Anschläge Tod im Schacht

Nach sechs Jahren der Ruhe kehrt der Terror nach Moskau zurück

Die Bombe zielte auf ein Symbol. Nur wenige Hundert Meter vom Zentrum der militärischen Staatsgewalt Russlands, in der U-Bahn-Station Lubjanka, sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in die Luft. Darüber liegt das Hauptquartier des Geheimdienstes FSB. Jenes Geheimdienstes, der in diesem Monat bei Spezialoperationen in den nordkaukasischen Republiken 20 Untergrundkämpfer getötet hat. Minuten später explodierte die zweite Bombe. War es Rache? Die zwei Selbstmordattentäterinnen, hieß es noch am Attentatstag, stammten aus dem Nordkaukasus. Der Anschlag glich früheren tschetschenischen Attentaten. Die Terroranschläge auf die U-Bahn haben nach sechs Jahren der Ruhe den blutigen Konflikt um Tschetschenien in Russlands Hauptstadt zurückgetragen.

Die Bomben sind ein Schlag für Präsident Dmitrij Medwedjew, war der doch erst kürzlich von der rücksichtslosen Nordkaukasus-Politik seines Vorgängers Putin abgerückt. Für Putin war der kaukasische Terror stets Herausforderung und Chance in einem. Als 1999 zwei Wohnhäuser in Moskau explodierten und das Attentat tschetschenischen Terroristen zugeschrieben wurde, konnte er, der graugesichtige Geheimdienstchef, sich als Präsidentschaftskandidat populär machen. Als Präsident schärfte er im Krieg mit den tschetschenischen Kämpfern sein Profil als unerbittlicher Garant der Einheit im russischen Vielvölkerreich. »Bis aufs Klo«, versprach er, wollte er sie verfolgen. Medwedjew dagegen wirkt als Hardliner wenig glaubwürdig – selbst dann, wenn er gleich seinem Vorgänger die Losung vom »kompromisslosen Kampf bis zum Ende« zwischen den Zähnen herauspresst.

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Medwedjews Stärken liegen in einer Politik, die sich gerade erst andeutet und doch schon in Gefahr ist. Sie setzt eher auf die Verheißungen des Wohlstands denn auf Kalaschnikows. Im Januar schuf Medwedjew einen neuen Distrikt, der die nordkaukasischen Republiken und das Stawropoler Gebiet umfasst. An die Spitze stellte er den 45-jährigen Alexander Chloponin, einen erfolgreichen Unternehmer mit besten Beziehungen zu einigen der reichsten Männer Russlands. »Hier wird ein Manager und nicht ein Diktator gebraucht«, sagte Medwedjew, als spiele er auf Putins Günstling, den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, an. »Die Ära der Generalgouverneure ist vorbei.« Chloponin soll den verarmten Kaukasusrepubliken zu Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen verhelfen.

Doch trifft die neue Politik nicht nur auf den Widerstand machthungriger Islamisten, sondern auch all jener, die vom bisherigen System profitiert haben: der Kriegsgewinnler aus Politik und Militär, welche die stets neuen Terroranschläge dazu nutzten, Geld aus Moskau einzufordern. Der nordkaukasischen Eliten, die sich unter Putin für ihre Loyalität ungestraft bereichern durften. In Tschetschenien schloss Putin für ein bisschen Frieden einen Teufelspakt mit dem Präsidenten Kadyrow ab: Kadyrow neutralisierte einen Großteil der früheren Aufständischen, indem er sie in seine Privatstreitkräfte aufnahm. Er machte den Islam zur Staatsreligion und ließ Grosnyj bis hin zu den Blumenrabatten am Putin-Prospekt wieder aufbauen. Dafür durfte er in seiner Republik die Opposition vernichten und eine diktatorische Herrschaft aufbauen.

Putins Rechnung schien lange aufzugehen.Aber zuletzt missfiel Moskau der ungezügelte Machtwille Kadyrows. Er baute Grosnyj zum internationalen Flughafen aus, eröffnete Auslandsvertretungen und erhob Ansprüche auf die Nachbarrepublik Inguschetien. Zudem mehrten sich die Zeichen, dass Kadyrows Selbstherrlichkeit immer mehr junge Männer zu den Widerstandskämpfern in die Wälder trieb. Der bewaffnete Widerstand griff längst auf die Nachbarrepubliken über. Im vergangenen Jahr war die Zahl der Terroranschläge in den nordkaukasischen Republiken um 30 Prozent auf 786 Taten gestiegen. In der tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan überlebt nur jeder zweite Bezirksvorsitzende sein Amt. Ein Scharfschütze tötete im vergangenen Jahr den dagestanischen Innenminister auf einer Hochzeitsfeier. In Inguschetien sprengte ein Selbstmordattentäter Polizisten während des Appells in die Luft.

Den Terroristen geht es schon lange nicht mehr um die Loslösung vom russischen Staat, die in den neunziger Jahren den Kampf der tschetschenischen Separatisten befeuerte. Auch die Bildung eines nordkaukasischen Islamreiches ruft nur einen Teil der Kämpfer zu den Waffen. Manch islamistische Gruppe bildet heute mit weltlichen Oppositionellen oder kriminellen Banden Allianzen im Kampf um die Macht. Geht es den Terroristen um Rache? Treibt sie Armut, kriminelle Energie oder der Dschihad? Keiner weiß das so genau zu sagen.

Leser-Kommentare
  1. "Geht es den Terroristen um Rache? Treibt sie Armut, kriminelle Energie oder der Dschihad? Keiner weiß das so genau zu sagen."

    Stimmt nicht ! Um 20:15 in den ARD-Nachrichten war sofort von
    Islamisten die Rede.

  2. Zeit "Geht es den Terroristen um Rache? Treibt sie Armut, kriminelle Energie oder der Dschihad?"
    Ob Afghanistan, Irak, Kaukasus, Nigeria ... - was ist der Unterschied?

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    • joG
    • 30.03.2010 um 12:30 Uhr

    ....da gibt es jede Menge Unterschiede und Verwandtschaften.

    • joG
    • 30.03.2010 um 12:30 Uhr

    ....da gibt es jede Menge Unterschiede und Verwandtschaften.

    • joG
    • 30.03.2010 um 12:30 Uhr

    ....da gibt es jede Menge Unterschiede und Verwandtschaften.

  3. haben sowohl Sie als auch Herr Voswinkel angeschrieben.
    Dessen Artikel finde ich übrigens beim zweiten Lesen noch besser.

  4. Und was mir noch auffällt:
    Ein schwerwiegendes Ereignis mit absehbar negativen Folgen
    und kaum Kommetare.
    Ach wäre das schön: Wenn die BRD-Gutmenschen bei anderen Themen, von denen sie auch nichts verstehen, auch schweigen würden.

    • tower
    • 30.03.2010 um 16:22 Uhr

    wer Wind sät,wird Sturm ernten.Es funltioniert eben nicht auf Dauer eine ganze Region mit brachialer Gewalt zu unterdrücken.Die neuerlichen Racheankündigungen und das Androhen von Vernichtung,seitens der Machthaber in Moskau,lassen darauf schliessen,daß sie nichts gelernt haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    was ist das für eine Rache ,wenn unschuldige
    Menschen kaltblütig ermordet werden ,wie kann
    man dafür Verständnis aufbringen und was sind das für
    Individien die es fertigbringen junge Frauen zu solch
    schrecklicher Tat zu "missionieren" und sie dazuzubringen
    ihr eigenes Leben zu opfern, das hört sich schon nach
    einem islamitischen Anschlag an,
    nach ihrem Verständnis soll Moskau ruhig zusehen und
    eventuell weitere Anschläge in Kauf nehmen?

    • tower
    • 31.03.2010 um 0:57 Uhr

    es liegt mir fern Verständnis für derartige Selbstmordanschläge zu haben,aber ich mache mir Gedanken über die Ursachen und die sind nicht von der Hand zu weisen.Wenn man gewisse Gruppen jahrelang gnadenlos verfolgt,sie ihrer Rechte beraubt und dezimiert,darf man sich nicht wundern,wenn diese zum allerletzten Mittel greifen .

    was ist das für eine Rache ,wenn unschuldige
    Menschen kaltblütig ermordet werden ,wie kann
    man dafür Verständnis aufbringen und was sind das für
    Individien die es fertigbringen junge Frauen zu solch
    schrecklicher Tat zu "missionieren" und sie dazuzubringen
    ihr eigenes Leben zu opfern, das hört sich schon nach
    einem islamitischen Anschlag an,
    nach ihrem Verständnis soll Moskau ruhig zusehen und
    eventuell weitere Anschläge in Kauf nehmen?

    • tower
    • 31.03.2010 um 0:57 Uhr

    es liegt mir fern Verständnis für derartige Selbstmordanschläge zu haben,aber ich mache mir Gedanken über die Ursachen und die sind nicht von der Hand zu weisen.Wenn man gewisse Gruppen jahrelang gnadenlos verfolgt,sie ihrer Rechte beraubt und dezimiert,darf man sich nicht wundern,wenn diese zum allerletzten Mittel greifen .

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