Ich habe einen Traum"Anders als Cäsar oder Napoleon kann man mich buchen"

Max Mannheimer hat die Lager in Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau überlebt. Mit Vorträgen an Schulen und Universitäten kämpft er für seinen Traum von einer Welt, in der es keinen Antisemitismus und Rassismus gibt. von Jörg Böckem

Zum Pessachfest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert, wünsche ich mir, dass die Juden niemals mehr in ihrer Existenz bedroht werden. Ich habe den Traum, dass bald ein Weg zu Frieden und Sicherheit im Heiligen Land gefunden wird – für beide Völker, Israelis und Palästinenser.

1995 begleitete ich Rudolf Scharping auf seiner ersten Israelreise als SPD-Vorsitzender. Mittags waren wir bei Jitzchak Rabin in der Knesset, am Abend bei Yassir Arafat in Gaza-Stadt. Ignatz Bubis, der zu unserer Delegation gehörte, erwähnte, Arafat habe ihm einmal gesagt: "Wir sind Vettern." Ich sagte zu Arafat: "Ich hoffe, wir werden eines Tages Brüder sein." Das habe ich ernst gemeint, und Arafat hat es auch so aufgefasst.

Beim Essen saß ich neben einem PLO-General. Der Maxl aus Neutitschein neben einem PLO-General, das war meschugge! Zum Abschied küsste Arafat Scharping. Auch mir gab er rechts und links einen Kuss und sagte: "Danke! Danke! Danke!"

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Max Mannheimer

Max Mannheimer, 90, wurde in der mährischen Stadt Neutitschein geboren (heute Tschechien). Mannheimer war Häftling in vier Konzentrationslagern. Von seiner Familie überlebten nur er selbst und sein Bruder den Holocaust. Bei seiner Befreiung am 30. April 1945 wog er 34 Kilogramm. Heute lebt Mannheimer in der Nähe von München. Er hält Vorträge in Schulen und Universitäten und verfasste Bücher über seine Erfahrungen. Seit den fünfziger Jahren malt er unter dem Künstlernamen ben jakov.

Ich habe die Lager Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau überlebt. Mein Gedächtnis ist sehr detailgenau. Die Erinnerungen sind auch nach 65 Jahren tief in meine Seele eingegraben. Ich habe mir oft gewünscht, vergessen zu können, leider war die Vergangenheit immer präsent. Ich hatte deswegen große psychische Probleme, hatte Angstträume und litt unter Depressionen. Ich dachte nur rückwärtsgewandt, alles stand in Bezug zur Lagererfahrung. Wir Überlebenden stehen in der Spannung zwischen Vergessen-Wollen und Nicht-vergessen-Dürfen. Das sind wir den Opfern schuldig: Ihre Leiden dürfen nicht im Vergessen verschwinden, damit würden sie noch einmal ausgelöscht.

Seit 24 Jahren halte ich Vorträge an Schulen und Universitäten. Anfangs brauchte ich Beruhigungstabletten, um das durchzustehen. Aber die Vorträge waren eine Art Therapie. Ich komme als Zeuge jener Zeit, nicht als Richter oder Ankläger. Ich erkläre den Schülern, dass sie nicht die Verantwortung dafür tragen, was geschehen ist, wohl aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Die Lehrer finden, dass meine Vorträge eine gute Ergänzung zum Geschichtsunterricht darstellen.

Ich habe viele Anfragen für Vorträge – anders als Cäsar und Napoleon kann man mich buchen. Sollte der Termin allerdings zu weit in der Zukunft liegen, kann ich nicht versprechen, dass ich komme. Mal sehen, wie lange der HERR da oben mich noch lässt. Ich hoffe, dass durch meinen Beitrag junge Menschen sensibel bleiben für alle Entwicklungen, die Demokratie und Menschenrechte gefährden.

Ich habe einen Traum
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Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Und so träume ich von einer Welt, in der Humanität an erster Stelle steht, in der Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben. Von einer Welt, in der junge Menschen einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Vergangenheit garantieren und aus der historischen Erfahrung von uns Überlebenden Handlungsmaximen für die Gegenwart ableiten. 

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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