder zu den Eremitengrotten von Fiastra in den italienischen Marken. Aber sie bilden die Ausnahmen. Wo Pilger sind, herrscht oft Gedränge – auf dem Marktplatz von Altötting, im römischen Petersdom, in den Herbergen am Jakobsweg.

Über vierzig Pilgerwege führen zum Grab des Heiligen Jacob

Über vierzig Pilgerwege führen zum Grab des Heiligen Jacob  |  © Kalimedia

Der französische Soziologe Émile Durkheim, einer der Begründer der modernen Sozialwissenschaften, hat in seinem 1912 erschienenen Werk Die elementaren Formen des religiösen Lebens kein Wort über Pilgerfahrten verloren und doch eine treffende Analyse des Phänomens geliefert. Durkheim studierte Rituale in archaischen Gesellschaften und wollte damit ein Licht werfen »auf die religiöse Natur des Menschen«. In der Tat sind die Übereinstimmungen verblüffend zwischen den religiösen Festen der von Durkheim beschriebenen Südseevölker und den weltweit verbreiteten Praktiken des Pilgerns. Immer handelt es sich um kollektive Ereignisse, die die beteiligten Menschen aus ihren gewöhnlichen Lebensverhältnissen heraustragen. Die Konzentration auf gemeinsame Ziele steigert das Lebensgefühl; alle Aktivitäten werden von der Gruppe getragen und verstärkt. Das gibt dem Einzelnen größere Zuversicht, erhöhte Energie und ein stärkeres Empfinden. »Innerhalb einer Ansammlung, die eine gemeinsame Leidenschaft erregt«, schreibt Durkheim, »haben wir Gefühle und sind zu Akten fähig, deren wir unfähig sind, wenn wir auf unsere Kräfte allein angewiesen sind.«

Leserkommentare
  1. Schön wäre es aber, wenn "Die Zeit" Punkte in solchen zahlen nutzen würde, damit man sie lesen kann: 180000

    Der größte Unterschied zwischen heute und damals wird jedoch immer übersehen: Früher war nicht Santiago das Ziel, sondern Zuhause. Heute pilgern wir dahin und fliegen mit EasyJet raus.

    Ich habe auf meinem (englischsprachigen Blog) versucht, das Phänomen zu erklären:
    http://notesfromotherside...

  2. Zitat:
    ____________________________________________________________
    "Die mittelalterlichen Gläubigen hatten dazu einen sehr pragmatischen, gleichsam physikalischen Bezug. In ihrer Vorstellung waren die sterblichen Überreste der Heiligen oder die Splitter vom Kreuz Christi aufgeladen mit einer unsichtbaren Kraft. Diese Energie strahlte auf die Umgebung aus und imprägnierte Menschen und Objekte. In modernen Begriffen ausgedrückt: Sie wirkte ähnlich wie radioaktive Strahlung, nur eben positiv."
    ____________________________________________________________

    Das ist, mit Verlaub, kompletter Nonsens. Eine solche Vorstellung gab es gar nicht. Das ist alles der Elektrizitätslehre entliehen und die gab es zur angesprochenen Zeit der Reliquienverehrung ganz und gar nicht.

    Die Reliquien wurden nur durch dierekte Berührung zu Reliquien, und die waren und sind graduell unterschiedlich.

    Wenigstens ein bisschen mehr Recherche bitte.

    Übrigens hatte auch die Platonische Liebe einen Heute kaum mehr vorstellbaren Stellenwert in der katholischen Vorstellungswelt. Selbstverständlich erst ab der Renaissance. Ohne das jetzt vertiefen zu wollen. Aber "ohne Körperkontakt" galt als was ganz lächerlich Schräges.

    Was also stimmt, waren der angesprochene "Pragmatismus"
    Aber wie geschrieben, "aufgeladen" oder Ähnliches, Fehlanzeige.

  3. Ein sehr kluger, ein stark soziologisch und philosophisch-kulturell geprägter Zeit-Artikel, der auf viele wesentliche Aspekte und Kernpunkte des Wanderns und Pilgerns gestern und heute hinweist. Ich habe ihn gern und mit Gewinn gelesen.

    Vielleicht sollte man noch hinzufügen, dass das Wandern als solches in den letzten Jahren sehr viele Anhänger gefunden hat, besonders unter jungen Leuten, während das Zufußgehen bis in die 90er Jahre hinein eher noch verpönt war.

    Insofern sehen wir hierin eine sehr positive Entwicklung, eine, die die Menschen auf die existentiellen Grundlagen in der Natur und die ihre noch zurückführt. Dazu gehört aber auch, Augen und alle übrigen Sinne offen zu haben, sie beim Gehen offen zu halten - oder sich diese von solchem Gang ins Offene öffnen zu lassen. Daher ist das Wandern, genauer gesprochen das Fernwandern für jemanden, der sensibel und emotional ist, so unerlässlich, um über sich und die Welt mehr zu erfahren und mehr zu finden, als man nach allen objektivierbaren Tatsachen schon ist.

    Ich weiß, für einen echten Rationalisten, einen echten Realisten, ist das alles Schmonz. Aber zum Glück - es gibt nicht nur Rationalisten oder Realisten, sondern viele Menschen, die für mehr als die kalten Fakten der Tatsachenwelt empfänglich sind. Und sie haben damit nach allem, was wir wissen, so recht ...

    […]
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